Kleine Bettlektüre für extraterrestrische Lebensformen?

Treffen sich zwei Planeten: „Na wie geht’s?“ „Schlecht, ich hab Homo Sapiens!“
„Das geht vorbei.“

Gard Menebergs Buch „Absurde Menschheit – oder was Voyager eigentlich über die Menschheit hätte berichten sollen“

ist „den empathischen Spezies dieses Universums gewidmet.“

Wir erinnern uns? Voyager 1 und 2, erschickt anno 1977, dienen nicht nur der Sondierung des Alls und seiner Erforschung, sondern enthalten auf einer vergoldeten Kupferscheibe Informationen über unsere Spezies und eine Grußbotschaft (“As the Secretary General of the United Nations, an organization of 147 member states who represent almost all of the human inhabitants of the planet Earth, I send greetings on behalf of the people of our planet. We step out of our solar system into the universe seeking only peace and friendship, to teach if we are called upon, to be taught if we are fortunate. We know full well that our planet and all its inhabitants are but a small part of the immense universe that surrounds us and it is with humility and hope that we take this step. Quelle Wikipedia) des damaligen UN Generalsekretärs Kurt Waldheim (Mission: Altnazis im All).

Im Vorwort des Autors: „Wozu dieses Buch?“ wendet dieser sich unter anderem auch an die potentiell außerirdische Leserschaft: „kosmische Kulturinteressierte jenseits des Kuipergürtels“. Die Wahrscheinlichkeit, dass er diese mit seinem Buch erreicht, setzt er gegen Ende des Traktats allerdings selbstkritisch im Absurditätsbereich an. Bezeichnet die Menschheit als den „hartnäckigsten Krustenparasiten“ mit dem die Erde fertigwerden muss.

Naja, ich dachte ja, die Dinosaurier wären die bis dato erfolgreichere Spezies gewesen, aber wer weiß. Womöglich empfand Menegard sie als erheblich weniger parasitär, denn sie sind fast völlig verschwunden und waren objektiv gesehen (aus welcher Perspektive?) weniger schädlich. Der Rest des Buches ist eine mehr oder weniger amüsante, bemüht objektive Darstellung unserer Spezies der „Ordnung: Herrentier; Unterordnung: Trockennasenaffe; Gattung Homo.“ und ihrer Verhaltensweisen.

Anfangs noch sehr gewollt ironisch unterlegt, bleibt diese Ironie später, wenn es ans Eingemachte geht – die besonders unschönen, destruktiven Verhaltensweisen unserer Gattung – aus. Schmerzhaft in Erinnerung bleiben wird mir die Zeichnung des Menschen, die der Autor kommentiert mit:Eine sehr grobe Darstellung könnte wie folgt ausfallen“: (Leserblick fällt auf eine quadratlastige Figur, die er seinem Textverarbeitungsprogramm zuschreibt und selbstkritisch kommentiert, dass ein Siebenjähriger gewiss zu einer authentischen Darstellung in der Lage wäre. Exakt! Hier wäre der Verlag gefordert, zumindest in der Neuauflage, besagten Siebenjährigen aufzutreiben. Bitte!!!)

Kurz beschäftigt sich der Autor mit der Frage wie seine extraterrestrische Leserschaft beschaffen sein könnte, um sich dann der Vorstellung der Entstehung der Menschheit und ihres geistigen Wachstums zu widmen. Dessen enge biologische Grenzen zum desaströsen momentanen Zustand geführt haben. Die Vorstellung unserer Rasse gestaltet sich zunehmend schmerzlich. Da versagt Ironie, da muss Zynismus her. Dies bleibt dem Leser überlassen.

Beachtenswert fand ich, wie Gard Meneberg die Grätsche zwischen Religion und Atheismus meistert, ohne dabei die (toleranteren) Anhänger beider Glaubensrichtungen allzu heftig zu verärgern. Ist er doch der Ansicht, das Nichts wende sich gegen jedwedes Lebewesen, und irgendwas Höheres müsse es schon geben …

Bei allen Mühen um Objektivität, schildert man die kulturellen und gesellschaftlichen Werte, das monetäre Glaubenssystem, die Fortpflanzung und Entwicklung zum adulten Menschen, bleibt eine subjektive Haltung des Berichterstatters nicht aus. Wie auch?

