Der Geist ist größer und die Welt viel lebendiger

Das Wort Drogen erzeugt bei den meisten Menschen eine negative Reaktion. Sucht, Verwahrlosung, Abhängigkeit oder Kriminalität, sind nur einige Wörter, die damit meist assoziiert werden. Doch vergessen viele, dass wir in unserem täglichen Leben von ganz normalen und legalen Drogen umgeben sind. Dies sind nicht nur die Substanzen, die eingenommen werden, sondern auch Tätigkeiten, wie Konsum, Sex oder Fernsehen, die regelrecht süchtig machen können. Diese Diskussion ist endlos und sicher sollte nicht nur jeder für sich ein Auge auf seine täglichen Gewohnheiten und die Stoffe die er zu sich nimmt, haben, sondern auch einen Blick auf seine Umgebung. Wobei auch immer hier gilt: Was für mich schlecht ist, muss nicht zwangsläufig für den anderen schlecht sein.

In der Diskussion fand ich am lustigsten, wie sich unsere Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, präsentiert hat. Ihre Kommentare, die eine überaus mangelnde Fachkompetenz zeigen, sind legendär. Aussagen wie, „Cannabis ist verboten, weil es eine illegale Droge ist“ (sic!),  die auch im Rezo-Video gezeigt wurde, bleiben als Lachnummer in Erinnerung. Schön fand ich auch das folgende Interview:

M.M.: „Kann man nicht auch feiern ohne Alkohol? Ein tolles Beispiel war der 60. Geburtstag unserer Bundeskanzlerin. Da gab es als Aperitif einen alkoholfreien Aperitif. Und mir hat der total geschmeckt. Und ich mache dafür Werbung, dass es auch so geht.“ Interviewer: „Und was gab es danach?“ M.M.: „Danach gab es Bier aus ihrer Region.“

Schön, dass Frau Mortler in das EU-Parlament weggelobt wurde.

Schließen möchte ich das Vorwort mit dem Eintrag aus Wikipedia: „Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch steht der Begriff [Droge] jedoch eigentlich für getrocknete Teile von Pflanzen, Pilzen, Tieren oder Mikroorganismen, die zur Arzneimittelherstellung verwendet werden“

Michael Pollan beschäftigt sich in dem vorliegendem Buch mit psychedelischen Drogen. Und er geht dies sowohl naturwissenschaftlich als auch geschichtlich an, außerdem schildert er seine eigenen Erlebnisse mit dieser Droge. Unter Psychedelika verstehen viele Menschen meist LSD, doch kommen rauschhafte Substanzen auch in der Natur vor. Das bekannteste, um nur eines zu nennen, ist das in Pilzen enthaltene Psilocybin. Hier schlägt Pollan einen langen Bogen zu den Azteken, die diesen Pilz bei bestimmten Ritualen schon verwendeten.

LSD wurde schon 1938 durch Albert Hoffmann synthetisiert, die psychedelische Wirkung von ihm aber erst 1943 durch Eigenversuch erkannt. In den 60er Jahre gehörte LSD in Amerika noch zu den erlaubten Substanzen. Hier fällt natürlich der Name Timothy Leary, der die Begriffe des Set (innere Einstellung des Konsumenten zum Zeitpunkt des Rausches) und Setting (Umgebung und Umfeld bei der Sitzung) prägte. Pollan und die von ihm interviewten Kenner der Szene stehen Leary kritisch gegenüber. Laut ihnen, erwies er der Bewegung einen Bärendienst, da er versuchte die Gesellschaft von oben ‚umzukrempeln‘. Etwas, das die Mächtigen nicht gerne sehen. Dadurch geriet diese Droge und alles was in ihrem Umfeld ist, schnell in Misskredit. Doch in der Tat gehören Psychedelika zu den ungefährlichsten Drogen die wir kennen. Es ist so gut wie unmöglich, an einer Überdosis zu sterben. Sie verursachen keine körperlichen Schäden und sie machen nicht süchtig. Im Gegensatz zu vielen anderen Drogen.

„‚Wenn man das Gesamtbild im Blick hat‘, sagte er, als wir uns zum ersten Mal in seinem Büro trafen, ‚ dann gibt es diese Drogen schon mindestens fünftausend Jahre, und sie wurden oft bekämpft und tauchten wieder auf, das hier ist also nur ein weiterer Zyklus. Aber der Pilz wächst immer noch, und irgendwann musste diese Arbeit wieder erlaubt werden.'“

Durch das Verbot von LSD erlahmten auch die wissenschaftlichen und klinischen Untersuchungen, da es kein Geld der Regierung mehr gab. Erst in den 90er Jahren gelang ein zaghafter Anfang, der langsam wieder an Fahrt aufnimmt. In dem nächsten Kapitel beschreibt Pollan die Wirkung von Psychedelika, teils in Eigenversuchen, teils in Reiseberichten von gesteuerten Einnahmen, überwacht im Kreise von Therapeuten. Die Wirkung ist erstaunlich.

