Dieser Blick

Wie ist das, wenn man sich als Kind erst geliebt und dann ungesehen fühlt? Nicht weiß, woher es kommt, dass die Mutter oder der Vater einen plötzlich nicht mehr ansieht, einen ignoriert und am nächsten Tag blitzt da in einem Blick wieder dieser Rest von früher auf, der sagt: Ich sehe dich, Du bist mir wichtig, ich hab dich lieb. Kinder sind per se kooperative Wesen, wenn sie sich gegen etwas sträuben, dann sollte man als erwachsene Person auf der Hut sein, denn dann gibt es ein Problem, das man sollte. Sind Kinder aber zu kooperativ, räumen sie im Vorfeld möglicher Komplikationen schon alles für einen Erwachsenen aus dem Weg, damit dieser nicht in Wut gerät, dann ist womöglich schon ein Trauma angelegt. Alex Schulman versucht in seinen autobiographisch gefärbten Büchern stets den Wurzeln seines eigenen Verhaltens als Erwachsener auf den Grund zu gehen. Nun liegt sein Erstling, der sich wie seine Romane Die Überlebenden und Verbrenn alle meine Briefe, mit seiner Familiengeschichte befasst, auch auf Deutsch vor.

Kennt man die beiden Romane, kann man schon ein wenig erahnen, dass die Familienverhältnisse, die im Hause Schulman herrschten, nicht die glücklichsten waren. Während Schulman in Die Überlebenden den Fokus auf das Verhältnis dreier Brüder untereinander legte und in Verbrenn alle meine Briefe tiefer in die Familiengeschichte eintauchte, sich dem Verhältnis seiner Großeltern zueinander annahm, betrachtet er in Vergiss ganz direkt und autobiographisch sein eigenes Verhältnis zu seiner Mutter Lisette.

Schulmans Großvater Sven Stolpe war ein anerkannter, berühmter und sehr produktiver Schriftsteller, Journalist und Literaturkritiker, seine Großmutter Katrin Stolpe war die Tochter des Nobelpreisträgers Euler-Chelpin und der Chemikerin Astrid Cleve, selbst sehr begabt, durch die Ehe und die vier Kinder jedoch einem gängigen Frauenschicksal der Zeit anheim gefallen. Die Anlagen Lisette Stolpe-Schulmans lassen darauf schließen, dass sie durchaus in einer außergewöhnlichen und intellektuellen Umgebung aufwuchs. Was sich eher positiv hätte gestalten können und von außen betrachtet auch erst einmal so erscheint, ist für die Menschen, die diese Umgebung erlebten, durchaus nicht nur Segen, sondern auch Fluch. Denn wie soll man als Kind, als junge Erwachsene hier genügen oder gar bestehen können?

Kennt man alle bisher von Schulman verfassten Bücher, so erscheint einem Vergiss mich wie ein weiteres Puzzleteil für die mögliche Lösung familiärer Traumata. Allerdings ist es nicht das letzte Teilchen. Alle drei Bücher, in diesem Fall hatte ich nicht selbst gelesen, sondern habe mir das von Fabian Busch sehr eindringlich aber nicht wertende Hörbuch zu Gemüte geführt, erscheinen mir zusammengenommen wie die stückweise Aufarbeitung einer Familienaufstellung. Im Zentrum steht der Großvater Sven Stolpe, der seiner Tochter Lisette einerseits Großes zutraute – die Geschichte, dass Lisette frühzeitig alleine in Italien zurückgelassen wurde, wo sie sogar als „Fremdenführerin“ aktiv war (das Kind war noch nicht einmal in der Pubertät) erschreckte mich zutiefst – und dieses Zutrauen andererseits durchaus als Vernachlässigung zu sehen ist, ist wohl auch der Schlüssel für Lisettes spätere Alkoholsucht.

