Die Stimme des Proletariats

LK_Woodrell_Tomatenrot_U1_Vorschau.inddDaniel Woodrell ist einer der großen amerikanischen Erzähler und Schriftsteller. Ein Chronist des sogenannten White Trash und der Underdogs und dessen was –  nicht erst seit Trump – schiefliegt im Land of the free. Seine Erzählungen und Romane geben Einblick in die andere Seite des amerikanischen Traums. Die Kehrseite der Freiheit, der Hinterhof der USA, die Ozarks, (jene ländliche Hochlandregion die vom Süden des Missouri bis Arkansas reicht) und die Chancen- und Hoffnungslosigkeit die dort vorherrschen sind seine Themen. Das klingt nach Betroffenheitsliteratur ist aber alles andere als das. Er lässt die Menschen selbst erzählen, fängt die Verzweiflung in stilistisch grandiosen Stimmungsbildern ein, setzt ein Kopfkino in Gang das lange nachhallt. Seine Schreibe ist derart gut, dass man seine Bücher fast nicht aus der Hand legen kann und will. In einem Artikel wurde er als der Poet des White Trash beschrieben. Mit seinem packenden und großartigen Debut Cajun Blues , dem ersten Teil der Bayou Trilogie „Im Süden“ hatte er mich in der Tasche. Stilistisch begründete er die Crimi Noir Reihe.

Die düstere Verfilmung von Wintersbone, die vier Oscar Nominierungen erhielt, gewann 2010 den großen Preis der Jury beim Sundance Filmfestival.

Mit Tomatenrot (für Tomato Red gab es 1999 den „PEN West Award“) habe ich mir wiedereinmal eine Nacht um die Ohren geschlagen.

Zurecht.

Leben unterm Stroboskop und in Slow Motion, Woodrell beschreibt Situationen, transportiert die Gefühle der Menschen in seinen Romanen mal im Stroboskoplichtblitzen mal in Slow Motion immer tief unter der Oberfläche und unter die Haut gehend.

Seit diesem Roman – zuvor hatte ich noch „Mit Almas Augen“ gelesen – hat er sich zu einem legitimen Nachfolger von Woodie Guthrie gemausert. Seine Zeilen singen beim Lesen. Dieselben Lieder von Menschlichkeit, Zärtlichkeit, Liebe Gerechtigkeit, Gewalt, Hass, Unterdrückung und Verzweiflung, die wir so dringend benötigen um klar zu erkennen was wirklich zählt.

Sammy, Trailerparkbewohner bei dessen Geburt es nicht einmal zu einem vollen Namen wie Samuel reichte, trifft bei einem Bruch im Rausch auf Jason und Jameelee, die nicht die sind, die sie gerne wären und als die sie sich ausgeben. Ihre Mutter Bev, immer noch schön, lebt seit Jahren von ihrem guten Aussehen, und ihrer Anziehungskraft auf Männer und weitere von Männern geschätzten Qualitäten. Ihre Tochter Jameelee 19 möchte raus aus dem Elend, aufsteigen in die schöne Scheinwelt Welt der Begüterten. Jason, Bevs Sohn ist wunderschön, sexuell desorientiert, 17, jobbt in einem Friseurshop und weckt bei der Damen- und Männerwelt Begehrlichkeiten die er nicht zu erfüllen vermag.

Der heimatlose, knasterfahrene Trailerparkbewohner und Amphetamin User Sammy, macht diese drei zu seiner „Horde“. Loyal nistet er sich bei ihnen ein, glaubt ein Zuhause gefunden zu haben…

Wer nicht mainstreamgerechte Pageturner, Authentik und harte Wahrheiten in derbem aber dennoch poetischem Stil schätzt, kommt an Woodrell – der Stimmungen einfängt wie nur einige wenige Autoren es vermögen und denjenigen eine Stimme verleiht die schon längst zu zermürbt und verzweifelt sind zu sprechen – nicht vorbei.  Er beherrscht meisterhaft er die Kunst des zart Anreißens – dabei gekonnt das Unnötige weglassend – um Menschen, Landschaften, ihre Düfte und Geräusche, Stimmungen und besonders Gefühle gerade durch das Ungesagte deutlich und für den Leser hochintensiv, sprechen zu lassen.

Tomatenrot ist eine Geschichte in fieberhaftem, fast delirierendem Tempo mit heißer beklemmender Vorgewitter – Atmosphäre die trotz (oder gerade wegen)  der simplen Umgangssprachesprache – ein großes Lob dem Übersetzer Peter Torberg –   bluesig poetisch mit harten Banjo Klängen ins Hirn sickert. Und obwohl man von Beginn an ahnt, dass es wird böse enden wird hetzt man mit dem Protagonisten wie gejagt durch die grandiose Kriminalhandlung.

Also Vorsicht! Daniel Woodrell Erzählungen machen nachdenklich und süchtig.

 

Buchdetails

  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : 25. Januar 2016
  • Verlag : Liebeskind
  • ISBN: 978-3-95438-060-2
  • Gebunden: 224 Seiten

3 Gedanken zu “Die Stimme des Proletariats

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