Indien Inside

Indien ist für mich immer noch ein sehr mystisches Land. Es würde mich ja sehr reizen, einmal die alten und reich verzierten Kulturstätten des Landes zu besuchen, das Essen ist selbst außerhalb Indiens eine Wohltat und der Buddhismus mir als Religion und Lebensgrundidee am nächsten. Auch die Götterwelt fand ich schon als Kind spannend und angenehm ambivalent. Die Götter haben meist mehrere gegensätzliche Eigenschaften und sind mythisch untereinander in Geschichten verwoben. (Eines meiner Lieblings-SF Bücher – Roger Zelazny, Lord of Light – nimmt sich der indischen Götter als Thema an)

Abgeschreckt haben mich bisher die Armut, die hohe Bevölkerungsdichte in den Städten und das sehr starke hierarchische Kastendenken. Sicherlich kämpft Indien auch mit einer hohen Krankheitsrate und Umweltproblemen. Alles zusammengenommen, würde ich mir als Tourist eher als Voyeur vorkommen. Doch dies nur am Rande.

Das vorliegende Buch führt uns, in sehr ausdrucksstarker Weise, an die vielen Problemfelder Indiens, anhand von ineinander verknüpften Einzelschicksalen, heran. Der Autor, selbst in Indien geboren, hat in Oxford studiert und lebt seitdem in London, setzt sich sehr sozialkritisch gerade mit dem indischen Herrschaftsdenken auseinander. Die Beschreibung der Landschafts- und Stadtumgebung malt dem Leser ein sehr lebendiges Bild.

Das Buch ist in fünf Kapitel eingeteilt. Fünf Einzelschicksale, die der Autor beschreibt, aus fünf verschiedenen gesellschaftlichen Perspektiven. Zugegebenermaßen hat mich das erste Kapitel ratlos zurückgelassen. Ein Mann besucht mit seinem Sohn das Taj Mahal. Eindrucksvoll wird dieses Ereignis geschildert, die Bauwerke, aber auch die Penetranz der Einheimischen, dem vermeintlich reichen Ausländer Geld abzuknöpfen. Eine Szenerie, die mich als Tourist abschrecken würde und die ich eingangs erwähnte. Das massive Elend zu sehen, aber nichts dagegen ausrichten zu können. Im Gegenteil, helfe ich der einen Person, werden die anderen neidisch. Ein täglicher Kampf ums Überleben. Die Szenerie endet nach knapp dreißig Seiten verstörend tragisch.

Der zweite Teil beschreibt den reichen Sohn aus London der bei seinen Eltern zu Besuch ist (autobiografisch?) und hat hauptsächlich die Zubereitung von Essen im Fokus.

„Thakur übertraf sich wieder einmal selbst; zu exakt derselben Feststellung gelangte ich übrigens jedes Mal, wenn ich zu Besuch kam. Das Essen war nicht ‚elegant‘; weit davon entfernt. Die Dinge schienen sich in seinen Händen ganz einfach alchimistisch zu verbinden, so, dass das Ergebnis stets weit mehr war als die Summe seiner Teile. Reismehlcrepes, so hauchzart wie Musselintaschentücher, zum Frühstück mit Korianderchutney serviert; ein schlichtes Mittagsgericht aus Kartoffeln, Krabben und Frühlingszwiebeln; zum Tee ein Snack aus ganz kurz frittierten Reisflocken, serviert mit einer Beilage von gebratenen grünen Erbsen und Chilis – es fiel schwer, über diese Dinge zu reden, ohne verdächtige Vokabeln wie ‚magisch‘ zu verwenden.“

Doch Mukherjee schreibt hier kein Kochbuch. Durch den Abstand seines Wohnortes zur Heimat entfremdet, denkt der Protagonist über das Kastenleben in Indien kritisch nach.

„Ich wusste, was ihr zu schaffen machte – die Überschreitung von Klassengrenzen, das Unbehagen an der Auflösung gewisser undurchlässiger, trennender Membranen, die die Intimität der Situation mit sich brachte, dass ein Herrensohn im Elternhaus einer Dienerin wohnen würde. Das lockte den rebellischen Teenager in mir hervor, ich hielt dagegen.“

Im dritten Teil ist der Hauptprotagonist ein armer ländlicher Bauer der einen jungen Bären aufzieht, um in der Stadt sein Glück mit ihm zu versuchen. Die Menschen sollen für den Tanz des Bären bezahlen. So hofft er der Einöde und Armut auf dem Land zu entgehen.

