Auge um Auge

Der alte testamentarische Spruch wird immer noch in dieser Welt angewandt. Meist wird das zugefügte Leid doppelt und dreifach vergolten. Rache ist eines der stärksten Gefühle, die ein Mensch haben kann. Und dies über einen langen Zeitraum. Auch der friedfertigste Mensch zeigt bei der Verteidigung seiner Liebsten tiefste Rachegefühle. Manch einer mag das für barbarisch halten, bis er selbst in die Lage kommt.

Hier liegt nun ein gnadenloser Thriller vor, der diese Gefühle beschreibt, die in der jungen, mit dreizehn Jahren verschleppten Asiatin Livia Lone lange reifen, bis sie zu der Polizistin wird, die sich an der brutalen Männerwelt rächt.

„Scheiß drauf. Sie würde einfach auf ihre persönliche Art damit umgehen. Ihre Geheimnisse tief in sich begraben, wie sie es immer getan hatte. Und währenddessen die Welt von einigen Monstern befreien. Sie brauchte sich niemandem gegenüber zu rechtfertigen. Was sie tat, ging nur sie etwas an, und keiner musste es erfahren.“

Barry Eisler erzählt in zwei Zeitebenen die Geschichte dieser jungen Frau. In ‚Damals‘ und ‚Heute‘ werden die Ebenen verwoben. Anfangs überwiegt die Erzählung der Vergangenheit, wie die junge Frau zu dem wurde, was sie heute ist. Als junges Mädchen wird sie zusammen mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester in Thailand, von ihren Eltern verkauft. Sie gerät an Menschenhändlern, die sie zusammen mit anderen in einen Laderaum in ein Schiff verfrachten. Dort vergehen sich die Entführer erst an ihr, dann an ihrer Schwester. Labee, ihr asiatischer Name, wehrt sich anfangs, doch wird sie brutal zurecht gewiesen. Ihre Schwester flieht in eine Traumwelt und ist nach dem Missbrauch nicht mehr ansprechbar.

Die Entführten werden schließlich gerettet und die Menschenhändler hinter Gittern gebracht. Labees Schwester bleibt verschwunden, Labee wird von einer reichen Familie adoptiert. Doch auch dort hören die Misshandlungen nicht auf. Ihr Stiefvater bedrängt sie sexuell. Livia, wie sie jetzt heißt, ist eine Einser-Schülerin und beginnt eine Kampfsportart zu lernen. Näher und näher rückt das ‚Damals‘ und das ‚Heute‘. Livia erkennt, dass ihre Berufung in der Polizeiarbeit liegt. Sie möchte sich für das ihr Angetane rächen.

«Sie wollte eine Waffe tragen. Und die Monster nicht vor Gericht stellen, sondern jagen. Hetzen. Erwischen. Ihnen Handschellen anlegen und sie für immer ins Gefängnis stecken. Oder zwei Meter tief unter die Erde bringen.»

Als Polizistin beginnt sie ein Doppelleben zu führen. Tagsüber folgt sie dem Gesetz, abends jagt sie wie der Serienheld ‚Dexter‘ die männlichen Straftäter, die Frauen sexuell missbrauchen. Ihre Hauptanliegen bleibt jedoch, dass Auffinden ihrer Schwester und dabei macht sie eine furchtbare Entdeckung.

Moralisch mag jetzt jeder seine eigene Meinung haben: Die einen mit der geballten Faust in der Tasche, der Andere kopfschüttelnd ob dieser Selbstjustiz. Barry Eisler bewertet seine Heldin nicht, er zeigt ihren Weg anfangs voller Leid und Wut, dann voll kalter, ihren Opfern gegenüber, emotionsloser Rachegefühle. Dabei ist Barry Eisler ein unglaublich atemloser, knallharter und spannender Pageturner gelungen, den ich regelrecht verschlungen habe.

Für mich eine klare Leseempfehlung.

Der Schrei des toten Vogels von Barry Eisler ist 2017 im Verlag Edition M als Taschenbuch erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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