Habe alles notiert

Vorab eine kleine Warnung – die folgende Besprechung setzt sich mit der Verarbeitung von Selbstmord und Depression auseinander.

Man nenne es Zufall oder Fügung, im Grunde ist es müßig zu hinterfragen, weshalb Bettina Flitner gerade als die letzten Termine ihrer Lesereise zu Ihrem Buch über ihre Schwester, deren Selbstmord und das gemeinsame Aufwachsen, anstehen, ein Brief erreicht, der an ihre Mutter adressiert ist. Eigentlich hätte der Brief sie niemals erreichen dürfen.

Denn Flitner ist nicht mehr oft in Celle und ihre Mutter nahm sich Mitte der 80er Jahre bereits das Leben. Und doch kommt dieser Brief an und zwingt sie geradezu, sich nun auch mit dem Tod der Mutter, den sie so lange Jahre bereits verdrängt hat, auseinanderzusetzen. Wie schon bei ihrem ersten Buch, begibt sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Doch dieses Mal versucht sie zu ergründen, woher dieser familiäre Drang der Selbsttötung kommen mag, um aufkeimende Zweifel am eigenen Empfinden zu zerstreuen.

Natürlich macht es einem Angst, wenn die Reihe der Familienmitglieder, die sich selbst das Leben nahmen, immer länger wird. In Flitners Familie sind es zahlreiche nahe und nähere Verwandte, die keinen anderen Ausweg mehr sahen und so fragt sich die Autorin, ob diese Ausweglosigkeit auch sie einst ereilen könnte. Der Selbstmord der Schwester hat sie tief getroffen, bildeten sie doch in ihrer Kindheit eine Einheit, die gegen jegliches Unbill von außen Schutz bot, der dringend nötig war. Doch im Erwachsenenalter zerfaserte das starke Band, das sie einst verband, bis es sich komplett auflöste.

Flitner setzt sich intensiv mit ihrer Familiengeschichte auseinander, die, wie alle Familiengeschichten, Lücken und nicht nachprüfbare Narrative enthält. Sie kann dabei auf diverse Tagebücher und Aufzeichnungen naher Verwandter zurückgreifen – ein Glücksfall gerade mit Blick auf die deutsche Vergangenheit. Mütterlicherseits erzählt diese Geschichte zwar von Tatendrang, Aufbauwillen und Gemeinschaftssinn, doch gleichzeitig brennt sich von außen unentrinn- und unveränderbar zweimal aufgrund der rasch aufeinander folgenden zwei Weltkriege, großes Leid in das Familiengefüge.

Flitner reist sogar an den Ort, an dem ihr Urgroßvater ein Sanatorium aufgebaut hatte, das ihr Großvater mit ihrer Großmutter weiter betrieb und wo ihre Mutter in zauberhafter Landschaft aufwuchs. Wölflesgrund liegt heute auf polnischem Gebiet und wirkt in Flitners Beschreibungen wie die Blaupause zu Thomas Manns Zauberberg. Die Nacherzählung der Zeit, in der die Familie noch dort ansässig war, zog die Leserin komplett in ihren Bann. Atmosphäre und Gegend waren nahezu greifbar.

Flitners Mutter Gisela muss mit ihrer Familie den geliebten Ort, an dem sie trotz des zweiten Weltkriegs eine doch recht freie und umsorgte Kindheit verbracht hatte, 1946 verlassen. Die gesamte Familie kommt zunächst bei einer „Freundin“ der Familie in sehr beengten Verhältnissen in Celle unter. Flitners Großvater ist Mediziner und kann die Familie damit auch hier rasch über Wasser halten. Die Freundin jedoch ist, das spürt seine Tochter Gisela schon lange, mehr als nur eine platonische Freundin. Mehrfach hat sie bereits versucht, die häufigen Besuche und gemeinsamen Urlaube zu unterminieren. Oft mit Erfolg, doch der Vater hält an der offensichtlich doch engeren Beziehung fest, während seine Ehefrau dankbar für Giselas Intervention ist.

Dieses familiäre Spannungsverhältnis erlebt später auch Flitner selbst in ihrer Kernfamilie. Der Versuch, eindeutige Hinweise auf auslösende Momente für das, was sie bei ihrer Mutter als „Einfrieren“ wahrnimmt, zu finden, gelingt nicht ganz. Denn was bei den vielen Dokumenten fehlt, die Flitner durchforsten konnte, ist die Stimme Giselas selbst.

Aber genau das charakterisiert so viele Frauen dieser Generation, die als Kinder schon furchtbares erlebt haben, sich immer danach orientieren mussten, zu überleben und sich eben anpassten. Ihre eigene Stimme finden konnten nur die wenigsten. Deutlich arbeitet Flitner das zwischen den Zeilen heraus. Dabei hat sie hier nicht nur versucht, ihre eigenen Ängste einzuordnen oder beruhigen, sondern hat ihrer Mutter gegenüber letztendlich ein Versprechen eingelöst. Ihrer Mutter, die trotz der eigenen Schwierigkeiten, zu sich zu finden, für sich selbst einstehen zu können, ihre Tochter ermutigt hat, anders zu leben. Auch wenn es nicht den Anschein haben mochte.

Das Versprechen, alles zu notieren, alles aufzuzeichnen hätte nicht versöhnlicher erfüllt werden können.

Meine Mutter von Bettina Flitner ist gebunden im September 2025 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Für mehr Information zum Buch per Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder direkt auf der Verlagsseite.

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