Soziogramm eines Investmentpsychopathen

ProfitEine Gemeinschaftsrezi von Thursdaynext und Rallus

„In der Elite wird man nicht dafür bestraft, dass man gegen die Regeln verstößt. Nicht, wenn es funktioniert“

In einer nahen Zukunft haben die Investmentfirmen das Sagen, kontrollieren die Märkte nach ihrem Belieben und Konflikte werden durch angemeldete Strassenrennen auf Leben und Tod ausgetragen.
Chris Faulkner ist so ein Shootingstar, ein Menne-tscher Arsch, ein Scheißanzugscowboy, dessen argentinischen Leder-Schuhe teurer sind als ein Monatsgehalt eines Zonenbewohners.
London ist in eine abgeschottete innere Zone, wo die Konzernmitarbeiter arbeiten und wohnen, und eine äußere Zone, in der Banden, Prostitution, Drogen und Gewalt das Sagen haben, eingeteilt.
Chris wechselt zu der angesagtesten Adresse in London, Shorn Associates ( shorn = beraubt , geschoren , kahl geschoren …) und ist im Criminal Investment tätig, Revolutionäre und Herrschende in Dritte Welt Ländern werden gegeneinander ausgespielt.
Wobei es der Firma nicht um Lösungen, oder menschliche Schicksale geht, ganz im Gegenteil:

„Glauben Sie, wir könnten es uns leisten, dass die Entwicklungsländer sich entwickeln?
Glauben Sie wir könnten mit einem Afrika fertig werden, dessen Staaten von lauter intelligenten, nicht korrumpierten Demokraten regiert werden?
Malen Sie sich das mal bitte aus. Ganze Bevölkerungen, die plötzlich gut ausgebildet sind, gesund, abgesichert und ambitioniert.
Frauenrechte, um Gottes willen. Wir können uns all das nicht leisten. Wer soll uns die ganzen subventionierten Nahrungsmittelüberschüsse abnehmen?
Wer soll unsere Schuhen und Hemden herstellen? Wer soll uns billige Arbeitskräfte und billige Rohstoffe zur Verfügung stellen?
Wer soll unseren Atommüll lagern, wer unsere CO2 Sünden ausbalancieren? Wer soll unsere Waffen kaufen?“

Die gesamte Welt ist in den Händen der großen Konzerne. Politiker gibt es, NGOs und die ganzen als Gutmenschentum abgetanen Vereinigungen.
Faktisch sind sie alle vollkommen machtlos, betreiben Augenwischerei und sind sowieso gekauft.
Was zählt ist PROFIT.
Angel- und Drehpunkt des Romans ist der sympathische aufstrebende Jung – „Mennetscher“ Chris Faulkner.
Sein erster Tag bei Shorn Associates beginnt zwiespältig. Einerseits wehrt er die Herausforderung eines „No – Namers“ auf der Staße souverän ab, andererseits argwöhnen die Partner von Shorn Associates, dass ihm der rechte Biss fehlt, er womöglich über ein Gewissen verfügt.
Dieser Eindruck verfestigt sich, als er Freundschaft mit einem anderem ehrgeizig aufstrebendem Jung Manager seiner Abteilung schließt und sich als Schachspieler outet. Einer der glaubt Konkurrenzkämpfe könnten womöglich auch unblutig geregelt werden.
Ein harter Wind schlägt ihm entgegen. Er muß sich in der neuen Firma und Postion bewähren, Erfolge vorweisen, und das möglichst bald.
Dabei gerät seine Beziehung zu seiner Ehefrau, die seiner Tätigkeit, familiär bedingt, äußerst zweifelnd gegenübersteht, in Frage.
Seine Frau ist Automechanikerin und wartet sein Auto, einen gepanzerten Saab, der quasi eine Art Arbeitsmittel und Lebensversicherung für ihn darstellt. Ihr Vater agitiert politisch, wohnt in den Zonen.
Die Zonen, in denen schon die Kinder beim Auftauchen eines Anzugsträgers „Scheiß Mennetscher“ rufen, wo schon alleine der unbewaffente Aufenthalt höchst gefährlich ist.
Die aber auch Spielwiese für die „Anzugträger“ sind, die dort ihre niederen Instinkte ausleben, wenn sie sich denn getrauen.
Diese beiden Gegensätze, seine inneren ethischen Zweifel, die moralisch verwerfliche Situation mit der er sein Geld verdient, beginnen ihn aufzureiben.
Eine innere und äußere Zerreißprobe beginnt und alle Versuche, Auswege zu finden führen ihn nur noch tiefer in den Sumpf aus Korrumption, Konkurrenz , Machtspielchen, Drogen, Sex und Gewalt.

