Stories

Der dtv Verlag hat mir in den letzten Jahren immer wieder sehr schöne und bereichernde Neu- oder Wiederentdeckungen beschert. Da waren John Williams mit seinem Stoner, der ein all-time-fav ist, und Butcher’s Crossing – nix für zarte Gemüter, aber richtig gut, Dorothy Baker mit Zwei Schwestern, die mich überaus begeistert hat, Samuel Selvon mit Die Taugenichtse oder Will Cuppy mit Wie man ausstirbt, um nur mal ein paar Highlights zu nennen. Und da ich ein großer Fan von Shortstories bin, habe ich natürlich auch bei der Wiederentdeckung von William Saroyans Sammlung von Stories unter dem Titel Wo ich herkomme, sind die Menschen freundlich aufgehorcht …

Zunächst einmal war mir William Saroyan absolut überhaupt kein Begriff. Als ich, wie ich es manchmal tue, nach der Lektüre der ersten Story im Nachwort von Richard Kämmerlings, der sich eingehend und fundiert sowohl mit dem Autor als auch mit einzelnen Erzählungen aus dem Band befasst hat, geblättert habe, erfuhr ich, dass Saroyan als Nachfolger F. Scott Fitzgeralds gilt. Ich habe von Fitzgerald fast alles und das auch mehrfach gelesen, ich habe über ihn gelesen und seinen Briefwechsel mit Hemingway, der mir die Augen geöffnet hat, wie hart Fitzgerald an seinen Texten gearbeitet hat, wie sehr er nicht nur talentiert war, sondern auch konzeptionell und strukturell gedacht hat. Vielleicht hätte ich das nicht tun sollen, nicht vor der Lektüre der restlichen Stories, aber das lässt sich nicht rückgängig machen. Wenn man mir solch einen Vergleich anbietet, gut, es war kein Vergleich, es war eine Feststellung, dass Fitzgerald aus der Mode gekommen war und Saroyan in beerbt hätte, dann muss erstens die Lektüre auf diesen Hinweis hin überprüfen und zweitens viel darüber nachdenken, ob ich das ebenso sehe. Nebenbei bemerkt wird auch noch Stephen Fry zu diesen Stories folgendermaßen zitiert: »Saroyan reiht sich ganz selbstverständlich neben Hemingway, Steinbeck und Faulkner ein.«

Um es kurz zu machen: Mich konnte Saroyan nicht so ganz überzeugen. Und vorab, damit wir uns recht verstehen: Saroyans Texte sind zweifellos gut, aber an die Meisterschaft Fitzgeralds zum Beispiel reichen sie für mich nicht.

1908 als Sohn von armenischen Einwanderern im kalifornischen Fresno geboren, verlor er seinen Vater bereits im Alter von drei Jahren. Gemeinsam mit seinen drei Geschwistern musste er fünf Jahre lang in einem Waisenhaus in Oakland leben, da die Mutter ihren Lebensunterhalt verdienen musste und sich deshalb nicht um die Kinder kümmern konnte. Ein Schicksal, das zu dieser Zeit und durchaus auch später, nicht wenige Kinder teilen mussten. 1916 wird die Familie wieder vereint und lebt inmitten der armenischen Gemeinde Fresnos. Saroyan selbst scheint ein ungestümer junger Mann gewesen zu sein, zumindest verließ er die Schule nach ein paar Vorkommnissen ohne Abschluss und hielt sich zunächst mit verschiedenen Jobs über Wasser. 1926 zog er nach Los Angeles, von dort nach New York, doch kehrte er wieder nach L.A. zurück, auch aus Sehnsucht nach der Familie, die mittlerweile dort lebte. Diese Verwurzelung in der armenischen Kultur, die er ja nur durch zweite Hand erfahren konnte, merkt man seinen Geschichten dennoch an.