„Seine Familie hockt in ihren zwei Zimmern, manchmal Tage am Stück. Das Gemüsebeet wird weggeschwemmt; zurück bleibt ein unregelmäßiges Rechteck aus Schlamm und milchteefarbenen Pfützen, aus denen sie den ‚junal‘ bergen, den sie jeden Tag auf Kohlen gegrillt essen. Im ‚mandua‘-Mehl sind so viele Insekten, dass Gita mi8t dem Sieben und Auslesen gar nicht mehr auskommt. Schimmel besiedelt alles Essbare, und auch die Dinge und Oberflächen und feuchte Kleidung. Die dichte Vegetation, die die umliegenden Berge bedeckt, bringt es fertig, nicht grün auszusehen, sondern eins mit dem Himmelgrau.“

Im vierten Teil des Buches, kommen wir zu Milly, eine von vielen Töchtern auf dem Land, die früh in die Stadt geschickt wird, um als Dienerin Geld zu verdienen. Einem Mädchen gibt man keine Schulbildung, warum auch. Schule ist teuer. Schule findet nur selten statt. Der Weg dorthin ist lang, die Lehrer kommen unregelmäßig und die Klassen sind so groß, dass die meisten der Kinder auf dem nackten Beton sitzen müssen. Und so fristet sie ihr Dasein als Dienerin bei reichen Familien. Ihre Freundin Soni, die sie ab und zu in ihrem Heimatdorf besucht, hat sich den Partisanen angeschlossen, die für ein besseres Leben kämpfen. Aber auch sie müssen hungern und sind auf die Hilfe der Bevölkerung angewiesen. Ein Absatz aus dem Buch zeigt die Stärke des Autors den Personen und der Landschaft ein lebendiges, pulsierendes Gesicht zu geben.

„Verstehst du? Wahlen werden unser Los nicht verbessern, sagte sie. Die Unbefangenheit, das vertraute Lachen, alles war wie weggewischt. Stattdessen lag zielgerichtete Gier in ihrem Gesicht. Wenn die rote Erde dieses Ortes und die Aprilhitze ein Gesicht gehabt hätten, so wäre es das Gesicht gewesen, das Soni jetzt hatte.“

Doch auch Milly bekommt das Elend in der Stadt mit. Die Slums in der Peripherie verwandeln sich bei Regen in ein trostloses, lebensfeindliches Areal.

„Jede Gasse wurde von einer Rinne gesäumt – eine sogar von zweien -, die die Kanalisation darstellte, einen Abfluss für jeglichen flüssigen Unrat und manchmal auch für Festkörper. Im Monsun flossen die Kanäle über und verwandelten die Gassen in Bäche von Jauche und Schlamm; Adern von milchteefarbener Flüssigkeit, mit kleinen Inseln aus Müll, die ein dichtes Gedränge von dreckigen dunklen Organen in der Bauchhöhle eines unbekannten Tieres durchströmten.“

Der fünfte Teil beschreibt den Aufbruch eines Bauarbeiters in die Stadt. Täglich zittert er, ob er Arbeit bekommt oder doch nicht genommen wird. Bemerkenswert an diesem letzten Kapitel ist, dass der Autor keine Satzzeichen setzt. Kein Punkt oder Komma drängen den Text in eine Art Flucht, eine Flucht vor dem alten Leben in ein Neues.

Allen Protagonisten ist gemeinsam, dass sie ihr Glück auf die eine oder andere Weise suchen. Doch der Aufstieg aus einer gesellschaftlichen Schicht, einer Kaste in eine höhere ist fast unmöglich. Umrahmt hat Neel Mukherjee diese Suche, mit einer bildgewaltigen aber auch poetischen Darstellung seines Heimatlandes. All das Elend, die Verzweiflung – aber auch das Reizvolle und Schöne von Indien sind hier vereint. Ein sehr tief schürfender Roman über das moderne Indien und eine klare Leseempfehlung.

Das Leben in einem Atemzug von Neel Mukherjee ist 2018 im Verlag Antje Kunstmann als gebundene Ausgabe erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

 

 

 

 

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