Als könnt‘ ich je vergessen …

boo „Aber wie alle Geschichten, die sich in diesem Himmel verbreiten“, fügt Esther hinzu „ist sie dabei völlig verdreht worden.“

Boo – eigentlich Oliver Dalrymple und nur wegen seiner geisterhaften Blässe und seiner Unbeliebtheit – to boo heißt unter anderem ausbuhen, auspfeifen – mit diesem sprechenden Spitznamen benannt, ist ein Freak, ein Außenseiter, ein Dreizehnjähriger, der seinen Schulspind mit Fotos von Jane Goodall und Richard Dawkins und einem Periodensystem schmückt. Freunde? Fehlanzeige. Dazu ist Boo zu schräg für die anderen. Offensichtlich mit einem hohen Intelligenzquotienten beschenkt – oder vielleicht geschlagen, je nach Perspektive – interessiert er sich für nichts, was andere Teenager in seinem Alter so cool finden. Nur einer seiner Mitschüler, Johnny Henzel, dringt zu ihm durch, ist ein wenig so etwas wie ein Freund. Ob es daran liegt, dass Johnny, obwohl bei allen beliebt, sein eigenes Päckchen zu tragen hat?

Boo stirbt, während er versucht, das Periodensystem auswendig aufzusagen, direkt vor seinem Spind. Ein Loch in seinem Herzen, das ihm unter anderem sein geisterhaftes Aussehen beschert, ist wohl der Grund dafür, dass er sich kurze Zeit nach seinem Tod in einem Himmel für ewig 13-jährige Amerikaner wieder findet. Im Aufwachraum erwartet ihn ein dunkelhäutiges Mädchen, Thelma Rudd, die bereits in den 60-er Jahren einen Lynchtod starb und seither in diesem speziellen Himmel lebt. Fortan steht sie ihm zur Seite und hilft ihm, sich in seinem Nachleben – das eine Spanne von 50 Jahren bis zum Wiedertod misst – zurechtzufinden. Zunächst recht distanziert lässt sich Oliver auf diese Zwangsfreundschaft ein. Seine autistischen Züge werden jedoch allmählich gemäßigter, als ob der Herrscher über diesen Himmel, der wie eine normale amerikanische Stadt aussieht, die in 13 Distrikte aufgeteilt ist, einfach unaufgefordert immer alles Notwendige bereit stellt. Neue Lieferungen kommen an, wenn die Vorräte aufgebraucht sind, manchmal sind Dinge dabei, die für die alteingesessenen Städter völlig unbekannt sind, den Neuzugängen aber vertraut.

So hält man sich up-to-date was Neuentwicklungen angeht. Immerhin schreibt man das Jahr 1979 und ob der geheimnisvolle Fürsorger, den alle Städter Zig nennen, irgendwelche Ziele mit der Bereitstellung bestimmter Dinge verfolgt, ist unklar. Gleiches gilt für seine Identität. Oliver findet sich – an sich selbst zwar bessere soziale Kompetenzen, aber gleichzeitig einen schwindenden IQ feststellend – als Wiedergeborener in einer völlig schrägen Umwelt wieder. Er, der Dawkins-Fan und damit vermutlich bekennende Atheist. Plötzlich taucht noch ein 13-Jähriger auf, der vorgibt, ein Freund Olivers aus Amerika zu sein: Johnny Henzel. Er starb an einer Kugel im Kopf – erschossen von Gunboy … doch wer ist Gunboy und kann es sein, dass auch er den Weg in diesen Himmel findet?