In Profit entwickelt Richard Morgan aus dem Heute die sehr wahrscheinlich und glaubhafte Zukunft von Morgen. Erschreckend brutal, realistisch und derart authentisch, dass man sich bereits im Morgen wähnt.
Die Übertreibung wird hier als Stilmittel der Satire verwendet, einer zynischen Satire bei der einen so manches im Hals steckenbleibt, weil sie derart nah an der heutigen Realität ist.
Trotz seiner schlichten, knallharten Sprache und der an Tarantino angelehnten Gewaltorgien (Kopfkino der schwarzen, extrem fies / brutalen Art) bleiben die Beweggründe des Protagonisten nachvollziehbar, er selbst sympathisch.
Man weiß in welche Richtung sich seine Beziehung entwickelt, die Morgan sehr detailiert und psychologisch beschlagen, schildert.
Man glaubt zu ahnen, dass Liebe allein nicht ausreicht um zusammenzubleiben. Dabei entstand ein hochpolitisch aktueller SciFi Thriller.Der Spannungsbogen flacht nie ab. Bis zum Schluss lässt Richard Morgan Chris Faulkner und damit den Leser der in diesem Buch stellvertretend für den Protagonisten Adrenalin aufbaut, unter Vollgas fahren.

Diesen liebenswerten Zocker der der Ansicht ist : „ Dass es das Risiko ist, worum es geht. Risiko ist das was das Gewinnen lohnt.“
Wer denkt da nicht an den Bankzocker, der das Geld der Kunden im Kitzel des Risikoinvestment verschleudert. Immerhin riskieren diese „Menne – tscher“ dabei noch ihre eigenen Leben. Zusätzlich zu denen, deren Zukunft und Gegenwart sie verspielen und manipulieren.

Morgan hat einen grandios beängstigend, realistisches Zukunftsszenario in unsere Köpfe gezaubert. Illustriert mit all der geschilderten Gnadenlosigkeit die auch schon heute praktizierte Brutalität der Konzerne und ihrer CEOs ist.
Der englische Titel „Market Forces“ (Forces für Kraft, aber auch Gewalt, Krieg) verdeutlicht dies noch.
Er erhielt dafür den John W. Campbell- Award für den besten Roman des Jahres 2005.

Verdient hätte er für diese dystopisch, realistische System – und Gesellschaftskritik den Pulitzer Preis. Das wird sicher utopisch bleiben.
Bedauerlicherweise für die Menschheit.
Widmete er sein Buch doch unter anderem:
„………. all jenen Menschen, deren Leben ruiniert oder ausgelöscht wurden vom großen neoliberalen Traum und einer Globalisierungspolitik der verbrannten Erde“
Der Gedanke an den Baseballschläger blieb den beiden Rezensenten öfters im Kopf hängen.

BAMMMMM

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 07.08.2006
  • Verlag : Heyne
  • ISBN: 97834532522022
  • Flexibler Einband: 574 Seiten

Ein Gedanke zu “Soziogramm eines Investmentpsychopathen

  1. Pingback: Feinster, aber auch brutaler Cyperpunk | Feiner reiner Buchstoff

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