Tendenziöse Gedanken über Popkultur

Benjamin von Stuckrad-Barre ist ein Autor, den man entweder liebt oder nicht mag. Hassen wäre ein zu hartes Wort und es geht hier ja tatsächlich nicht um die Person Stuckrad-Barres, sondern um seine Art des Schreibens. Oder? Meine Haltung zur Popliteratur ist im allgemeinen eine eher indifferente. Ich lese zwar gerne „leichte“ Texte, wenn mir danach ist, ich bin auch – würde mein Mann sagen – ab und an an Klatsch interessiert, aber inhaltlich brauche ich dann doch ein gewisses Maß an Tiefe – oder, um Edward St. Aubyn zu zitieren: ein gutes Buch braucht Relevanz und eine besonders gute Schreibe.

Gut schreiben kann er, der Benjamin Stuckrad-Barre. Am besten dann, wenn er sich von dem, was die Popliteratur wohl ausmacht, entfernt und allgemein, sogar zeitlos wird. Interviews mit ein paar Einzelheiten angereichert, wie das mit Boris Becker, sind interessant, erfrischend, doch eben Interviews und nicht unbedingt für mich in die literarische, sondern eher journalistische Schiene zu packen. Dennoch schreibt er auch in diesen Fällen gut. Was die Relevanz angeht, da bin ich bei seinen Texten wohl nicht die richtige Gewährsfrau. Ab und an erfreue auch ich mich an Klatsch & Tratsch, keine Frage, aber das sind alles nur Ablenkungsmanöver, kleinere Fluchten aus dem Alltag. Literatur hingegen ist für mich kein Eskapismus, sondern ein tieferes Verstehen der Vorgänge, der Zeit, der Welt, dessen was diese im Kern zusammenhält.

Erst kürzlich ist auf 54books eine „tendenziöse“ These zur Literaturkritik veröffentlicht worden, die sich damit beschäftigt, welche Kriterien angesetzt werden können oder sollten, um eine Literarizität eines Textes zu bestätigen. Die bloße Etikette der Echtheit, Authentizität oder Aufrichtigkeit reicht da  – und da stimme ich mit der These überein – nicht aus. Das wird ja nun schon seit geraumer Zeit so diskutiert und gerade deshalb ist tatsächlich überraschend, dass das Feuilleton und die Leserschaft derzeit großen Gefallen an Büchern, allen voran Romanen, findet, deren Erfolg gerade auf ihrer (vermeintlichen) Authentizität, der autobiographischen Komponente, fußt. Sieht man sich in den Bestsellerlisten um, tauchen bestimmte Namen immer wieder auf: Knausgård oder Despentes, sind die beiden, die mir sofort dazu einfallen. Wobei man die Werke der beiden streng genommen wohl nicht vergleichen kann. Während Knausgård eher die Art Nabelschau betreibt, die mir persönlich nicht so sehr zusagt und die ich intuitiv subjektiv auch mit Stuckrad-Barre in seinem Roman Panikherz verbinde, schlägt Despentes den universelleren Weg der Gesellschaftsbeobachtung mit Fokus auf eine Hauptfigur, die von zahlreichen Nebenprotagonisten begleitet wird, ein. Ob der Unterschied in der Vorgehensweise ein geschlechtsspezifischer ist, könnte man ketzerisch hinterfragt nennen. Sei es wie es sei – alleine daraus, dass Texte authentisch wirken, ist noch keine Literatur geschaffen, darüber sind sich die meisten Leser wohl einig.

Doch wie geht man, wie gehe ich, in diesen Fällen dann mit tatsächlich authentischen, weil in realen Situationen entstandenen Texten um? Interviews, Berichte, kulturkritische Texte leben nun einmal davon, dass sie über etwas erzählen. Der Kernpunkt dabei ist ihre Aktualität. Up to date sein ist ein Hauptbestandteil von Popliteratur. Immer dran sein am Zeitgeist, immer zur rechten Zeit am rechten Ort – anstrengend ist das wohl für die, die sich schreibend in diesem Genre bewegen, das subversiv sein will, die Kluft zwischen Kunst und Kapitalismus, zwischen Elite- und Massenkultur aufheben will. Eigentlich ein Wesenszug, den ich wünschenswert und sympathisch finde. Dennoch ist da etwas, was ich nicht recht fassen kann, was mich nicht überzeugt. Wie bereits oben erwähnt, kann Benjamin von Stuckrad-Barre schreiben. Und mit seinem Texte scheint er viele Menschen zu erreichen und ihnen etwas zu geben, was sich mir nicht erschließt. Seine Auftritte sind legendär, seine Lesungen wohl weit mehr als das, eher Inszenierungen. Und vielleicht ist es gerade das, was ich an dieser Stelle verstörend finde. Der Autor, der so sehr im Mittelpunkt steht, dass seine Texte dahinter verschwinden. Egal, welchen Text ich aus Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen: Remix 3 las, immer schob sich das Bild von Stuckrad-Barre dazwischen.

