Beziehungsgeflecht

Von den meisten bibliophilen Menschen in meinem Umkreis höre ich häufig, dass sie Erzählungen oder Kurzgeschichten nicht so gerne lesen. Sie können mit der Form, die ich persönlich als die herausforderndste für einen Autor einschätze, nicht so richtig etwas anfangen. Was genau der Grund ist, kann mir kaum jemand sagen. Erzählungen werden scheinbar einfach nicht gemocht. Vielleicht liegt es an der Enge der Definitionen, die man im Laufe eines Leserlebens dazu über sich ergehen lassen musste, vielleicht sind sie manchem zu dicht geschrieben … was es auch immer sein mag, das Leser davon abhält, sich der zwar kürzeren, aber nicht zwangsläufig „schlechteren“ Textform zu verweigern, ich kann es nicht nachvollziehen.

Früh schon zogen mich die Short Stories diverser, vor allem amerikanischer, Autoren in den Bann. Der Grund dafür ist die meist vorhandene Unvorhersehbarkeit. Sei es der Plot, seien es die Figuren, in solch einer Kurzform muss auf den Punkt geschrieben werden, da muss man als Autor ganz klar sein und darf sich nicht verzetteln und braucht dennoch einen Überraschungseffekt, etwas Zündendes. Deshalb empfinden wir Leser Kurzgeschichten häufig so dicht, dass wir, haben wir eine gelesen, das Buch erst einmal zuklappen (müssen), um nach einer angemessenen Pause des Sackenlassens, weiterlesen zu können. Viele Leser stört das, ich finde es toll.

Was mich an Amy Blooms Erzählungsband Zwischen hier und hier zunächst anzog, waren Titel und Cover. Einerseits dachte ich, Bloom wäre eine absolute Neuentdeckung – nun ja, für mich persönlich schon – also quasi Debüterzählungen, andererseits ließ das Cover etwas anderes vermuten. Einmal nachgelesen, erfuhr ich, dass Amy Bloom bereits mehrere Romane und Erzählungen veröffentlicht hat. Da ist mir wohl bisher einiges entgangen.

Denn Amy Bloom besitzt eine Gabe, die sie in ihren Erzählungen wunderbar verarbeitet: Sie überrascht, wo es nur geht, obwohl es doch meist um dieselben Inhalte geht. Beziehungen und Identitäten sind es, die sie faszinieren. Aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln durchleuchtet sie das Beziehungsgeflecht ihrer Figuren, ohne jedoch alles zu präsentieren. Das ist wohltuend, da die Leerstellen, die Amy Bloom uns Lesern lässt, um sie selbst zu füllen, das Kopfkino anregen, und uns zwingen, unseren Horizont zu erweitern. Und genau das ist es, was mir beim Lesen die allergrößte Freude macht, dass ich mir neue Sichtweisen erarbeiten kann, nicht vorgesetzt bekomme, sondern meine eigenen Schlüsse ziehen darf.

Ihre Protagonisten sind Männer und Frauen, die ihre Beziehungen hinterfragen. Da sind die beiden ungleichen, befreundeten Paare, bei denen sich eine neue Paarung findet, die die verbliebenen Partner letztendlich frei werden lässt – die für mich überraschendste der Geschichten, wandelt sich mein Eindruck der Figuren von am Anfang eher unsympathisch zu sehr gemocht – oder die Mutter, die ihre Tochter so sehr liebt, dass sie ihr ohne Wenn und Aber beisteht in ihrer Wandlung zu einem jungen Mann oder die junge Frau, deren Vater die ganze Familie früher mit seinem Verhalten terrorisiert hat, ohne es selbst wahrzunehmen und die trotzdem am Ende bei ihm ist. Immerhin schafft sie es, ihm gegenüber etwas klar zu stellen:

»Weißt Du«, erwiderte ich im Plauderton, »wir versuchen, nett zu dir zu sein. Wir versuchen nett zu sein, was nicht einfach ist, weil du ein emotionales schwarzes Loch bist und der kälteste, egozentrischste Scheißkerl, den ich kenne; wir versuchen, nett zu sein um das Andenken an unsere Mutter zu ehren, Wenn du dich nicht wie ein zivilisierter Mensch benehmen kannst, dann halt doch einfach dein verdammtes Maul.«

Vor allem Frauen sind es, die in diesen Erzählungen hervorstechen, so war mein erster Eindruck. Doch tatsächlich ist es so, dass dieser Eindruck trog. Auf Hautfarbe oder Geschlecht kommt es hier nicht an, sondern auf die Menschlichkeit, die all diesen Personen zu eigen ist oder eben nicht. Und deshalb kann man sich in Amy Blooms Erzählungen ohne Mühe selbst wiederfinden, ohne dass die Texte beliebig oder langweilig erscheinen. Christine Westermann hat das wunderbar ausgedrückt:

Amy Bloom ist eine psychotherapeutische Alchemistin, die den Schrotthaufen chaotischer Alltagswirren in das Gold künstlerisch geformter Fiktion verwandelt. (Zitat Buchseite Verlag)