Bis er tatsächlich erfolgreich war mit seinem Schreiben, dauerte es noch. Allerdings geht es damit stetig bergauf und er wird es sich später sogar leisten, den Pulitzer Preis abzulehnen, den er für sein Theaterstück The time of your life erhalten sollte. Für das Drehbuch zu seinem Roman The Human Comedy wurde er mit einem Oscar ausgezeichnet, den er auch annahm. Seine Biographie jedenfalls ist spannend und zeigt einen Menschen, der sich wohl auch zeitlebens seiner Herkunft bewusst war. Als er 1981 verstarb, wurde ein Teil seiner Asche in Fresno, der andere Teil in Armenien beigesetzt. Verfolgt man diese Biographie, zeigt sich recht schnell, dass es sich bei dieser Wiederentdeckung tatsächlich um einen Autor handelt, der hohe Qualitäten besaß und diese auch anerkannt wurden.

Was meine persönliche Lektüre allerdings tatsächlich beeinflusste, was das Augenmerk darauf, dass die Stories – und dieser Fokus ist durchaus gerechtfertigt, zielt er ja auf die Entstehungszeit der Texte und die damit verbundene tatsächliche Wachablösung Fitzgeralds ab – den scheinbar veränderten Leserwünschen besser entsprachen. Dabei wird nämlich ein Punkt außen vor gelassen: Das Lesepublikum erwartete von Fitzgerald genau die Geschichten, die er immer schrieb. Nur leider hatte er sich weiter entwickelt – das sieht man sehr gut an den Kurzgeschichten, die im Hoffmann & Campe Verlag unter dem Titel Für Dich würde ich sterben im April 2017 erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht wurden. Diese Entwicklung war eine absolut logische, nur konnte – oder wollte – die Leserschaft nicht mithalten. Für mich waren diese Shortstories eine Offenbarung, weil sie einen gereiften Fitzgerald zeigen, der nicht einfach nur business as usual praktizierte. Schade, dass seine Zeitgenossen diese Stories nicht zu schätzen wussten. Sprachlich, stilistisch, konzeptionell ist er hier weiter auf einem beachtlichen Niveau unterwegs, das ich bei den Stories Saroyans – es sind ja Texte aus seinen jungen Jahren – (noch) nicht entdecken kann.

Die im Nachwort so gerühmte Allgemeingültigkeit, die Saroyan durch ein allgemeines, gewöhnliches Setting, in die er ungewöhnliche Figuren platziert, erreichen soll, scheint mir nicht so gegeben. Gerade weil die Figuren so ungewöhnlich scheinen – ich bin mir nicht sicher, ob  sie es heute auch noch sind, damals waren sie es wohl – würde ich diese Allgemeingültigkeit nicht sehen. Fitzgerald hat tatsächlich anders gearbeitet. Auch wenn seine Protagonisten häufig zumindest Geld hatten und damit um sich warfen oder es zumindest gekonnt hätten, auch wenn sie nicht aus einer höheren Schicht stammten – man verbindet ihn ja nach wie vor vor allem mit dem Glamour, den Parties, der Verschwendung – so zeigte er doch im Grunde immer ihre menschlichen Seiten. Und diese sind es, die Texte über die Zeit hinweg zu Klassikern machen.

Liest man Fitzgeralds Kurzgeschichten, so muss man sich nach jeder Zeit lassen, um eine neue zu beginnen, so dicht sind sie verfasst. Im Grunde sind es Romane im Kleinformat. Saroyans Stories hingegen konnte ich nacheinander lesen, wobei sich der Eindruck einstellte, dass er häufig einem ähnlichen Strickmuster folgte. Sehr nachhaltig waren sie deshalb für mich nicht. Dennoch habe ich sie gerne gelesen und ich gebe zu, dass mein Eindruck ein absolut subjektiver ist, der natürlich auch noch geprägt ist durch meine Verehrung für Fitzgerald. Deshalb sei an dieser Stelle der immer geltende Rat erteilt: Selbst lesen und eine Meinung bilden.

Eine weitere Besprechung findet sich auf Sounds & Books

Wo ich herkomme, sind die Menschen freundlich ist im April 2017 bei dtv  erschienen. Weitere Informationen über einen Klick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

 

4 Gedanken zu “Stories

  1. Ich bin immer ein wenig schaumgebremst bei Kurzgeschichten, den Inhalt wiederzugeben … denn darum geht es ja letztendlich in den Geschichten. Guck mal bei Sounds & Books – die Besprechung von Gérard Otremba geht mehr auf die Inhalte ein. Ist unten in meiner verlinkt. LG, Bri

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