Das Verhalten, das Alex und seine beiden Brüder ihrer Mutter gegenüber entwickelten ist das typische Co-Abhängigen-Verhalten, das auftritt, wenn niemand da ist, der eine Alkoholsucht als solche aufzeigt. Auch der Vater Allan Schulman war hier keine Hilfe. Die Ehe von Allan und Lisette war wohl anfangs glücklich, doch der immens große Altersunterschied, die berufliche Belastung, die finanzielle Situation und die Aufgabe, drei Jungs großzuziehen zehrten an Lisettes Kräften. Sie hat sich bemüht, eine liebevolle Mutter zu sein. Doch irgendwo auf dem Weg ist sie zerbrochen. Vielleicht war das auch schon viel früher der Fall, die Frage, woran es lag, dass Lisette jahrzehntelang trank, klärt sich nicht wirklich. Denn: Sie will und will bis zum Ende nicht darüber sprechen.

Schulman erinnert sich an Situationen und Verhaltensmuster, die immer dazu dienten, seine Mutter zu schützen. Das Geheimnis, das sie teilten, sollte eines bleiben, so lautetedie unausgesprochene Übereinkunft zwischen ihnen. Als er sich schlussendlich dazu entschließt, die Mutter zu konfrontieren, kommt es – wie sollte es anders sein – zum Bruch. Dass dieser wieder aufgehoben und so etwas wie eine Heilung der Beziehung der beiden stattfinden konnte ist ein Glück. Was Lisette dazu bewog, sich in eine Klinik zu begeben und einen erfolgreichen Entzug durchzumachen bleibt im Dunkeln. Vielleicht hat Schulman es erfahren und möchte es nicht preisgeben – sein gutes Recht.

Als er dieses Buch veröffentlichte, wurde er gefragt, ob es nicht unehrenhaft sei, seine Mutter so bloßzustellen, ob er sie damit nicht verrate. Seine Antwort war eindeutig und wie ich finde völlig richtig: Diese Geschichte ist nicht nur die Geschichte meiner Mutter, sondern auch meine und sie zu erzählen, dazu habe ich jedes Recht. Freilich hat er sie erst nach dem Tod seiner Mutter erzählt, was ebenso verständlich ist und daran liegen mag, dass er erst zu diesem Zeitpunkt selbst die Kraft fand, sich mit all den dunklen Seiten seiner Vergangenheit zu beschäftigen.

Vergiss mich ist gerade in der von Fabian Busch so empathisch gelesenen Version mehr als eine „Autobiographie“ oder ein „Memoir“. Es ist die allgemeingültige Darstellung dessen, was in den Beziehungen zwischen Familienmitgliedern passiert, wenn eine oder mehrere Personen suchtkrank sind oder werden. Heute nennt man so etwas dysfunktional. Ein Begriff, der aus der Medizin kommt und auf die Funktionsstörung eines Organs hinweist. Mir erscheint diese Bezeichnung für die Darstellung von menschlichen Beziehungen, gerade in einer Kerngruppe, die nicht frei wählbar (zumindest für die Kinder) zusammengesetzt ist als zu technisch. Gerade die Darstellung der (kindlichen) Unsicherheit und Ohnmacht, die Busch in seiner Lesung und Schulman in seinem Text so punktgenau aufzeigen, und die für mich eine völlig normale Reaktion auf das suchtkranke Verhalten der Erwachsenen darstellt, macht Vergiss mich zu einem allgemeingültigen und absolut wichtigen Text. Wir müssen uns auch mit diesem Thema endlich auseinandersetzen. Alkohol ist leider immer noch ein gesellschaftlich viel zu anerkanntes Suchtmittel. Absolute Hörempfehlung!

Vergiss mich von Alex Schulman, übersetzt von Hanna Granz und gelesen von Fabian Busch ist ungekürzt als Hörbuch im Mai 2025 bei Der Audio Verlag erschienen. Zu mehr Info per Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder direkt auf der Verlagsseite.

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