Die Bartprinzessin

Hier nun also der teure (ein Hoch auf die deutsche Buchpreisbindung, 35 Euro fürs Hardcover fand ich schon recht happig, wollte aber nicht warten bis das Taschenbuch erscheint) Abschlussband der Tales of Pell Trilogie. Bereits mit dem Anfangssatz hatten sie mich:
„Call me Itchmael. But do not call me late to brunch.”

So stellt sich der allwissende Erzähler vor.
Literaturliebhaberinnen, zumindest jene die die sich in der Literatur auskennen, werden hier unzählige populärliterarische Anspielungen finden. Auch Filme und aktuelles Zeitgeschehen fließen in die Geschichte ein. Nebenbei, mal mehr mal weniger elegant eingeflochten, macht es ungeheuren Spaß, zu entdecken, woran sich das Autorenduo Hearne und Dawson ungeniert bedient. Weder die Klassiker von Melville bis Goldmann oder Joan K. Rowling, noch Raumschiff Enterprise sind vor Übergriffen gefeit und auch für Kinderspielverwertungen sind sie sich nicht zu schade. (Achtung Harry Potter Fans: Kurz geisterte mir der empörte Gedanke an Blasphemie durchs Hirn, die aber durch die satirische Qualität und Grenzauslotung zu amüsiertem Chapeau umgewandelt wurde.) Überhaupt werden die Grenzen der Albernheit in „The Princess Beard“ bis nahe an die Debilität, großzügig ausgelotet in diesem rasanten Finale. Etliche Namensgebungen von Nebenfiguren haben mich hilflos kichernd und augenverdrehend erwischt. Dabei ist die Geschichte furios erzählt, sobald man glaubt zu wissen wie es weitergeht kommt ein Richtungswechsel. Gesellschaftskritik, Kapitalismuskritik immer, Profitmaximierung und individuelle Selbstfindung werden ins Äquivalent und Setting eines Terry Gilliam Films verpackt. Der Captain der „Puffy Peach“ ist ein Papagei. Wer hier nicht an den Parrot Sketch denkt, liest wahrscheinlich einfach nur einen gut gemachten Fantasy, und ist etwas irritiert von den Protagonisten.
Wie in den Vorgängern sind bisher unbekannte Charaktere samt Entwicklung neu aufgestellt. Es gibt Tempest die Dryade, die in „No Country for old Gnomes“ nur einen kurzen Auftritt hatte, Lady Harkrovita, Namensgeberin des Buches, die sich nach ihrem Erwachen im bekannten Turm aus „Kill the Farmboy“ neu er- und zurecht findet. Den zwecks übler Sozialisation an toxischer Männlichkeit leidenden Zentauren Pissing Victorious, Al (obartus), den nicht ausreichend elfischen Elf, Otto den Otter und viele weitere liebenswerte Gestalten die diesmal die Welt von Pell bevölkern. Wie es den Autoren gelungen ist, den roten Faden beizubehalten und den Drive, den der Roman von Beginn an entwickelt, zu halten, ist grandios. Weiß der Geier wie viele feine Anspielungen und Gags mir durch mein mittelmäßig schlechtes Englisch und die Bequemlichkeit den Dictionary zu bemühen entgangen sein mögen, erst jetzt ist mir die Bedeutung von Pellectric Boogaloo klargeworden und etlichen weiteren der herrlichen Kapitelüberschriften:


„Flabbergastet In A Smokefilled Tent“

“Scrunched In By The Most Misogynistic Of Hindquarters”


“Discovering The Martial Applications Of Red Velvet Cake”


werde ich mir im Nachhinein noch einmal gönnen. Mehrwert der den Preis dann doch rechtfertigt 😉

Eine Warnung muss ich aber noch loswerden. Nach Beendigung von „Princess Beard“ bin ich ins Leseloch, samt tiefer Traurigkeit über den Abschied von Pell, gesunken. Es bleibt eine gute, geistreiche, absurd komisch, bis alberne und liebevolle Erinnerung, wenn sich die drei Bände vereint jetzt im Regal reihen, was sie nicht tun, weil das Hardcover zu groß dimensioniert ist und ergo schräg obenauf liegt. Bibliophile Pedantinnen sollten sich womöglich gedulden bis das Paperback raus ist. Allen Fantasy affinen, die abseits von der weltweiten Drecksseuche deren Namen niemand mehr hören oder lesen mag, kleine aber niveauvolle Alltagsfluchten suchen empfehle ich die Tales of Pell. Ein in mehrfacher Hinsicht magiedurchzogener Abenteuerschatz aus einem Land nah bei unserer Zeit.

Princess Beard von Kevin Hearne und Delilah S. Dawson ist als prächtig wuchtiges Hardcover 2019 bei Del Rey erschienen.

3 Gedanken zu “Die Bartprinzessin

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