Aus meinem laufenden literarischen Projekt: Berliner Stadtblätter

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JamesQube auf pixabay

Gleich nebenan

Bettina Wahrlich war spät dran. Eigentlich wie jeden Morgen. Nur heute war es besonders ärgerlich, weil sie sich gestern Abend doch noch felsenfest vorgenommen hatte, heute einmal pünktlich ohne die ganze Hetzerei in den Tag zu starten. Und nun das. Tollender Kater des Nachts auf verflixten Wecker und AusdieMaus.

Also wieder Eile über alle Maße. Kleidungsstücke, die auf die Schnelle nicht gefunden werden wollen. Heißer Kaffee über Handrücken. Kater mit zu langem Schwanz. – Nun waren immerhin alle im Haus wach. Warum konnte das eigentlich nie jemand für sie tun? Und zwar zur passenden Weckzeit? Das wär mal ein Beitrag.

Bettina Wahrlich ärgerte sich. Über sich selbst. Ihre Nachbarn. Und ihren Chef, die blöde Nervensäge.

Was konnte sie denn dafür, daß sie das gewisse Etwas hatte? Das hatten doch viele Menschen und in ihrem Fall wurde dieses Etwas im allgemeinen Pech genannt. Dazu noch einen Hauch von Schusseligkeit mit dem natürlichen Hang zum Chaotischen. Ihr Problem. Nicht das ihres Chefs. Aber stets machte er ihr Problem zu seinem und einem die Existenz der Firma bedrohenden, der sie doch alle so viel zu verdanken hatten.

Und alles nur, weil andere Leute ihrer Arbeit nur ungenügend nachkamen, so daß Wecker von Katzen ausgeschaltet werden konnten und Züge im großen Stil ausfielen. Entweder wegen Krankheit oder vor Lachen. Widerspenstige Weichen, die einfach nicht gehorchen wollten. Und Anzeigen, die Zuglotto veranstalten.

Dann der Streik. Und Kabelklau. Und Schienenersatzverkehr. Sie konnte es nicht mehr hören.

Ständig und überall. Und wenn mal einen Tag alles normal lief, dann war Wetter. Und zwar so, als ob Polizisten einen gewaltsam an eine Wand würfen, um eine Leibesvisitation durchzuführen. Wer konnte denn da schon pünktlich sein? Und was sollte sie nun verdammt nochmal wieder anziehen? Sie war schon wieder zu spät dran. Viel zu spät.

Naja, dachte sie sich plötzlich innehaltend, vielleicht habe ich den Bogen bereits zu weit überspannt und die Firma ist in ein Loch gestürzt, das sich urplötzlich und zur Überraschung der Übereifrigen auftat.

Sie hörte ihren Chef wie aus weiter Ferne rufen, während er einer namenlosen Schwärze entgegenstürzte. „Frau Wahrlich, das ist alles Ihre Schuld. Wir arbeiteten heute schon seit vier und konnten es dennoch nicht verhindern. Und wo waren Sie, Frau Wahrlich? Im Bett nehm ich an.“

Dieses Bild des immer kleiner werdenden Chefs, der sich zeternd auf seinem Weg ohne Wiederkehr befand, ließ ihr Kummer gewohntes Herz anschwellen, bis die Ketten der Verpflichtungen schließlich rissen. Ihrer Seele wuchsen augenblicklich Flügel, die sie genussvoll ausbreitete.

Sie war am Leben!

Diese Erkenntnis, so grundsätzlich wie banal, haute sie dennoch fast von den Füßen. Und es war ihre Zeit. Verdammt nochmal! Wer nahm sich da das Recht heraus, in ihre eng bemessene Zeit hineinzupfuschen?

Diese Witzfigur von Strammsteher und Uhrgläubigen? Sicher nicht!

Die Gedanken, klar wie frischer Wind nach stehender Hitze, gaben sich die Klinke in die Hand. Und Bettina Wahrlich setzte sich und hörte zu.

Wähle weise, wozu du deine Zeit gebrauchst!

„Das werde ich!“, beteuerte sie.

Schmeiß den Laden doch einfach hin. Langweilig ist es eh.

„Genau!“, bestätigte sie in den leeren Raum hinein.

Und überall nur langweilige Mitläufer und selbstverliebte Schmierlappen.

„Absolut! Ich halt das keinen Tag mehr länger aus!“, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.

Und keinerlei Aufstiegsmöglichkeiten.

„Nicht eine Einzige!“, bekräftigte sie.

Und die angekündigte Gehaltserhöhung? Bohrte die Stimme geflissentlich weiter.

„Ha!“, der loriotsche Lacher sprach schon Bände. Dennoch führte sie erklärend aus. „Eingefroren, wegen befürchteter Gewinneinbußen.“

Na siehste. Kam es ebenso gedehnt wie selbstsicher zurück.

„Ja, ich sehe es. Ich sehe es.“, bestätigte sie.

Bettina Wahrlich erhob sich abrupt, denn sie hatte einen Entschluß gefaßt.

Sie wird dann schon ihre Schüssel gefunden und sich im Moment des Ergreifens derselben erinnert haben, wo sie ihren beinah abbezahlten Kleinwagen abgestellt hatte.

Sie wird also von Osten her gekommen sein. Über Kreuzberg und weiter nach Schöneberg.

Mehr weiß ich allerdings auch nicht.

 

Mehr von Geruede auf dessen Blog. https://geruede.wordpress.com

Ein Gedanke zu “Aus meinem laufenden literarischen Projekt: Berliner Stadtblätter

  1. Pingback: Teilnehmende (und Teilgebende) Poeten – symphoniedergrossstadt

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