„Und dann verwandelte ich mich irgendwie in diese verschlungenen Muster und verlor meine gewohnte Identität. Und ich kann bloß sagen, dass sich der ewige Glanz mystischen Bewusstseins offenbarte. Mein Bewusstsein war überflutet von Liebe, Schönheit und Frieden, weit über alles hinaus, was ich je gekannt oder für möglich gehalten hatte. Ehrfurcht, Herrlichkeit und Dankbarkeit waren die einzigen Worte, die noch Gültigkeit besaßen.“

„Doch wir brauchen Wörter dafür, die es noch nicht gibt. Wir haben fünf Buntstifte, brauchen aber fünfzigtausend verschiedene Farbtöne.“

Es sind es nicht nur subjektive Berichte, die hier zu Wort kommen. Probanden, die psychedelische Substanzen nehmen, werden ins MRT gelegt und dort zeigt sich auch im Scan, dass Regionen im Gehirn aktiviert werden, die sonst nur wenig bis keine Aktivitäten zeigen. Durch Psychedelika findet der Geist andere Wege als die üblichen, gelebten und ausgetretenen Pfade. Pollan beschreibt dies mit einer Metapher eines Schneehügels, auf dem Schlitten fahren. Es entsteht eine Fahrrinne, die schwer zu verlassen ist. Durch Psychedelika wird der Schnee geglättet und es können neue Wege gefahren werden.

Wie können diese positiven Eigenschaften nun für die Gesellschaft eingesetzt werden? Im letzten Kapitel geht Pollan auf die großen gesundheitlichen Probleme unserer Zeit ein. Sucht und Depressionen. Antidepressiva verlieren ihre Wirkung, in Amerika bringen sich jährlich etwa dreiundvierzigtausend Menschen um, eine höhere Todesrate als bei Brustkrebs oder Autounfällen. Es wird nicht mehr viel in neue Medikamente investiert und die hohen Kosten und die Stigmatisierung der Kranken schrecken viele davon ab, offen mit ihrer Krankheit umzugehen. Psilocybin bietet hier ganz neue Möglichkeiten der Therapie. In vielen klinischen Versuchen erzielt der Einsatz von Psychedelika eine hervorragende Wirkung. Süchte (meist hervorgerufen durch legale Drogen, wie Alkohol und Tabak) werden mit einer großen Rate geheilt, Depressionen verschwinden und auch beim Einsatz bei Todkranken wird eine seelische Linderung erzielt, die kein anderes Medikament bisher erzielte. Alles belegt Pollan mit Links und Fussnoten.

Doch warum sträuben sich Regierungen und Pharmakonzerne gegen diese neue Art der Therapie?

„Das zeigt, wie widerstrebend sich Kulturen den Veränderungen aussetzen, die derartige Substanzen hervorrufen können. Die unmittelbare mystische Erfahrung hat eine solche Macht, dass sie für bestehende hierarchische Strukturen bedrohlich sein kann.“

Hippies werden immer müde belächelt. Doch was wäre, wenn es eine Gesellschaft gäbe, die aus Bürgern besteht, die eine unglaubliche Erfahrung hinter sich hätten, frei von Angst, Gewalt und Unterdrückung? Eine zu schöne Utopie? Doch in diesem kleinen Pilz steckt so viel Macht, dass die Regierenden es lieber unterdrücken. Brot und Spiele, dumpfe Drogen wie Zigaretten und Alkohol (die sehr abhängig machen) sind erlaubt, die Massen bleiben ruhig und kontrollierbar. Auch muss natürlich die Pharmaindustrie, die an dem rein pflanzlichen Produkt nichts verdient, auch ein Interesse haben, dieses zu bekämpfen. Doch steckt viel Kraft und Verheißung in diesem Wirkstoff und es wartet darauf entdeckt zu werden.

Ein sehr informatives und interessantes Buch, das ich jedem ans Herz legen möchte.

Verändere dein Bewusstsein von Michael Pollan ist 2019 im Verlag Antje Kunstmann als gebundene Ausgabe erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

3 Gedanken zu “Der Geist ist größer und die Welt viel lebendiger

  1. Pingback: Die Üblichen Verdächtigen präsentieren ihre Highfives des Jahres 2019 | Feiner reiner Buchstoff

  2. Michael Pollans Buch ist sehr gut. Ja ja, immer an sich selbst ausprobieren. Zur wissenschaftlicher Erkenntnis. Und dann den anderen sagen, dass man es nicht nehmen sollte. Das hat noch nie gewirkt. Jeder muss seine Erfahrung mit den „Drogen“ machen, wenn er es sich in den Kopf gesetzt hat. Leider wahr. Aber jetzt mal was anderes, das Coverdesign ist doch wohl großartig! Da bewegt sich ja alles! WOW!
    Thorsten J. Pattberg, Autor der Lehre vom Unterschied

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  3. Ich glaube ja, dass Bildung erheblich freier machen kann als LSD und die Menschen in die Lage versetzen könnte die Gesellschaft im Hippiesinne zu verbessern. 😉
    Aber wenn sie sich die Mühe nicht machen möchten …her mit den Pillen

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