Wo bleibt die Verhältnismäßigkeit?

Jeden Tag aufs Neue teilen Menschen ihre wichtigen und weniger wichtigen Gedanken mit anderen Menschen, die sie nur über die sogenannten sozialen Medien „kennen“. Dabei wird in aller Kürze mit scharfer Zunge geschrieben, versucht den einen oder anderen Witz zu reißen oder einfach mal über Befindlichkeiten zu sprechen. Wie das mit der Sender-Blackbox-Empfänger Kommunikation im Alltagsleben funktioniert oder eben nicht, wissen wir alle. Dass das gründlich daneben gehen kann, obwohl man sich Aug in Aug unterhält und dabei Stimmlage, Mimik und Gestik dem Gesagten hinzufügen kann, um eine Bewertung und damit ein vielleicht konkretes Verstehen möglich zu machen, ist auch nichts Neues. Seit einigen Jahren jedoch gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich der Öffentlichkeit mitzuteilen und dafür sowohl Lob als auch Häme einzuheimsen. Eine Praktik hat sich dabei gerade auf Kanälen wie Twitter breit gemacht: Menschen für ihre manchmal unbedachten Äußerungen öffentlich, relfexartig und ohne weitere Hintergrundinformationen so gnadenlos an den Pranger zu stellen, dass diese Beschämung die schlimmsten Auswirkungen auf deren komplettes Leben haben kann. Dabei geht es weder darum, Sachverhalte zu klären, noch darum eine ernsthafte Diskussion zu führen. Doch worum geht es wirklich und was sind die Beweggründe für dieses Verhalten – das quasi jede*r von uns schon an den Tag gelegt hat, wenn auch nur gedankenlos und ohne böse Absicht?

Ein Twitteraccount, der genau denselben Namen trug, wie sein eigener, jedoch komplett andere Inhalte postete, brachte Jon Ronson dazu, sich mit dem Phänomen öffentlicher Demütigungen in Zeiten von Facebook, Twitter & Co. zu befassen. Obwohl der offensichtliche Bot keine wirklich schlimmen Dinge im Namen von Jon Ronson verbreitete, fühlte der Journalist sich nicht wohl mit seinem „Doppelgänger“ und brachte, nachdem er mehrfach darum gebeten hatte, den Account mit dem gleichlautenden Namen zu löschen, in Erfahrung, wer hinter diesem Bot steckte. Drei Akademiker, die quasi am lebenden Objekt ihre Forschungen betreiben wollten. Das direkte Gespräch ist zwar etwas unangenehm, aber dennoch erfolgreich – ein Zeichen dafür, dass so manches Aug in Aug anders zu regeln ist, als virtuell im Netz. Denn da sitzt man plötzlich Menschen aus Fleisch und Blut gegenüber, die doch gewisse Reaktionen bei einem selbst hervorrufen, die etwas von diesem sich allgemein verbreitenden anonymen Wut- und Hassgehabe abrücken lassen.

Und nun will Ronson genau wissen, was Menschen dazu treibt, andere Menschen öffentlich dermaßen grob wegen manchmal zwar dummem, aber dennoch menschlichen Fehlverhaltens anzugehen. So weit, bis zur völligen Demontagen derer Leben. Die weitere Frage, die er sich stellt ist: Gibt es Menschen, die weniger unter den Folgen der öffentlichen Demütigung leiden und ihr so gut wie unbeschadet entkommen und wenn ja, was ist der Grund dafür? Interessante Fragen, die Ronson auf journalistische Art und Weise zu beantworten versucht. Hierzu kontaktiert er verschiedene Menschen, die öffentlich eines Fehlverhaltens bezichtigt oder überführt wurden. Da geht es um nicht korrekte Aussagen in äußerst erfolgreichen Büchern, unangemessene Witze, die zwar ironisch gemeint waren aber nicht so ankamen, Öffentlichmachung außergewöhnlicher Sexualpraktiken bei Prominenten und die Überschreitung des guten Geschmacks. Bei keinem dieser Fälle kam irgendjemand in irgendeiner Weise zu körperlichem Schaden. Klärungen der Sachverhalte direkt und persönlich fanden nicht statt, aber eine unglaubliche Zahl an nicht direkt Beteiligten mischten sich in teils äußerst irritiernder Art und Weise ein.

