Woher man kommt

9783570501870_Cover[1]Wann macht man sich Gedanken über Heimat? Wenn man sie verloren hat oder auch wenn man sie freiwillig verließ? In alten oder jungen Jahren? Verändert sich die eigene Einstellung zu Heimat? Und was ist das überhaupt? Fragen über Fragen, die Natalia Wörner sich selbst, Familienmitgliedern und Freunden gestellt hat, um so einem sehr nebulösen Begriff näher auf die Spur zu kommen.

In Bad Canstatt geboren, entflieht sie schon mit gerade 18 Jahren der Enge, die sie verspürt. Zunächst wird die schöne Schwäbin Model, mittlerweile ist sie vor allem als Schauspielerin bekannt. Sie trifft viele interessante Menschen, die ihren Weg ein Stück begleiten, ihm vielleicht auch eine gewisse Richtung geben, ohne dass Natalia Wörner dabei die eigenen Vorstellungen verleugnet. Eine bereichernde Zeit, die immer noch anhält.

Natalia Wörner nähert sich diesem für viele Menschen schwierigen Begriff Heimat aus der Ferne, in die es sie früh zog und mag es mittlerweile doch sehr, ihre Wurzeln zu zeigen. In manchen Fällen sofort erkennbar ist die Herkunft über die gesprochene Sprache und schwäbisch ist für Wörner eine Herzenssprache. Kann sie doch in ihr Dinge präziser, direkter und gleichzeitig charmanter ausdrücken als in neutralem Hochdeutsch.

Liegt das daran, dass der Dialekt – wenn man in einer Gegend aufwächst, in der dieser noch gepflegt wird – quasi mit der Muttermilch aufgenommen werden kann? Ich weiß es nicht. Ich lebe seit zehn Jahren fern meiner Geburtsstadt, spreche einigermaßen hochdeutsch, doch mit sehr hörbarer Sprachmelodie und ausgeprägtem rollenden R und dem, was man in Franken in manchen Kreisen liebevoll – spöttisch bilabiales Waffel-L nennt. Doch viele gebürtige Schwaben verorten meine Herkunft aufgrund meiner (Aus-)Sprache im Schwäbischen – das sind Wurzeln, die mir über meinen Vater, der selbst aus Bad Canstatt ins schöne Frankenland kam, mitgegeben wurden. Für mich sprach er immer genauso fränkisch, wie meine dort geborene Mutter. Kein allzu breites, aber doch hörbares. Wenn es ans Eingemachte geht, dann gräbt er allerdings hin und wieder seine schwäbischen Sprachwurzeln aus, und auch ich kenne dieses Phänomen, durch die ich mein momentanes Innenleben einfach direkter zeigen kann.

Was also macht Heimat aus? Das Gefühl, verstanden zu werden – tatsächlich sprachlich und im übertragenen Sinne, die Verbindungen zu den dort lebenden Menschen? Natalia Wörner beleuchtet diese Fragen sehr klug. Sie zieht die Historie heran, um sich ihrem Geburtsort zu nähern. Sie sammelt neben ihren Gedanken die von vielen anderen Menschen – diese setzt sie jedem Kapitel voran. So entsteht anhand ihrer eigenen Biographie ein zwar noch etwas unscharfes, aber wohlwollendes Bild. Denn neben der Heimatlust, die sie durchaus empfindet, nachdem sie lange und weit entfernt gelebt hat, kennt sie auch den Heimatfrust, der sich doch ab und zu einstellt, wenn man dorthin zurückkehrt, wo man her kommt.

Das Verständnis von Heimat, das dem meinen an nächsten kommt, stammt von Giovanni di Lorenzo:

„Heimat ist der Ort, den man mit eigenen guten Geschichten besetzt hat.“

In Wörners interessantem, autobiographischen, klugen, fundierten und flüssig zu lesenden Buch meine ich herauszulesen, dass auch sie vor allem die Orte als Heimat erkennt, die sie mit ihren eigenen Geschichten besetzen konnte. Und doch sind es die unverortbaren Momente in ihrem Leben, die sie als ebenso wichtig erachtet, zeigen sie einem in der Entwurzelung doch erst, wo die wahren Wurzeln liegen:

„Das sind die Momente der Entwurzelung, jenseits des Ortes, und das können sehr kreative Momente sein. Denn man betrachet sich und sein Tun und die Menschen, mit denen man sein Leben verbringt, wie durch einen Filter, und meistens sieht man sehr klar Kontur und Tiefe.“ (S. 249)

Manchmal muss man ein Stück zurücktreten, um den Blick zu schärfen und manchmal muss es eben die Herzenssprache sein.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 15. Juni 2015
  • Verlag : Riemann Verlag
  • ISBN: 978-3-570-50187-0
  • Hardcover, 250 Seiten

 

 

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