Ausstieg aus der Todesspirale: Fressen – Hungern – Sporteln – Kotzen – Fressen

Als 37-jährige Frau zieht Anna beim Ausräumen und Sortieren ihrer Tagebücher Resümee über ihr bisheriges Leben, und die Autorin erzählt der Leserschaft extrem anschaulich, wie die Protagonistin nach und nach in ihre Bulimie geschlittert ist. Dabei hat Barbara Rieger die Gratwanderung geschafft, einen extrem harten – kein Wunder, das Bulimie Thema ist immer sehr hart – aber gleichzeitig auch einen sehr einfühlsamen Roman zu schreiben.

Es ist gar nicht so einfach, zu eruieren, was der Anfangsauslöser für diese Essstörung war, wahrscheinlich war es der Zusammenbruch und darauffolgende plötzliche Tod der Großmutter in Annas Kindheit, bei dem das Essen auf den Asphalt fiel, als die Sanitäter die Oma in den Krankenwagen hoben. Zudem durfte sie sich nicht von der geliebten Großmutter beim Begräbnis verabschieden. Sie ist gefangen in einer Sprachlosigkeit und wird nicht unterstützt von ihrer sehr harten, extrem selbstbezogenen Mutter, die die wahren Probleme ihrer Tochter immer nur auf Äußerlichkeiten reduziert, vieles gar nicht hören will, ständig die Nöte des Kindes unter den Teppich kehrt und sie völlig alleine lässt.

Zu Beginn des packenden Romans, der durch die Tagebucheintragungen strukturiert ist und erst im vierzehnten Lebensjahr beginnt – also schon zu einem Zeitpunkt, als sich die Probleme bei Anna stapeln und bereits verfestigt haben – stehen die Verzweiflung und die familiären Probleme der Jugendlichen von den ersten Fressattacken, gepaart mit Hungerphasen, die mit dreizehn begonnen haben, über die irgendwann auftretenden Bulimie Probleme mit siebzehn, bis zur Trendwende im Umgang mit ihrer Sucht mit siebenundzwanzig Jahren.

„Anna zählt die Tagebücher in der Kiste, sie zählt die Jahre, rechnet sich die Tage aus, an denen sie nichts anderes gemacht hat, als gegessen, nichts anderes als gefressen und gekotzt hat, sie möchte wissen, wie oft sie das Wort fett in ihr Tagebuch geschrieben hat, sie fragt sich, wie oft sie das Wort fett weglassen, wie oft sie das Wort essen, das Wort fressen, das Wort kotzen durch ein anderes Wort ersetzen, sie fragt sich, wie viele Männer sie weglassen kann, weglassen muss, das Leben, weiß Anna, schreibt keine Romane. […]
„Wenn man keine Sprache, keine Wörter findet, dann spricht der Körper“, hat die Therapeutin behauptet.

Anna hat ohnehin schon genug Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl, die Mutter kümmert sich immer nur um ihren Mann, zu Hause und in der Schule muss das Kind ständig funktionieren, so wie die Mutter es wünscht. Eine Anlaufstelle für Ihre Probleme, irgendjemanden, der ihr zuhört, hat sie aber nie. Ihren leiblichen Vater hat die Protagonistin auch nie kennengelernt. Zuerst ignoriert die Mutter den Wunsch der Tochter, ihre Identität zu finden. Als sie sich endlich herablässt, die Adresse herauszurücken, wird das Kind auch völlig alleinegelassen. Da der leibliche Vater auch ein veritables Arschloch ist, gerät der Versuch, ihn kennenzulernen, zu einem absoluten Desaster, das die Mutter aber nicht kümmert, denn sie hat das ohnehin schon gewusst. Niemand fängt Anna auf. Auch in der Liebe hat sie sich leider am Vorbild des Vaters orientiert und sich einen älteren, ziemlich asozialen Burschen namens Kurt geangelt, der sie ständig abwertet und sie nur als Sexobjekt missbraucht. Für Anna wird diese Liaison im Prinzip die Blaupause für sehr viele zukünftige Beziehungen: Sie vögelt völlig emotionslos und ohne tiefere Gefühle durch die Gegend. Die innere Leere wird mit Fressattacken und langen Hungerphasen kompensiert. Für die Mutter ist der Schuldige auch gleich gefunden. Es ist ja so einfach, Annas ersten Freund für alles verantwortlich zu machen, anstatt einmal hinzuhören und die wahren Probleme an sich heranzulassen. Auch in der Schule gibt es die üblichen mittleren Konflikte mit den Freundinnen, für die Anna aber gar nicht das emotionale Rüstzeug hat, weil sie sich keinem anvertrauen kann und sie sich durch ihr mangelndes Selbstwertgefühl auch ständig in Konkurrenz zu Freundin Melli befindet.

