Schwarz ist weiß, weiß ist schwarz

»Ein guter Rat: Falls Sie in meiner Nachbarschaft jemanden beschatten wollen, tragen Sie kein Rosa.«

Patrick Kenzie und Angie Gennaro haben eine Menge zu verdauen. Kenzies Vergangenheit hatte in Form eines psychopathischen Serienkillers zugeschlagen. Und nun gibt es herbe Verluste zu beklagen, Trauerarbeit zu leisten, Wunden zu lecken. Die gemeinsame Detektei ist erst mal geschlossen. Bubba muss noch dazu eine einjährige Haftstrafe antreten. Doch plötzlich taucht jemand auf, der die Nachbarschaft zu beschatten scheint. Doch er hat wohl nicht damit gerechnet, dass das Duo sich nicht so einfach bespitzeln lassen möchte oder vielleicht doch?

 

Zeiten der Trauer

Dennis Lehanes unschlagbar cooles Ermittlerduo Kenzie / Gennaro ist mir über den ersten und zweiten Band der Reihe, die nun bei Diogenes neu wieder aufgelegt wird, sehr ans Herz gewachsen. Besonders die Figur der toughen Angela Gennaro ist außergewöhnlich für das Genre. Noch dazu, wenn man bedenkt, dass Lehane die Reihe bereits in den 1990er-Jahren mit großem Erfolg schuf.  Patrick Kenzie, der irisch-stämmige, abgebrühte, aber nicht zu harte Ermittler mit Ehrenkodex, ist seit Urzeiten über ein sehr spezielles Band mit seiner Kindheitsfreundin und Geschäftspartnerin verbunden. Es wäre gelogen, zu sagen, er schätze nur ihre inneren Werte. Dennoch legt er auch besonderen Wert auf ihren scharfen Intellekt und ihr furchtloses Auftreten, das ihm schon das ein oder andere Mal buchstäblich den Arsch gerettet hat.

Seit ihrem zweiten Fall, den die Leserschaft nachverfolgen durfte, sind die beiden noch enger zusammengerückt, ohne dass sich Kenzies Sehnsüchte (bisher) erfüllt hätten. Liegt es an der beruflichen Pause oder an der schwierigen Allgemeinsituation, die ihnen die eigene Sterblichkeit so bildhaft vor Augen geführt hat, dass sie trotz oder wegen der Farbe Rosa nicht merken, dass etwas im Gange ist? Tatsache ist: Sie werden entführt.

Auf der Hut

Trevor Stone, steinreich und wegen eines fortgeschrittenen, unheilbaren Krebsleidens mit nur noch wenig Lebenszeit ausgestattet, will, dass Kenzie und Gennaro seine Tochter finden, die nach dem Unfalltod ihrer Mutter spurlos verschwunden ist. Ebenso verschwunden ist Jay Becker, der zuvor mit demselben Auftrag betreut war. Becker ist nicht nur ein enger Freund von Kenzie, sondern hat diesen als Ermittler ausgebildet, und ist der einzige Mensch, der immer jeden findet. Vor ihm kann sich niemand verstecken und wenn Desirée Stone von ihm nicht gefunden wurde, dann sind das äußerst schlechte Vorzeichen.

Angriffsziel Moskau

Auch wenn das Ermittlerduo bereits in ihrem zweiten Fall einiges einstecken musste, schont Lehane die beiden in keinster Weise. Gewohnt pointiert und unterhaltsam in den Dialogen spinnt er eine von Täuschungen und Wendungen nur so strotzende, aber logisch stringente Geschichte, dass es eine wahre Freude und das Buch nicht aus der Hand zu legen ist. Es geht um Betrug, Unterschlagung, eine Sekte, die die Schwäche von Trauernden auf verschiedenen Ebenen ausnutzt. Irgendwann ist klar, nichts ist, nichts kann sein, wie es scheint. Und auch die besten Freunde haben Geheimnisse. Wohl dem, der ein supergeheimes Codewort hat, das selbst aus dem Grab noch eine Rettung sein kann.

Da Lehane seinen in drei Teilen aufgesplitteten, gut verschachtelten Plot aber immer aus der Sicht Patrick Kenzies – und zwar retrospektiv – erzählen lässt, ist zumindest eines klar: Am Ende ist alles gut und wenn noch nicht alles gut ist, ist es nicht das Ende.

Alles, was heilig ist ist ein echter Lehane: spannend, witzig, abgebrüht, menschlich, mit einem bestimmten Ehrenkodex ausgestattet, süffig zu lesen, nicht aus dern Hand zu legen, mit absolutem Suchteffekt – und wie immer einfach nur zu schnell ausgelesen. Absolute und eindringliche Empfehlung, den lokalen Buchhändler des Vertrauens aufzusuchen, der das Buch eigentlich unbedingt vorrätig haben sollte. Und bis zum nächsten Band werde ich mich, dem Rat Kenzies folgend, wohl mal wieder mehr mit Shakespeare auseinandersetzen.

»Verdacht und Argwohn sind des Schönen Zier, schrieb Shakespeare.
Er hatte recht.
Doch Schönheit selbst, schmucklos und ungekünstelt, ist etwas Heiliges, finde ich, und all unserer Ehrfurcht und Loyalität wert. […]
Und manchmal während das Meer tobte und der dunkle Himmel noch schwärzer wurde, spürte ich Ehrfurcht. Demut.
Vollkommenheit.
«

Alles, was heilig ist von Dennis Lehane ist eben im Diogenes Verlag erschienen. Weitere Informationen zum Buch über Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder direkt auf der Verlagsseite.

 

 

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