Warum Orpheus sich umdrehte

Lebensstufen„Man bringt zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden, und die Welt hat sich verändert. Vielleicht merken die Menschen es nicht gleich, aber das ist egal. Die Welt hat sich trotzdem verändert.“

So beginnt diese Buch, und von Anfang an fängt einen diese leicht melancholische Sprache ein. Es ist eine tiefere Sicht der Dinge, die uns Julian Barnes hier näher bringt, doch bevor er uns in die Tiefen entführt, entschweben wir dem Erdboden, mittels Gas. Barnes berichtet von etlichen Ballonfahrten, Fahrten, die oft schmerzhaft endeten, ja tödlich.

Seit jeher träumt der Mensch vom Fliegen, vom darüber Hinausschauen. Doch hat Gott uns den Rücken nicht gefüllt, uns nicht befähigt, eigenständig in die Lüfte aufzusteigen. So mussten mechanische Mittel herhalten, um dem Himmel näher zu sein. Doch was hilft uns die Höhe, wenn wir die Sünde dort oben hinauf mitnehmen? Alles Schlechte entflieht nicht beim Aufstieg, es bleibt an einem wie Ballast haften und zieht einen immer wieder zur Erde zurück.

„Vielleicht kommt die Welt nicht in einem Prozess des Reifens voran, sondern in einem andauerndem Zustand der Pubertät, der bebenden Entdeckungen.“

Wie mit zarter Hand verbindet Barnes die Höhenflüge der Ballonfahrer mit den Höhen und Tiefen der Liebe. Liebe. Liebe steht hier immer wieder zwischen den Zeilen. Es ist anfangs die unerfüllte Liebe, die Liebe und die Höhe, die einen schlussendlich doch zerschmettert am Boden zurücklässt.

„Jede Liebesgeschichte ist eine potenzielle Leidensgeschichte. Wenn nicht gleich, dann später. Wenn nicht für den einen, dann für den anderen. Manchmal auch für beide. Warum streben wir dann ständig nach Liebe? Weil in der Liebe Wahrheit und Magie zusammentreffen.“

Erst nach zwei Kapiteln der unerfüllten Sehnsüchte kommt Barnes zu dem eigentlichen Grund des Buches. Seine geliebte Ehefrau ist nach 29 Jahren Ehe gestorben. Plötzlich und unerwartet. Er beschreibt sein Leid, seine Trauer.

„Leid ist, wie der Tod, banal und einzigartig. Darum hier ein banaler Vergleich. Wenn man die Automarke wechselt, nimmt man plötzlich wahr, wie viele andere Autos derselben Marke auf der Straße herumfahren. Sie fallen einem auf wie nie zuvor. Wenn man verwitwet ist, nimmt man plötzlich alle Witwen und Witwer wahr, die einem entgegenkommen. Vorher waren sie mehr oder weniger unsichtbar, und für andere Fahrer, für die unverwitweten, bleiben sie das auch.“

Es ist erschütternd, wie tief Barnes in seinem Leid geht. Schmerzlich treffen ihn die Banalitäten der anderen, die doch nur versuchen zu helfen. Aufmunternd. Die gleichen Worte wiederholen, die man so sagt, die doch ausreichen sollen, den Schmerz zu lindern. Was uns nicht tötet, macht uns doch nur hart?!

„Es gibt vieles was uns nicht umbringt, aber auf ewig schwächt. Man frage alle, die mit Folteropfern zu tun haben. Man erkundige sich bei Beratungsstellen für vergewaltigte Frauen und Opfer häuslicher Gewalt. Man sehe sich die Menschen an, die das ganz normale Leben beschädigt hat.“

Barnes versteht plötzlich die Irrationalität, die einem beim Tode eines Menschen befällt, eine Art Irrsinn, die auch in den Klassikern beschrieben ist. Warum schaut Orpheus nach hinten, wissend, seine geliebte Eurydike zu verlieren. Aber gerade dieses Gefühl zu erklären, etwas vermeintlich Falsches zu tun, ist fast unmöglich.

„Man verliert die ganze Welt um eines Blickes willen? Aber klar doch. Dazu ist die Welt doch da: damit man sie unter den richtigen Umständen verliert.“

Und so hat jeder Liebende das Leid schon in sich, doch wie anders ist diese Welt denn zu entdecken, zu erleben, gleichzeitig gewinnt und verliert der Waghalsige alles. Gewinnt an Höhe und schwebt über dem Normalen, um doch im nächsten Moment an allen Gliedmaßen zertrümmert, auf dem Boden aufzuschlagen. Doch wer hat gelebt?

Barnes gelingt hier ein sehr persönliches Buch, das mich in vielen Momenten mit feuchten Augen zurückließ, dass aber in seiner Ehrlichkeit so offen ist, teilweise brutal und ehrlich. Barnes lässt keinen Gedanken aus, die Trauerarbeit, die bis zu ‚Selbstgesprächen‘ mit den Verstorbenen geht und die Gedanken an Selbstmord, was auch etwas ist, was andere berichtet haben, die einen geliebten Menschen verloren haben. Doch ist dies kein Trauerbuch oder zieht es einen herunter. Nein, im Gegenteil, es hebt Dich  in die Höhe, wissend um den Schmerz, der verursacht werden kann. Ja, es ist ein Buch für das Leben, für die Liebe. Ein Buch das ich schon zweimal gelesen habe und bestimmt öfters in meinem Leben hervorholen werde. Ein Buch das Dich sättigt, kräftigt und beseelt.

Es ist immer wieder ein Wunder, was Bücher ausrichten können.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 09. Februar 2015
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04727-1
  • Gebunden: 144 Seiten

3 Gedanken zu “Warum Orpheus sich umdrehte

  1. ich habe da auch noch was zu liegen, an das mich noch nicht getraut habe … Connie Palmen, Logbuch eines umbarmherzigen Jahres … das packe ich jetzt mal an.

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