Als ich 2021 den Debütroman von Alena Schröder, der diesen wunderbar sperrigen, langen, schönen Titel Junge Frau am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid trägt, hier auf dem Blog besprochen habe, endete ich mit dem Satz: Ich will mehr davon. Schröder hat die vielen anderen Leser:innen, denen es ebenso wie mir erging, mehr solcher Romane zu wollen, mehr von Alena Schröder lesen zu wollen, gehört und uns mittlerweile zwei Folgeromane geschenkt, die sich mit Hannah und deren Großmutter Evelyn und damit mit vielen Jahrzehnten Frauenleben in Deutschland auseinandersetzen. Lange habe ich gezögert, Roman Nummer zwei – Bei euch ist es immer so unheimlich still – zu lesen. Und auch jetzt habe ich ihn nicht selbst gelesen, sondern mir von Elisabeth Günther in der im Hörbuch Hamburg Verlag erschienen ungekürzten Fassung vorlesen lassen. Und ich muss euch sagen, Elisabeth Günther hat das mehr als großartig gemacht …
Die enge und starke Verbindung zwischen Hannah und ihrer Großmutter Evelyn kennen wir bereits. Offensichtlich war Sylvia nicht immer so für ihre Tochter Hannah da, wie diese sich das gewünscht hätte. Auch Evelyn und Sylvia hatten und haben ihre Schwierigkeiten. Deshalb war ich einigermaßen überrascht, als die Geschichte um Sylvia bereits zu Beginn eine Wendung nahm, die ich überhaupt nicht gesehen hatte. Und natürlich ist es genau das, was die Qualität von Alena Schröders Romanen ausmacht: Sie erzählt uns Geschichten, die wir, was die Themen angeht, schon mehrfach gelesen, gehört, gesehen haben, aber eben in ihrer eigenen leichten, dennoch niemals oberflächlichen Sprache und mit ihrem Stil, der jeder Figur ihre unverwechselbar eigene Stimme und damit auch eigene Haltung gibt. Elisabeth Günther hat dies alles meisterhaft und für mich unübertrefflich in ihrer Lesung umgesetzt. Ach was sage ich Lesung, das ist viel mehr. Es ist eine Inszenierung im ursprünglichen, und damit positiv gemeinten, Sinn des Wortes.
Während Sylvia im ersten Roman um die Borowski – Frauen nur am Rande auftritt und nicht wirklich gut weg kommt, ist sie hier die tragende Figur in der Geschichte, das Bindeglied zwischen Hannah und ihrer Großmutter. Denn als Sylvia ungewollt schwanger wird, der Kindsvater sich als wieder einer dieser Männer entpuppt, die nicht ganz ehrlich waren und er natürlich nichts mit dem Kind zu tun haben möchte, klaut sie kurzerhand das Auto ihres WG – Mitbewohners und fährt mit Hannah zu der Frau, vor der sie vor langer Zeit „geflohen“ ist und mit der der Kontakt so gut wie abgebrochen war.
Es ist 1989 und kurz vor dem Mauerfall, Sylvia fährt also mit einem Neugeborenen von Berlin-Kreuzberg in einem geklauten, eher klapprigen Auto mit wenig Geld bis in ihre alte Heimat. Dort angekommen, stellt sie sich auf einiges ein, vor allem auf ihre energiegeladene Mutter, die ihr vielleicht sogar den Zutritt zum Elternhaus verweigern wird. Doch es kommt alles ganz anders und das jahrelange Schweigen zwischen den beiden Frauen weicht langsam auf.
Nebenbei, so könnte man sagen, klären sich auch noch ein paar andere Beziehungen aus Sylvias Kindheit und Jugend in dem kleinen schwäbischen Dorf. Sie kommt tatsächlich etwas zur Ruhe und lernt, dass es Beziehungen nicht gut tut, wenn man immer, wenn es schwierig wird, geht. Dabei scheint ihr vorher nie klar gewesen zu sein, dass sie tatsächliche Freunde hat(te).
Das Schweigen, das im Hause Borowski aus verschiedenen Ecken laut hallte, kennen wohl viele Familien in Deutschland. Nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg wurde viel geschwiegen und das aus unterschiedlichen Gründen. Aber echte Beziehungen knüpft man nicht durch Schweigen, sondern durch Austausch. Bis heute hat unsere Gesellschaft damit zu kämpfen und Menschen, die sich dem nicht beugten, die ehrlich mit den Geschehnissen umgingen, behandelte man wie Verrückte oder Aussätzige. Großartig nachgezeichnet ist die deutsche Gesellschaft in den 1970er Jahren übrigens durch den erst vor kurzem wieder bei Rowohlt aufgelegten Roman Das gläserne Paradies von Angelika Mechtel.
Auch Schröder hat eine solche Figur in ihrem Roman: Tante Betty. Obwohl ihr Lebenstraum nie in Erfüllung ging, ist sie für mich die offenste Person der Geschichte. Sie ist es, die Sylvia als Kind am besten versteht, ihr aus vielen Patschen hilft und sie dennoch letztendlich in Gefahr bringt. Betty schillert, lebt und liebt anders, als es in den 1960er Jahren, die den einen Strang der Erzählung ein Zeitrahmen begrenzt, üblich und angesehen war. Aber sie ist auch der Grund, weshalb Sylvia weg wollte, ja musste.
Die beiden Zeitebenen, die Schröder hier parallel laufen lässt, sind mit viel Zeitkolorit und liebevollen Details atmosphärisch und echt und fühlbar gestaltet. Schröder bleibt ihrem bewährten Rezept treu und ich muss sagen, ich bin glücklich, daß ich mit der Lektüre von Band zwei der nun schon auf drei Bände angewachsenen Familiengeschichte der Borowski – Frauen gewartet habe. Spannend bleibt es, wie sich die in Band zwei wieder aufgenommene Beziehung zwischen Sylvia und Evelyn entwickelt.
Besonders herausstellen muss ich aber tatsächlich noch einmal die Interpretationsleistung von Elisabeth Günther, die den Roman und sämtliche, wirklich sämtliche Figuren so lebendig und einfühlsam gelesen hat, dass ich ihn nach mehreren Wochen nach dem Hören immer noch absolut präsent habe. Während ich diese Zeilen schreibe, scheint es mir, als sähe ich die einzelnen Personen je nach Charakter kritisch, amüsiert, erleichtert oder zufrieden dabei zu. Große Hörempfehlung. Und wirklich auch davon bitte mehr!
Bei euch ist es immer so unheimlich still von Alena Schröder ist als Hörbuch gelesen von Elisabeth Günther im August 2023 bei Hörbuch Hamburg erschienen. Für mehr Informationen zum Buch per Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder direkt auf der Verlagsseite.