Neil Smith entwickelt in Das Leben nach Boo unglaubliche Phantasie. Zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, erscheint das Setting schon nach wenigen Seiten zwar schräg, aber spannend. Smith lässt Boo die Ereignisse, die auf seine Wiedergeburt und das schließliche Erscheinen von Johnny folgen, erzählen. Langsam, aber sicher ändert sich auch der Erzählton und der Leser sieht, wie sich Boo mit ihm ändert. Vom kompletten Außenseiter wird er zu einem relativ normalen Jungen, der sogar mehrere Freunde hat. Johnny ist im Gegensatz zu Boo, der sich mit seinem Nachleben recht schnell abfindet, immer auf dem Sprung. Er ist es auch, der Licht in die wahren Vorkommnisse um Boos und seinen eigenen (?) Tod bringt. Nach und nach, langsam aber immer treibend spannend, so spannend, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte, puzzelt man sich als Leser die Vorkommnisse zusammen. Selbst denken ist hier die Devise und das macht unglaublichen Spaß.

Angereichert ist der Roman durch ein Glossar der unglaublichen vielen Anspielungen und Verweise, die Neil Smith nicht nur als phantasiebegabten Autor, sondern auch als Kenner und Liebhaber unterschiedlichster Musik-, Literatur- und Filmgenre auszeichnet. Und dies durchzublättern macht ebenso einen Heidenspaß.

Dass der Anfang vielleicht etwas befremdlich schien ist längst vergessen und Johnny, bei dem man nie so ganz weiß, welche Rolle er bei der ganzen Sache auf Erden (und im Himmel) spielt, wächst einem direkt ans Herz. Die Auflösung dieses völlig abseits des Mainstream angesiedelten Romans hat mich umgehauen. Im wahrsten Sinn des Wortes und ich kann eigentlich nur sagen: lasst euch gefangen nehmen von einem Buch, das anders ist, schräg, spannend, witzig, phantasievoll und nicht zuletzt warmherzig. Und trotz des himmlischen – aber recht irdisch anmutenden – Ambientes zeigt Smith Teenagerwirklichkeiten auf, die zu denken geben. Vieles ist anders, als es scheint. Außenwahrnehmung differiert stark von Innenwahrnehmung. Nicht unbedingt neu, aber unwahrscheinlich gut und neu verpackt hat Neil Smith die Erkenntnis, dass jeder von von uns ab und an etwas immer wieder braucht: Jemanden, der das Gute in uns sehen kann, wenn wir selbst es nicht wahrnehmen (können).

“ Ich dachte: Wieso sollte Johnny Henzel mich auf den Arm nehmen? Jermaine Tucker, Kevin Stein, Fred Winchester und Henry Axworthy taten das ständig. Aber doch nicht Johnny Henzel. Johnny war anders. Er sah Schönheit in schiefergrauen HImmeln. Er sah Bedeutung frühmorgendlicher Einsamkeit.
Und anders als meine anderen Klassenkameraden sah er etwas Gutes und Wertvolles in mir.“

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 08. Februar 2017
  • Verlag : Schöffling & Co.
  • ISBN: 978-3-89561-496-5
  • Gebunden: 416 Seiten
  • in elf unterschiedlich farbigen Covern erhältlich

7 Gedanken zu “Als könnt‘ ich je vergessen …

  1. Na wissen tu ich ja, was eine Partie ist – aber die Transferleistung … dass die sich nicht eingestellt hat … das ist schon erschreckend;) Einfach zu viel um die Ohren ;)))

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  2. nichts zu danken – nur peinlich, dass mir das selbst nicht eingefallen ist … sollte man meinen eine Buchwissenschaftlerin, die im Verlag gearbeitet hat und jetzt mit Verlagen zusammenarbeitet … käme da drauf … naja. LG

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  3. Habe eben eine Erklärung gefunden: Wenn ein Buchhändler eine sogenannte Partie = 10 Exemplare des Buches bestellt, bekommt er eines umsonst drauf –> deswegen 11 unterschiedliche Farben 😉 LG, Bri

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  4. Ich habe sie tatsächlich in dieser Farbe – also in türkis – was hier etwas anders rauskommt. Weshalb die elf Farben … hmm, keine wirkliche Ahnung. Muss ich mal recherchieren 😉

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