Während Männer, die öffentlich an den Pranger gestellt werden, über ihren Status gedemütigt wurden (über den Jobverslust und geringe Chancen, je wieder in ihrem Beruf einen Fuß auf den Boden zu kriegen) wurden Frauen direkt bedroht und auf übelste Weise beschimpft. Man wünschte den Frauen Vergewaltigung und Tod, dafür dass sie einen unüberlegten, schlechten Witz in die Welt hinaus geschickt hatten. Kaum eine der zur Zielscheibe gewordenen Personen schaffte eine komplette Rehabilitation. Einzig Max Mosley, ehemaliger Formel 1 Chef und Sohn von Oswald Mosley, dem Gründer einer britischen faschistischen Partei, schaffte es, schnell aus den Schlagzeilen zu kommen und gewann sogar einen Prozess gegen die Zeitung, die eine seiner SM-Parties publik gemacht hatte. Wie er die Sache proaktiv angeht, ist erhellend – denn gerade durch die professionelle Beilegung der Sache durch die Gerichte, verlor die Öffentlichkeit offensichtlich das Interesse daran. Vielleicht erfüllte Mosley sein Tun aber mit weniger Scham, weil er sich ja bewußt war, dass seine sexuellen Vorlieben, die er ab und an so auslebte, im allgemeinen eher auf Unverständnis stoßen würden, sich aber trotzdem nicht dafür schämte, während die anderen Personen, die Ronson als Beispiele für das moderne an den Pranger-Gestellt-Werden anführt, sich erst einmal keinerlei Schuld bewußt waren.

So ganz klären kann Ronson die Fragen, die er sich gestellt hat, nicht. Aber eines wird klar, die meisten von uns, die sich in den sozialen Medien bewegen, haben sich schon an Diskussionen beteiligt, die zumindest grenzwertig zu nennen sind. Sei es, weil sie absolut überzeugt von ihrem Tun dachten, dass sie der Allgemeinheit damit nur Gutes zukommen ließen oder weil sie jemandem beistehen wollten, im schlimmsten Fall hat man sich an der öffentlichen Hetzjagd aus einem Impuls heraus beteiligt, der kurz danach schon wieder verpufft war. Doch zurücknehmen ist in Zeiten des Internets kaum mehr möglich. Ist ein Tweet oder ein Post einmal veröffentlicht, kann man fast davon ausgehen, dass irgendwo bereits ein Screenshot davon kursiert und das Shitgewitter sich bereits zusammenbraut.

Entgegensteuern kann man dem in Grunde nur, indem man sich immer klar macht, was man wie genau sagt und vielleicht das ein oder andere Mal das Getippte nicht veröffentlicht. Und dennoch wird es immer wieder Situationen geben, für die man sich rechtfertigen soll. Was die Menschen antreibt, die sich wie die Geier auf jede noch so kleine Möglichkeit stürzen, jemanden fertig zu machen, so hat sich Ronson gar nicht erst daran versucht, herauszufinden, was die Gründe dafür sind. Sein Konzept, die Gedemütigten und deren weiteres Leben zu beleuchten, ist leider nicht ganz aufgegangen, jedenfalls nicht für mich. Ich habe viel Neues erfahren, Erkenntnisse gewonnen, Vermutetes bestätigt gesehen, aber die Antwort auf die gestellten Fragen nicht erhalten. Allerdings ist auch immer klar, dass Ronson sehr wohl dafür plädiert – und das zu Recht – , tatsächliche Verfehlungen auch öffentlich zu machen, wenn sie für die Gesellschaft oder einzelne Menschen gefährlich werden können.

Was mich aber irritiert hat, ist die Tatsache, dass das Konzept der Beschämung, das ja durchaus nie verschwunden war, plötzlich als etwas Neues oder Wiederkehrendes ausgemacht wurde. Scham ist etwas, womit viele Menschen beständig leben müssen. Das hat Methode, auch außerhalb der Sozialen Medien.

„In Shitgewittern – Wie wir uns das Leben zur Hölle machen“ ist 2016 als Taschenbuch im Tropen Verlag erschienen. Mehr Information zum Buch über Klick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

Eine fundierte und sehr klare Besprechung findet sich auf LITERATUREN.

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