Seit geraumer Zeit lese ich den Patrick-Melrose-Zyklus von Edward St. Aubyn. Ich weiß, dass die Kerngeschichte dieser Romane die Lebensgeschichte St. Aubyns und seiner Familie ist, ich weiß, dass hier vieles sehr autobiographisch ist und trotzdem schafft der Autor es, hinter seinem Werk zu stehen, nicht davor. Er verstellt mir den Blick auf den Text in keiner Weise, weil er es schafft, seine Erfahrungen meisterhaft in einen Roman zu transportieren, der alle emotionalen Lagen dessen auslotet, was wir als Menschsein bezeichnen und damit nie kitschig wird. Sprachlich und stilistisch virtuos. Hier stimmen Inhalt, Konzept, Struktur und angewandtes Handwerk. Und hier wird klar, es geht sicherlich auch darum, etwas durch das Schreiben zu verarbeiten, doch im Grunde genommen geht es um eine zeitlose Allgemeingültigkeit, angereichert mit der Nutzung aller zur Verfügung stehenden literarischen Möglichkeiten. Und genau das ist es, was ich als Lektüre brauche. Mit Elite oder Hochliteratur hat das für mich nichts zu tun. Denn auch sogenannte „Unterhaltungsliteratur“ kann diesen, meinen Ansprüchen genügen.

Für meine weiteren Lektüreversuche, was Texte von Benjamin Stuckrad-Barre und / oder Texte der Gattung Popliteratur angeht, heißt das allerdings auch, dass es keine geben wird. Allen Lesern, die sich jedoch von diesen Texten angesprochen fühlen, wünsche ich weiterhin viel Freude damit. Es lebe die Vielfalt.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 08. März 2018
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-05181-0
  • Gebunden, 320 Seiten

 

12 Gedanken zu “Tendenziöse Gedanken über Popkultur

  1. na nicht du – aber wenn man mal so drüber liest, dann werden die durchaus darunter subsummiert. Ich glaube, das Problem sind unsere Assoziationen mit dem Begriff Pop. Aber da ließen sich ganze Seminare dazu ausarbeiten 😉

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  2. Ich sag ja auch nicht die Beatniks seien Popliteratur… wobei sie sicher Teil der Pokultur sind. Aber sie sind ein Beispiel, wie man über/in Pop(uläre(r)) Kultur schreiben kann, ohne dabei nur Zeitgeistliteratur zu produzieren. Überspitzt: Wäre Tom Wolfe Ellis, er wäre nicht Kesey, sondern den Monkees durchs Land gefolgt.

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  3. das sage ich ja auch nicht – und es ist ja nicht meine Definition – und klar ist das polemisch. Es ist Darth. Was da aber drinsteckt, ist die Veränderung des Genres – ich hätte zum Beispiel die Beat-Generation nicht mit Pop assoziiert, was es aber offensichtlich tatsächlich ist … nun ja, wie gesagt. Für mich ist und bleibt das ein Buch mit mehreren Siegeln, die ich nicht öffnen werde 😉

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  4. Daths Definition ist ja eher Polemik gegen alle Literatur, die nicht seiner polit. Linie entspricht. „Pop“ ist ja nicht nur Collins, Spicegirls usw, genausowenig wie Jazz nur Miles Davis ist.

