Nie wieder ist Jetzt

Als Matthias Brandt, seines Zeichens vor allem als Schauspieler und Sohn von Willy Brandt bekannt, gebeten wird, in Plötzensee eine Rede zum Gedenken der für das am 20. Juli 1944 verübte Attentat auf Hitler ermordeten Widerstandskämpfer zu halten, sieht er sich zunächst weder in der Lage, noch wegen seines Berufs in der Position diese Bitte zu erfüllen. Doch die Anfrage selbst wirft etwas in ihm an, das nicht ausschließlich mit seiner Herkunft zu tun hat und schließlich gibt er der Bitte nach. Da seine Überlegungen insgesamt über eine Gedenkrede hinausgingen, er aber während der Arbeit daran immer mehr zu der Gewissheit gelangte, dass es gerade in Zeiten wie unseren, in denen rechte Strömungen unterstützt durch extrem viel Geld global wieder an Bedeutung zu gewinnen scheinen, sind wir nun in der glücklichen Lage, diesen in Form eines schmalen aber äußerst gehaltvollen Bandes folgen zu können.

Dieses kleine Buch erzählt von einer Rede, die ich erst nicht halten wollte. Weil ich nicht wusste, ob ich das kann. Und ob ich das darf. Es erzählt von Zweifeln und von der Frage, wie man überhaupt von den Menschen spricht, die Widerstand leisteten.“

Ja, wie spricht man von den Menschen, die es wagten, in einem äußerst perfiden Regime Widerstand zu leisten? Häufig spricht man gezielt vom „Stauffenberg-Attentat“ – doch das zielt wahrlich zu kurz. Natürlich war Claus Schenk Graf von Stauffenberg eine der zentralen Figuren des Widerstands und vor allem des geplanten Staatsstreichs „Walküre“, dessen Durchführung nach einem geglückten Attentat gegen Hitler zum tragen gekommen wäre. Doch es gab sehr viel mehr Menschen, derer man in diesem Sinne gedenken muss.

Neben Personen wie von Stauffenberg, die nah an Hitler herankamen, brauchte es vielfältige andere Aktionen, die vor allem in Kreisen der Arbeiterschaft und der wenigen noch nicht inhaftierten Sozialisten, Sozialdemokraten zu finden waren. Brandt erinnert hier zum Beispiel an den Kreisauer Kreis, der mir persönlich wenig sagte. Und alleine das ist schon erschreckend. Denn der Kreisauer Kreis beschäftigte sich damit, wie die gesellschaftliche Neuordnung nach einem angenommenen Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft von statten gehen könnte. Prominente Namen gab es auch hier, wie zum Beispiel Helmuth James Graf von Moltke, Peter Graf Yorck von Wartenburg – als von Moltke Anfang 1944 inhaftiert wurde, löste sich der Kreis quasi auf und einige Mitglieder schlossen sich der Gruppe um von Stauffenberg an.

Oder Das Reichsbanner – eine Gruppierung, die nach eigenen Angaben Anfang der 1930er Jahre ca. 3 Millionen Mitglieder zählte, damit die größte demokratische Massenorganisation der Weimarer Republik darstelle und sich zum Ziel gemacht hatte, die demokratisch Republik zu schützen. Der 1924 aus den drei Parteien der Weimarer Koalition (SPD, Zentrum und DDP) gegründete Verband existiert nach seiner Neugründung in der Bundesrepublik Deutschland 1953 noch immer. Allerdings mit sehr viel weniger Mitgliedern als damals.

Julius Leber lernte Willy Brandt kennen, als dieser noch als Schüler bereits für den sozialdemokratischen Lübecker Volksboten schrieb. Sein Einfluss auf den damals noch Herbert Frahm heißenden jungen Mann war wohl immens und prägte dessen weitere Weltanschauung nachhaltig. Leber wurde mehrfach verhaftet und kämpfte doch immer weiter für die Demokratie. So lernte er 1940 von Stauffenberg kennen, wurde aber bereits vor dem Attentat erneut verhaftet und Im Januar 1944, nach einem Schauprozess im Oktober 1944, der auch Adolf Reichwein, Gustav Dahrendorf und Hermann Maaß gemacht vor dem Volksgerichtshof gemacht wurde, in Plötzensee ermordet.

