„Sie müssen glücklich gewesen sein. Wann, wenn nicht damals, sind sie glücklich gewesen?“

HeimflugDie Kriegsteins, Chris, Elise und die beiden Töchter Leah und Sophie ziehen von Stadt zu Stadt, von Kontinent zu Kontinent. Der Beruf des Vaters will es, dass sie ihre Zelte nach jeweils ein paar Jahren abbrechen und anderswo neu anfangen, mit neuen Nachbarn, Bekannten, Freunden, einer neuen Sprache, einer neuen Umgebung, die sie wieder verlassen, irgendwann, nachdem sie sich eingewöhnt haben, oder doch nicht? Nur der Mikrokosmos ihrer Familie bleibt der gleiche. Sie sind aufeinander angewiesen, sind einander Heimat, bis dieses Gefüge nach einem Schicksalsschlag zu zerbrechen droht.

Brittani Sonnenbergs Roman „Heimflug“ erzählt vom Leben der Familie Kriegstein, wobei die Autorin sich alle Freiheiten nimmt. Sie wechselt die Perspektiven, springt in der Zeit vor und zurück, lässt mal die Mutter, mal die Töchter, zu Beginn sogar ein altes Haus erzählen, das alles mit einer Selbstverständlichkeit, dass man als Leser keinen Augenblick stockt, ihr alles, was sie ihm vorsetzt, blindlings abkauft. Sonnenbergs Figuren sind so lebendig, dass man schon nach wenigen Seiten glaubt, sie zu kennen, ihre Sprache ist locker und direkt, geradeaus, wartet aber immer wieder mit stets passenden, niemals schrägen Vergleichen und Bildern auf.

Die Heimatlosigkeit dieser Menschen fängt Sonnenberg gekonnt ein, die diffusen Gefühle zwischen Zugehörigkeit und Verlorenheit transportiert sie genauso überzeugend, wie sie es vermag, Trauer in Worte zu kleiden. Als Leser kann man außerdem Einiges über die Länder erfahren, die für die Familie vorübergehend zum zu Hause werden und über die Menschen, die dort wohnen. Interessant auch die Passagen, in denen der Blick auf Deutschland und die Deutschen gerichtet ist, aus der Sichtweise von jemandem, der nicht hier aufgewachsen ist, aber für längere Zeit hier lebt.

Bei Sonnenberg darf alles so sein, wie die Schöpferin ihres Werkes es haben möchte, und sie beschreibt ihre literarische Welt mit einer Selbstverständlichkeit, dass man nicht wagt, diese Welt in Zweifel zu ziehen. „Heimflug“ ist ein kreativer, mutiger, berührender, aber nicht rührseliger Roman, nachdenklich, unterhaltsam und packend, über die Frage, was Heimat ist und sein kann, ob, und welche Art von Heimat wir brauchen und was es braucht, um weiterzumachen, nachdem die Welt einmal mit voller Wucht über einem zusammengebrochen ist.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : April 2014
  • Verlag : Arche Literaturverlag
  • ISBN: 978-3-7160-2709-7
  • Flexibler Einband: 336 Seiten

 

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