Wir sind eine helle Familie

Die elfjährige Ellen weigert sich zu sprechen. Und da sie nicht sprechen will, schreibt sie auch nicht. Logisch. Der Auslöser für die Weigerung, zu kommunizieren, ist wohl der Tod ihres Vaters, den sie befürchtet herbeigebetet zu haben. Herbeigebetet aus Angst vor ihm, ihrem Vater. Nun ist der Vater tot, aber Angst hat sie jetzt manchmal vor ihrem großen Bruder. Weshalb sie Angst vor dem Vater hat, erschließt sich den Leser*innen während der Lektüre durchaus. Die Angst vor dem Bruder jedoch blieb zumindest mir eher unbegründet.

Willkommen in Amerika ist der 140 Seiten lange Monolog eines Mädchens, das sich gegen die Mutter, die es innig liebt, behaupten will. Die Mutter hingegen lässt die Tochter gewähren, sieht das Verstummen als Phase und hofft, durch das Gewährenlassen wieder zur Kommunikation zurück zu finden. Weshalb Ellen sich überhaupt zu diesem Machtkampf gezwungen sieht – sie erwähnt immer wieder, dass es darauf ankäme, zu erfahren, wer die Stärkere von ihnen beiden sei – erschließt sich mir nicht ganz. Es könnten die mehrfach durch den toten Vater ausgesprochenen Ratschläge sein, der seine Frau ab einem ungewissen Zeitpunkt ständig verdächtigt, ihn zu betrügen. Er denkt, seine zu starke Liebe zu Ellens Mutter, hätte ihr zu viel Macht über ihn verliehen, ihn in die Depression, in den Alkoholismus getrieben.

Seine Krankheit allerdings ist der Grund für Ellens Angst vor ihm. Während er sich einesteils immer mehr zurückzieht, kommt es andererseits hin und wieder zu für die Familie bedrohlichen Situationen. Auch hier sieht der Vater die Schuld bei der Mutter, die eigentlich nur versucht, ihre Kinder zu schützen und nebenbei ihr eigenes Leben zu meistern. Sie gibt der Familie Kraft, sie gibt ihr Licht.

Der Rückentext des kleinen feinen Romans von Linda Boström Knausgård spricht davon, dass Ellen die Trennung der Eltern nicht verstünde und deshalb jegliche Kommunikation verweigert, weil die Mutter immer wieder zu sehr betone, was für eine glückliche Familie sie jetzt doch seien. Dass dem nicht so ist, wird ziemlich schnell klar – die Familie mag jeder für sich gesehen, außer dem Vater, erleichtert sein über die Trennung, tatsächliche Ruhe kehrt allerdings auch nach seinem Tod nicht ganz ein. Die drei hinterbliebenen Familienmitglieder haben dennoch alle mit etwas zu kämpfen. Und Ellen ist nicht die Einzige, die sich verweigert beziehungsweise zurückzieht.

Auch ihr Bruder wirkt nicht eben sehr kontaktfreudig, was aber vielleicht auch an seiner momentanen Lebensphase liegen mag. Ellen jedoch scheint vor allem mit dem großen Schritt aus ihren Kinderjahren hin zu ihrer heranwachsenden Version zu hadern. Weshalb sie aber tatsächlich nicht mehr spricht, das hat sich mir nicht so ganz erschlossen, ist sie doch ab und an tatsächlich in der Versuchung, ihrer Mutter zu antworten. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich vom Typ her ganz anders gestrickt bin: was mich beschäftigt, was ich verarbeiten muss, muss raus. Möglichst oft.

Dennoch hat mich Willkommen in Amerika bis zum Schluss gefangengenommen durch Boström Knausgårds Sprache, die trotz einer gewissen Distanz eine erstaunliche Intensität ausstrahlt. Und das ist meiner Meinung nach die Stärke an diesem feinen Roman, der einer verstummten Elfjährigen in der Rückschau zu einer eindrucksvollen Stimme verholfen hat.

Willkommen in Amerika ist 2017 im Schöffling Verlag erschienen. Weitere Informationen über einen Klick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

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