Wilde Kerle

Winkler-Hool-SUErst einmal herzlichen Glückwunsch für die Nominierung zum Deutschen Buchpreis und die Aufnahme in die Shortlist. Deshalb habe ich das Buch jetzt nicht gelesen, es passierte einfach zufällig. Hätte ich es in die Hand genommen, wenn ich gewusst hätte, dass es nominiert ist? Seit Jahren verfolge ich den Deutschen Buchpreis, habe es mir aber abgewöhnt, die Bücher nur deswegen zu lesen. Und ja, ich hätte es gelesen, schon alleine wegen des Themas. Und weil ich finde, dass es sich lohnt, sich mit den Büchern von jungen deutschen Autoren (auch den weiblichen) näher zu beschäftigen. Sie sind sehr nahe dran. Nahe dran am Geschehen. Das ist auch Hool.

Heiko Kolbe ist so ein Hool[igan]. Keine Dumpfbacke, wie sich viele Menschen die massigen Quadratschädel immer vorstellen, die bei jeder gewalttätigen Schlägerei dabei sind. Heiko ist Ende Zwanzig, wohnt bei einem Kumpel und hilft bei der Gym-Halle bei seinem Onkel aus, die im Grunde eine getarnte Geldwaschanlage für zwielichtige Geschäfte ist.

Zwischendurch werden Kämpfe organisiert. Kämpfe zwischen rivalisierenden Fußball-Hooligans, eine Horde gegen eine andere, nur Fäuste, keine Regeln. Heiko ist stolz, dass er von seinem Onkel berufen wird, dessen Nachfolger bei der Organisation zu werden. So steigt er in der Hierarchie auf. Denn das ist sein Leben, seine Welt. Die anderen, das sind die Spießer:

„An der weißen Querstange, die die Zuschauer vom Spielfeld trennt, lehnen die Väter und Mütter. Hauptsächlich Väter. Zwei von ihnen stehen nicht weit weg von mir. Allein bei ihrem Anblick kriege ich das kalte Kotzen. Jack-Wolfskin-Jacken. Stoffhosen und atmungsaktive Ü30-Turnschuche. Ich gebe ja nicht viel auf Äußerlichkeiten, aber es ist die Verbindung dieser, ja, Uniform kann man fast sagen, und dem, was solche Vögel für ’nen verbalen Dünnschiss verzapfen.“

Heiko macht sich so seine Gedanken über die Welt, seine kaputte Familie, seine kaputte Beziehung. Aber im Grunde braucht er das ja alles nicht. In seiner Familie bekommt er den Mund nicht auf, die Probleme, die er hat kann er nur mit den Fäusten lösen:

„‚Heiko. Ich hasse Mama dafür. Ich hasse sie dafür, dass sie einfach abgehauen ist. Ich hasse sie dafür, dass wir ihr so egal sind.‘ Ich wollte ihr sagen, dass es mir ähnlich geht. Dass das keine Familie ist. Und auch nie eine war. Jedenfalls soweit ich mich erinnern konnte, war sie das nicht. Ich wollte Manuela sagen, dass sie meine Schwester ist. Ich meine: natürlich ist sie das. Aber eigentlich wollte ich damit noch etwas anderes sagen. Statt all dem und noch mehr, was ich vielleicht hätte sagen können, sagte ich aber gar nichts. Denn ich bekam die Schnauze mal wieder nicht auf.“

Seine Kumpels wollen aber mehr als saufen, schlagen und Drogen nehmen. Nach und nach merkt Heiko, dass sich die gewohnte Welt ändert:

„Ich überlegte, was ich sagen könnte. Gottverdammte Scheiße, so was konnte ich noch nie. Kann ich auch heute noch nicht. Meine Gefühle artikulieren, wie Manuela das formuliert. Da fällt mir gar nichts mehr ein, mein Hirn blockiert und anstatt, dass irgendetwas Sinnvolles rumkommt, werde ich nur wütend. Komischerweise aber nicht in dem Moment. Do wollte ich mich am liebsten aus dem Auto beamen oder so etwas, aber Scheiße noch mal, dachte ich, Jojo ist dein Freund, und das bedeutet mehr, als nur zusammen rumzugammeln und zu saufen.“

Bei einer Einzelaktion der befreundeten Clique im verhassten Braunschweig, eskaliert die Situation und Kai wird fast tot geprügelt. Auch hier zeigt Philipp Winkler seinen Protagonisten unfähig, seine Gefühle anders als in Gewalt auszudrücken.

„Ich springe auf  und springe über Kai und Jojo hinweg. Renne die Stufen rauf. Zwei auf einmal nehmend. Eine Tram fährt vorbei. Erleuchtete Visagen aus dem Inneren glotzen mich flüchtig an. Neben mir johlt die Bierkastentruppe noch immer ihre dämlichen Jubelgesänge. Sonst ist niemand zu sehen. Niemand, dem ich mit Anlauf ins Gesicht springen kann. Niemand, dem ich meine pochenden Fäuste in die Fresse jagen kann. Niemand, an dessen Zähnen ich mir die Finger aufschneiden kann, nur um weiterzuschlagen, bis sie sich von den Wurzeln und aus dem Zahnflisch lösen.“

Heiko hat nichts anderes als seine Welt. Eine Welt, in die der Leser durch die knappen, präzisen, kraftvollen und harten Worte unbedingt eintaucht. Für mich war es eine Parallelwelt neben der, die ich kenne. Eine Welt, die es durchaus gibt. Und eine Welt, für die Heiko kämpft, da er es nicht anders kennt.

„‚Ist.Mir.Egal‘, spucke ich hervor und gehe wieder ein Stückchen zurück. ‚Du hast Deine Familie, dein Haus, deinen schneeweißen Gartenzaun. Ihr alle habt irgendwas, worauf ihr euch am Ende des Tages freuen könnt. […] ich habe null‘, ich forme mit den Fingern einen Kreis. ’nichts. Das hier‘, jetzt zeichne ich einen Kreis zwischen uns allen in die Luft, ‚das hier habe ich. Mehr nicht. Ich beschwer mich nicht darüber. Und weißt du, warum? Weil ich für das hier lebe. Weil ich dafür eintrete und dazu stehe.“

Philipp Winkler hat einen harten Kerl mit einem weichen Kern geschaffen, der aber unfähig ist, dies seiner Umwelt mitzuteilen. Heikos Welt ist klar abgegrenzt, hier ist seine Welt, Hannover 96 und seine Familie, dort sind die anderen, Braunschweiger und die die nicht mitziehen. Sobald es komplexer wird, versagen ihm die Möglichkeiten. Zu seiner Familie hat er eine ambivalente Beziehung trotz der Nähe zu ihnen. Die Welt, in die Philipp Winkler den Leser wirft, ist fremd und doch so nahe an unserer. Hier zeigen sich die Stärken des Romans. Die kurzen Van-Gogh-ähnlichen Pinselstriche, die ein Bild entwerfen, dass von fernem grob erscheint, von nahem aber durchaus viel Tiefe enthält. Probleme hatte ich erst beim Ende, als Winkler versucht, eine Doppeldeutigkeit einzubauen, die meines Erachtens nicht in den Roman passt.

Ein kraftvoller und ungewöhnlicher Roman aus den Tiefen der Gesellschaft, der einen schon von der Sprache mitreißt und einen eintauchen lässt in Bereiche, die man am besten als Normalsterblicher meidet. Als Klappentextler würde ich schreiben – ein Knalleffekt der neuen deutschen Literatur!

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 19.September 2016
  • Verlag : Aufbau
  • ISBN: 978-3-351-03645-4
  • Gebunden: 310 Seiten

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