So sehen die Leser*innen Zug um Zug, quasi in Zeitlupe, die Protagonistin in eine schwerwiegende Essstörung schlittern, über die Pubertät, nach einem Schüleraustausch in Amerika, von dem sie übergewichtig und mit Lerndefiziten zurückkommt, über die Matura bis zum Beginn des Studiums. In der Studienzeit beginnt Anna ihre Therapie, die sie vor dem Stiefvater verheimlichen muss. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen, ihre Mutter fragt sie ständig, wann sie endlich aufhört mit der Therapie.

Mit dreiundzwanzig Jahren verliebt sie sich erstmals richtig in Max, dem sie sich auch ehrlich öffnet und von ihrer Bulimie erzählt. Er will mehr darüber wissen, um sie besser zu verstehen, also bekommt er von Anna eines ihrer Tagebücher, in dem er nachlesen kann, wie sie sich gefühlt hat. Leider gerät der Versuch, zu einem anderen Menschen endlich Vertrauen aufzubauen, zu einem weiteren absoluten Desaster. Max kann mit den Männergeschichten aus Annas Vergangenheit nicht umgehen, er liest heimlich alle ihre Tagebücher und die vorher gute Beziehung kippt auch wieder in das alte Muster von emotionaler Entfremdung seitens Max und anschließend kommt es allmählich zum Bruch. Hatte während der Beziehung mit Max und dem gemeinsamen Zusammenleben die Therapie erstmals ein bisschen angeschlagen, so fällt Anna erneut in ein Loch.

Mit sechsundzwanzig Jahren hört sie erstmals mitten in einer Fressattacke auf zu essen, mit siebenundzwanzig konfrontiert sie endlich die Mutter, zwingt sie, das Problem zu erkennen und bricht eine Weile die toxische Beziehung zu ihr ab. Das ist ein Silberstreif am Horizont, mit dem der Roman dann auch schon fast zu Ende ist. Die folgende Erfolgsgeschichte, die mich eigentlich auch noch brennend interessiert hätte, bleibt uns die Autorin leider schuldig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einfach an einem Tag Klick gemacht hat und sich plötzlich alles ändert. Jetzt bin ich mit der Protagonistin durch dick und dünn gegangen und Barbara Rieger sagt mir persönlich viel zu wenig, wie letztendlich die erfolgreiche Austherapierung durchgeführt wurde. Das hätte ich noch gerne etwas intensiver betrachtet, aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

Auf den letzten Seiten wird noch einmal im Alter von siebenunddreißig Jahren aufgeblendet und sehr genial der Bogen zum Beginn des Romans gespannt.

Manchmal kam ich mit der abgehackten, zerfledderten Sprache im Schreibstil der Autorin nicht ganz so gut zurecht, die aber natürlich großartig punktgenau zum Inhalt passt. Hatte schon beim Vorgängerroman, Bis ans Ende Marie, Probleme damit, diesmal passt die Sprache aber meiner Meinung nach stimmiger mit dem Plot zusammen. Dieser ist auch von den Szenenwechseln her logischer, konsistenter und weniger wirr aufgebaut.

Ganz lobend hervorheben möchte ich nun auch einmal die liebevolle Grafikgestaltung, die sich der Verlag schon bei mehreren Romanen einfallen lassen hat. Abgesehen vom Umschlag, der optisch grandios ist, haben mich vor allem die Kapitelüberschriften begeistert. Zu jedem Lebensjahr gibt es einen Songtitel, der in Form einer wundervoll gezeichneten Musikkassette gestaltet ist.

Fazit: Lesenswert! Ist auch ein nicht ganz so heftiger Zugang zum Thema Bulimie wie Stalins Kühe von Sofi Oksanen, weil Barbara Rieger auch sehr einfühlsame Passagen in den Roman aufgenommen hat. Ich muss also keine Warnung für weniger nervenstarke Leser*innen anbringen. Vor allem ist es eine hoffnungsvolle Geschichte, die gut ausgeht, was bei dieser Krankheit selten der Fall ist.

Friss oder Stirb von Barbara Rieger ist 2020 im Verlag Kremayr und Scheriau als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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