Tatort Gesellschaft

VäterTatort: ein verlassenes Militärgelände

Ein aufgegebenes 12.000 Hektar großes Militärgelände, bunkerartige Gebäude, ein Betonpfosten, stark genug um den Rückstoß einer Mittelstreckenrakete abzufangen. In sechs  verschiedenen Gebäuden, sechs verschiedene gekidnappte Menschen an Pfeiler gekettet. Ein junger Mann, der Fragen hat und nur durch die Fesseln der Menschen Gehör findet und Antworten erhält.

„Wie lange ist es her, dass wir zuletzt irgendetwas gemacht haben, das irgendwen inspiriert hat? – Wir haben einen schwarzen Präsidenten gewählt. – Okay. Das war gut. Aber als Nation, als Welt, Mann? Wann haben wir zuletzt irgendwas Vergleichbares hingekriegt, wie das Shuttle oder Apollo?“

Warum ist die Welt, so wie sie ist, warum sind die Regeln so aufgestellt, warum bin ich so verloren und muss Menschen entführen, um Antworten zu erhalten.

„Ich finde, es ist das Schlimmste überhaupt, einer Generation zu sagen, dass hier die Ziellinie ist und dass die Voraussetzungen, sie zu erreichen, diese und jene sind, und dann, wenn wir die Ziellinie fast erreicht haben, verschieben Sie sie nach hinten.“

Nicht immer sind die Antworten für Thomas angenehm:

„Himmelherrgott, Junge, das Schlimmste, was eure Vorfahren je für euch junge Arschlöcher getan haben, war, erfolgreich zu sein. Wir haben alles so leicht gemacht, dass ihr Rotz und Wasser heult, wenn euch ein Kieselstein im Weg liegt.“

Tatort: Gesellschaft

Warum reagiert unsere Gesellschaft so? Was macht es für junge Menschen so schwierig, ihren Weg zu finden? Warum hört niemand mehr zu?

 „Es geht immer nur darum, wer Schuld hat. Eine ganze Religion, die auf Rechenschaft beruht. Wer ist schuldig? Wie lautet das Urteil? Wer wird bestraft? Wer wird eingesperrt, verbannt, getötet, ertränkt, dahingerafft? Willst Du wissen, was die meisten Leute von Jesu Tod vor allem im Kopf behalten? Nicht das Opfer, das er gebracht hat, oder sonst was in der Art. Was nach dem ganzen rachsüchtigen Alten Testament haften bleibt, ist, dass es die Juden waren.“

Unsere Gesellschaft ist perfide und die Ausgrenzungen sind subtiler geworden:

„Deshalb verstehen wir es nicht. Es ist eine moderne Mutation. Wir alle haben Liebe und Hass und Leidenschaft und das Bedürfnis zu essen und zu schreien und zu vögeln, das sind Dinge die jeder Mensch hat. Aber es gibt diese neue Mutation, diese Fähigkeit, sich zwischen einen Menschen und ein Mindestmaß an Gerechtigkeit zu stellen und das mit irgendeiner Vorschrift zu rechtfertigen. Zu sagen, dass das Formular nicht richtig ausgefüllt wurde.“

Doch Thomas hört zu, er will seinen Weg wissen, er will Antworten. Dass er diese Menschen gekidnappt hat stört ihn nicht, es geschieht alles zu einem guten Zweck, denn:

„Sagen Sie nie wieder, ich wüsste nicht, wovon ich rede. Ich weiß alles. Ich bin hier der Mann mit Moral. Ich bin ein Mann mit Prinzipien.“

Und als solcher hat er das Recht auf Antworten.

Dave Eggers, noch frisch im Gedächtnis durch den Bestseller ‚The Circle‘, hat hier einen schmalen Roman vorgelegt, der nur aus Dialogen besteht. Thomas entführt nach und nach sechs Personen in einen Bunker, um ihnen einfache Fragen zu stellen. Manche muss er bedrohen, manche erzählen ihm freiwillig, was er wissen will. Die Grundidee ist bestechend einfach und funktioniert als Spannungsbogen sehr gut. Kein Erzähler stört die Dialoge, die Unterhaltungen sind authentisch. Thomas ist ein verwirrter Mann, der stellvertretend für die heutige Jugend stehen soll. Die Welt ist so kompliziert geworden und ständig in Bewegung, dass viele ihren Platz nicht finden und orientierungslos sind. Thomas hat keine großen philosophischen Fragen – nein – doch können diese meist nicht direkt beantwortet werden. Warum ist kein Geld für Marsraumschiffe da, aber für Krieg im Irak? Warum werden Versprechungen gemacht und diese nicht gehalten? Warum werden Menschen anderer Abstammung ausgegrenzt? Im Prinzip lassen sich alle Fragen auf eine reduzieren: Warum ist die Welt so wie sie ist? Dabei hebt Eggers nicht in philosophische Gefilde ab. Thomas hat auch dringende persönliche Fragen zu klären. Was ist mit meinem Freund Dan passiert? Er versucht auch Antworten in seinem eigenen Leben, seiner Erziehung zu finden, er geht keinen für sich bequemen Weg – er fragt seine Mutter.

Aus den Antworten hört man aber auch eine gewisse Sympathie der Gefesselten für den Fragenden heraus, auch sie können die einfachen Fragen nicht beantworten, auch sie sind Gefangene des Systems und spüren dies. Es existiert keine Ablenkung mehr, sie sind den Fragen ausgeliefert.

Nicht immer schafft Eggers den Bogen aufrecht zu erhalten, manches Mal bricht die Kette des Frage- und Antwortspiels, die Liebesgeschichte wirkt zu künstlich. Insgesamt ist ihm aber ein gutes und trauriges Bild unserer Gesellschaft gelungen, das einen nachdenklich macht.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 02. April 2015
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04772-1
  • Gebunden : 224 Seiten

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