Vom feministischen, oder Gender-Standpunkt aus betrachtet ist der Autor dabei stark biologistisch vorbelastet und verhaftet. Ein Beispiel aus dem Kapitel Raffinierte Weiblichkeit: „Im Gegensatz zu Männern, sind Frauen so kompliziert, dass sie oft selbst nicht wissen, was sie wollen.“

Leider geben ihm die Statistik und die Lebenserfahrung der Leserin dabei oft zähneknirschend recht. Bei einigen dieser fragwürdigen Stellen schmerzt es bis es quietscht! Eine Co Autorin hätte hier zur Objektivität wohltuend wirken und beitragen können.

Im Kapitel über die „Gummiartigkeit unserer Werte“ klagt er über eben diese. Hier hätte ein Blick in Bertolt Brechts Werke geholfen: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Evolution und Entwicklungsgeschichte lassen sich eben durch Zivilisation und Kultur nie ganz tilgen.

Absurde Menschheit ist, wie der Titel schon besagt, beileibe keine Eigenwerbung für unsere Rasse, sondern eine gekonnt gestraffte Zusammenfassung der menschlichen Schwächen wie: Unlogik, daraus resultierende mangelnde Nachhaltigkeit, Gier etc.. Es liest sich weniger amüsant als erwartet. Einerseits gefiel mir die Ansprache des Autors nicht. Die gewählte Wir – Perspektive erinnert an gestresste Krankenschwestern mit ihrer routinierten Freundlichkeit. Später gewöhnt man sich an diese Art der Ansprache, die sich mit fortschreitendem Seitenumfang verliert und in eine solide Berichterstattung wandelt.

Besonders die erste Hälfte des Buches ist den weniger liebenswerten menschlichen Eigenschaften gewidmet. Bevor die Leserschaft dann vollends verzweifelt, gönnt Gard Meneberg ihr noch sozusagen als Schmankerl einige positive Seiten unserer Art. Die Fähigkeit zu Altruismus, die Phantasiebegabung, die Liebe, Kunst und Kreativität. Eine geringe Überlebenschance besteht also noch falls aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz dieses Werk doch auf irgendeine äußerst unwahrscheinliche Art Außerirdischen, die fähig sind, es zu dechiffrieren, in die Hände fällt.

Die Ausflüge des Autors in kleinere philosophische Betrachtungen und Erklärungsversuche sind interessant, wirkliche Offenbarungen sind nicht zu finden. Absurde Menschheit ist eher eine Bestandsaufnahme die, wie ich es interpretiere, aus Verzweiflung entstand. Frustration über den IST- Zustand. Insofern nichts Neues außer der Art und Weise wie diese Fakten komprimiert und leicht verständlich dargereicht werden.

Fakt ist: Die Menschheit hat, trotz etlicher wissenschaftlicher Erklärungsversuche und Hypothesen immer noch keine detailierte Vorstellung davon, woher sie kam und wohin sie geht, wenn das kurze individuelle Dasein auf diesem einst so lebensfreundlichen Planeten beendet ist. Erklärungsmodelle gibt es zuhauf, doch die Antwort auf die große Frage ist immer noch (mit achtungsvollem Gedenken und tiefer Verehrung des großartigen Denkers und Schriftstellers Douglas Adams) 42.
Sehr gut gefielen mir die Kurzkapitel auf den letzten Seiten. Spickzettel zum Umgang mit Menschen“ undMysterien des irdischen Lebens.“ Eine augenzwinkernd formulierte kurze Zusammenfassung der Buchinhalts.

Die „Wahrheit“ über uns Menschen, aus der Sicht eines Menschen wird immer subjektiv sein. Den Ausblick auf die menschlichen Tollheiten den Gard Meneberg uns in seinem Roman verschafft möchte man – wie wohl er selbst auch – lieber nicht mit Voyager durchs All cruisen lassen. Lesenswert ist es für uns Krustenbewohner“ allemal, nur allzuviel Vergnügen enthält die Lektüre nicht, dafür zeigt sie zu viele unangenehme und leider nicht von der Hand zu weisende Wahrheiten auf.
Wer diese noch nicht kennt, greife bitte sofort zum Buch. Alle anderen, die sich mit der Zurichtung und dem Zustand unseres Planeten durch die Trockennasenaffen bereits ausgiebig befasst haben überlegen, ob sie nicht zu einer der am häufigsten angewendeten menschlichen Eigenschaften tendieren möchten und sich weiterhin der Verdrängung hingeben. Man lebt dadurch glücklicher, auch wenn es dem Arterhalt nicht zwangsläufig dienlich ist.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 10. August 2015
  • Verlag : Artegenium
  • ISBN: 978-3-902-98703-7
  • Broschiert : 272 Seiten

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