Die Liste der Namen könnte natürlich hier noch weitergeführt werden und viele, wie Fritz Bauer, der nach Inhaftierungen in Konzentrationslagern, 1936 nach Dänemark emigrierte, 1940 durch die deutsche Besatzung Dänemarks die Aufenthaltsgenehmigung verlor, erneut inhaftiert wurde, 1943 untertauchte, um der Deportation nach Auschwitz zu entgehen und nach Schweden flüchten konnte, wo er mit Willy Brandt und anderen die Zeitschrift Sozialistische Tribüne gründete, fehlen. Bauer hatte noch eine wichtige Rolle nach seiner Rückkehr 1949 – er konnte den entscheidenden Hinweis zum Aufenthalt Adolf Eichmanns platzieren und wandte sich, weil er den deutschen Behörden misstraute direkt an Israel.

Matthias Brandt zeigt auf, wie viel diese Menschen wirklich gewagt haben und wie wichtig es gewesen wäre, früher zu handeln. Deshalb und weil wir heute uns mit einer Situation konfrontiert sehen, in der das faschistische Drehbuch (wie das funktioniert hat Hannah Arendt ganz genau und konkret in ihrem Basiswerk „Elemente und Ursprünge totalitären Herrschaft“ aufgezeigt) wieder durchgespielt und erschreckenderweise nicht von demokratischen Parteien eingehegt wird, wie es sein sollte, sondern normalisiert in Sprache und Taten immer mehr Zuspruch erhält, ist es wichtig, dass wir als Bürger dafür sorgen, dass uns die beste Regierungsform, die wir derzeit haben, nicht abhanden kommt. Denn Demokratie ist keine Einbahnstraße und Regierungen müssen es sich gefallen lassen, dass die Bürger, also quasi ihre Arbeitgeber, Verfassungswidrigkeiten kritisieren und aufzeigen.

Die Nazis hatten nicht plötzlich alle Macht an sich gerissen – es kam schleichend und Normalisierung von bis dato nicht Möglichem ist eines der Werkzeuge, die wir leider auch heute wieder erkennen müssen. Hannah Arendt hat in ihrem berühmten Interview mit Günther Gaus aus dem Jahr 1964 einen Satz gesagt, an den ich immer wieder denken muss und den ich hier sinngemäß zitiere: Es war ja nicht die Frage, was die Nazis wollten, das wussten wir ja. Es war die Frage, was tun unsere Freunde?

Deshalb kann ich Matthias Brandt nur danken für dieses schmale Buch, seine Offenheit, sich auf unbekanntes und vielleicht für in unbequemes Gebiet zu wagen und für die Klarheit seiner Worte.

Das Vermächtnis des 20. Juli bleibt deswegen ein Orientierungspunkt. Es erinnert uns auch daran, dass die Katastrophe ja nicht plötzlich kam, sondern sich langsam vorbereitete, in vielen kleinen Schritten, auch in vielen kleinen Momenten des Wegschauens.
Deswegen geht es heute darum, rechtzeitig zu widersprechen. Es geht darum, mit unserem historischen Wissen aufmerksam zu sein für die frühen Signale. Für Sprache, die Menschen entwertet. Für Ideologien, die sich unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit einschleichen. Für die Bewegungen, die aus Angst, Zorn oder Zynismus geboren werden und denen es nicht um Lösungen, sondern um Zerstörung geht. Wir wissen heute mehr, als die Menschen damals am Ende der Weimarer Republik, wir wissen, was danach kam. Diese Erkenntnis ist eine Last, aber auch eine Chance. […] Wer die Geschichte kennt, erkennt in alledem, was gerade geschieht, keine harmlosen Ausreißer. Sondern ein Muster. Und wer dieses Muster erkennt, hat, so glaube ich, eine persönliche Verantwortung, es zu benennen.“

Nein Sagen von Matthias Brandt ist gebunden im März 2026 im Kiepenheuer&Witsch Verlag erschienen. Für mehr Informationen zum Buch per Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder direkt auf der Verlagsseite.

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