Zürück bei den Slow Horses und dennoch ein bisschen weg aus Slough House, enttarnt der vierte Band der mittlerweile auf AppleTV+ als Serie äußerst erfolgreichen Reihe um die ausgemusterten MI5 Agenten unter der Ägide ihres eher unsympathischen Chefs, Jackson Lamb, Machenschaften von großer Tragweite, die auch die Familienverhältnisse River Cartwrights deutlicher zu Tage treten lassen …
Lange war meine Konzentrationsfähigkeit, was das Lesen angeht, in diesem Jahr auf Sparflamme unterwegs. Dabei türmen sich die Neuererscheinungen, auch des letzten Jahres, zum Teil noch in diversen Ecken unserer Wohnung. Mick Herrons Slow Horses Reihe liebe ich heiß und innig, die Komplexität seiner Stories jedoch verlangt mir tatsächlich immer wieder ein eher höheres Maß an Aufmerksamkeit ab, so dass ich tatsächlich noch unglesene Bände der Reihe in meinem Regal stehen hatte. Geknackt hat meine Lesehemmung Castle Freemans „Männer mit Erfahrung“ – sicherlich auch aufgrund der Tatsache, dass in diesem Roman einem, der Angst und Schrecken verbreitete der Garaus gemacht, ein Zeichen gesetzt wurde. Und genau das brauche ich derzeit. Political correctness findet man weder in bei den erfahrenen Männern, noch bei Jackson Lamb, aber ehrlich gesagt – gegenüber Kriminellen oder Menschen, die andere nur terrorisieren, erwarte ich das auch nicht. Mag sein, dass das nicht in den Zeitgeist passt, wohin wir mit unserer ewigen „ja, aber“ – Relativiererei gekommen sind … nun darüber lässt sich trefflich streiten.
Spook Street dreht sich also vor allem um River Cartwright und dessen Großvater, den O(ld) B(astard), wie Rivers Mutter ihren Vater despektierlich aber aus gutem Grund nennt. Der alte Herr wird langsam vergesslich und als ehemals hohes Tier beim Geheimdienst ist das natürlich gefährlich. Schnell wird da einmal etwas ausgeplaudert, was niemand wissen darf. Während River sich Sorgen um seinen immer mehr im Nebel wandernden Großvater macht, vermutet dieser hinter jeder Hecke ein Wiesel, das ihn wegen seines Wissens und seiner Geheimnisse kalt stellen will. Als eines Abends ein junger Mann vor seiner Tür steht, der vorgibt River zu sein, fackelt der O.B. nicht lange und erschießt diesen, denn ganz so vernebelt ist sein Gehirn dann doch noch nicht.
Herrons Romane sind Kleinode für mich: Unterhaltsam, witzig, spannend, teilweise brutal (die Slow Horses werden sukzessive pro Band minimiert, was wiederum Platz für weitere neu ausgemusterte Agenten schafft) aber nicht auf die blutrünstige Art und gleichzeit extrem aktuell beziehungsweise vorausschauend und immer gesellschaftskritisch. Mittlerweile ist wohl klar, dass jede*r der ausgemusterten Agent*innen irgendetwas auf der Spur war, was dem oder der jeweiligen Geheimdienstchef*in den Posten kosten könnte und nur deshalb aus dem Weg geschafft wurde.
Ich bin gespannt, wohin die Reise gehen wird und sehr froh darüber, der Komplexität der Erzählung wieder folgen zu können. Ein paar Bände warten bereits noch auf mich.