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  5. Jetzt hab ich Dich verstanden. Mit mir muss man Klartext reden 😉 Ist es denn dann aber Popliteratur? Oder gerade deshalb. Wie Du meinem Text entnehmen kannst, bin ich keine Kennerin des Genres … aber wenn ich mir die Definition dessen was es sein soll, ansehe, die Dietmar Dath für die heutige Popliteratur findet:

    „Popliteratur ist Literatur, die unter kulturindustriellen Bedingungen hergestellt und wahrgenommen wird; das Wort bedeutet also besser nicht „Bücher, in denen Platten vorkommen“. In meinem Sinn ist heute alle Literatur aus den reichen Ländern, die sich mit dem auseinandersetzt, was hier tatsächlich los ist, Popliteratur.“

    dann hat sich da ja auch einiges verändert. Und da gibts natürlich das komplette Spektrum, was den Wiedererkunngswert angeht.
    Aber Du hast Recht, sie unterwandern mit diesem Kunstgriff eigentlich ihren eigenen Ansatz.

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  6. Natürlich gibt es das, da muss man nur mal die Kolumnen meines Kollegen Ulf Kubanke bei den Kolumnisten & bei Laut.de lesen. Es gibt sehr viel Abseits des Mainstream-Pop. Der interessante Punkt ist: Pop-Literaten wie (besonders) Ellis wählten gerade die Dinge, die sogar der Schlageropi kennt (vielleicht) in der Hoffnung so etwas universales, nicht vergängliches einzubauen. Und genau das lässt die Texte heute so angestaubt wirken. Als hätte sie eben nicht ein Pokultur-Kenner geschrieben, sondern einer, der im Lexikon unter Pop, 80s, 90s nachschlägt und da eben Phil Collins & INXS findet. Das hat wiederum nix damit zu tun, was ich von Phil Collins halte.

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  7. Kann jetzt deinem Gedankengang nicht so recht folgen … ich merke, Phil Collins ist nicht dein Ding 😉 Eingeweihtes Wissen wirds bei Popkultur nicht wirklich geben, weil es ja massentauglich sein soll, wegen subversivem Unterlaufen der Elitekultur. Für mich hat es einfach keine Substanz und keinen Bestand und lebt von der Schnelllebigkeit, die mir persönlich auf den Zeiger geht 😉

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  8. Aber sowas wird ja kaum aufgefahren. Es sind bei Ellis (&auch bei Kraft zB) ja oft Dinge, die man nach 1x Lesen von Vogue oder auch Men’s Health auch aufschnappen könnte. INXS, Gucci, Prada, Phil Collins (!?!), Donnie the Trump.

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  9. Naja, das mit dem eingeweihten Wissen ist halt immer dann der Fall, wenn es Dinge, Marken etc. sind, die es entweder nicht mehr gibt oder die extrem speziell waren oder sind. Den zeitlichen Kontext muss man sich häufig erarbeiten, das hat so direkt für mich nicht unbedingt was mit Popkultur zu tun. Ereignisse, die keine großen Schatten werfen zum Beispiel schon, das ist sehr schnelllebig.

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  10. Bzgl Popliteratur finde ich faszinierend, wie die rasche Vergänglichkeit unmittelbar mit dem Versuch zu korrelieren scheint der Vergänglichkeit vorzubauen. zB ist im gefeierten American Psycho fast keine popkulturelle Referenz ist wie zB vll noch bei Welt oder gar Cortazar & den Beatnicks (denen Jazz eine ähnliche Funktion erfüllte) so abseitig, dass nur noch Eingeweihte heute wissen, wovon die Rede war – dem würde zumindest etwas enigmatisches innewohnen. Ellis Protagonist aber hört Phil Collins, kennt neben Armani noch zwei oder drei andere große Marken, danced zu INXS ab usw… alles auf Wiedererkennungswert für die Massen gepolt. Das macht den Roman heute extra staubig, als hätte meine Oma ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben und dann mittels eines Lexikons für populäre Musik der neunziger & einem alten Männermode-Magazin rasch noch jeden zweiten Satz aufgepeppt (& n bisserl Splatter gestreut).

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  11. Hah, du also auch. Naja, wir haben ja schon viele gemeinsame Lieblingsautoren und Bücher. Die Relevanz, genau – und wenn es nur für uns relevant ist;))) BSB ist einfach nicht unser … LG

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  12. Gut gesprochen, jetzt weiß ich endlich weshalb SB und ich nicht zusammenfinden. Es ist die RELEVANZ *G* und alles andere was du hier geäußert hast. Besonders, dass ein Autor hinter sein Werk tritt, dieses für sich sprechen lässt.

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