Besser kann man das nicht sagen, und mir fällt es schwer, die Erzählungen, die von falschen Entscheidungen, Tod und Verlust, aber für mich hauptsächlich von Mut, Vertrauen und Liebe handeln, näher zu beschreiben. Vielleicht ist es auch das, was viele Leser davon abhält, sich auf Erzählungen einzulassen: Sie packen einen, ohne dass man genau sagen könnte, womit oder wodurch. Eines aber kann ich genau sagen: Sie sind mir zu wertvoll, um sie zu zerpflücken oder zu analysieren. Sie überraschen, sie bieten Trost und sie müssen gelesen und genossen werden. Nicht mehr und nicht weniger. Und das natürlich am besten von ganz vielen Menschen. Also auch, wenn euch Erzählungen sonst nicht so liegen, traut euch! Es kann nur gut gehen.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 14. Oktober 2016
  • Verlag: Atlantik Verlag
  • ISBN: 978-3-455-60054-4
  • Gebunden: 336 Seiten

 

 

20 Gedanken zu “Beziehungsgeflecht

  1. Eben und das wird aber viel zu oft von Autoren vernachlässigt – weshalb mein Verhältnis so ambivalent ist. Im Prinzip hast Du völlig Recht, eigentlich ist die Kurzgeschichte eine der schwierigsten Literaturformen. Je kürzer desto größer die Herausforderung, sie gut zu machen.

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  2. Hmm, naja, die Figurenentwicklung kann schon gelingen ins Kurzgeschichten, aber dann muss man das wirklich können. Gerade deshalb finde ich diese Textform so herausfordernd für Autoren. LG

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  3. ja ich habe auch ein ambivalentes Verhältnis zu Kurzgeschichten. Meistens aber auch daher, weil eine nötige Figurenentwicklung einfach nicht stattfindet. Manche Themen eignen sich einfach nicht für Kurze Geschichten sondern nur für einen Roman. Wenn sie gut gemacht sind, liebe ich sie dennoch sehr. Meine bisher alltime favourites sind von Philip K. Dick und Stanislaws Lem.

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  4. Sie versucht es immer wieder mit uns – das Anfixen. Meist mit Peter Stamm, worauf wir nach „Agnes“ keine Lust mehr haben. Früher hat sie ab und zu mal eine Kurzgeschichte mitgebracht und vorgelesen. Das war sehr schön. Jetzt sind wir zu viele und es bleibt dafür wenig Raum. Ich sag dir gern Bescheid, wenn ich was höre. ☺

    LG,
    Mona

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  5. Liebe Mona, interessant – in der Reihenfolge habe ich das auch noch nicht so richtig gehört. Aber wer weiß, vielleicht fixt Dich Deine Lesekreiskollegin ja wieder an 😉 LG – sag mal Bescheid, ob sie es dann gelesen haben wird und wie es ihr gefiel. Bri

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  6. Ich habe früher viele Kurzgeschichten gelesen und kann dir gar nicht genau sagen, warum ich heute lieber Romane lese. Vielleicht weil man dort länger verweilen und eine „Beziehung“ zu den Figuren aufbauen kann?
    In unserem Lesekreis gibt es eine Leserin, die Kurzgeschichten liebt. Ihr werde ich das Buch mal vorstellen. 😉

    Liebe Grüße,
    Mona

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  7. Die werde ich mir holen. Cool. Surreal ist doch interessant. Ich habe eigentlich auch gar keinen Grund, noch nichts von Murakami gelesen zu haben, ausser zu viel anderes und zu wenig Lesezeit 😉

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  8. „Von Männern, die keine Frauen haben“ ist vielleicht als Einstieg gut. Murakami ist zu Beginn etwas verwirrend, weil er oft sehr surreal ist, was ich jedoch sehr mag. Ich bin gespannt, wie du ihn findest!
    Bei „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ mag ich die Sprache sehr gerne, aber inhaltlich ist alles sehr ähnlich – das meinte ich mit „Klumpen“.

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  9. Also gibt es doch mehr Menschen, die diese Textform mag, als ich gedacht habe. Das ist schön!! Murakami – da muss ich gestehen, dass ich von ihm noch gar nichts gelesen habe. Aber vielleicht sollte ich es mit seinen Kurzgeschichten versuchen? Himbeeren mit Sahne im Ritz – habe ich auch gelesen und war etwas enttäuscht. Vielleicht war es hier der Inhalt … Du kannst mal gucken, wenn Du willst: https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2017/03/19/das-fehlende-sahnehaeubchen/
    Ja, ich mache das mit den Pausen auch wirklich so und genau das gefällt mir. Die Dichte, die so nachschwingt. Schön, dass Du Dir das Buch notiert hast – ich wage mich dann an Murakami. LG, Bri

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  10. Ich mag Kurzgeschichten und Erzählungen auch sehr gerne, was aber daran liegt, dass ich durch Murakami dieses Genre entdeckt habe (und Murakami könnte mir auch auch Beipackzettel unterjubeln – ich würde sie feiern). Gerade lese ich „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ von Zelda Fitzgerald und vielleicht liegt hier das Problem für einige Leser von Kurzgeschichten. Wenn man mal mehr als eine Erzählung lesen möchte, verschwimmen die einzelnen Charaktere und bilden einen literarischen „Klumpen“, wo die einzelne Erzählung nicht mehr hervorsticht. Man müsste also nach jeder Erzählung eine Pause einlegen, um alles auf sich wirken zu lassen.

    Auf jeden Fall habe ich mir deine Buchempfehlung notiert!

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  11. Ja, der Titel und das Cover waren es und die Erzählungen sind auf wunderbare Weise eigen und anders. Ich bin froh, dass sie den Weg in mein Regal gefunden haben. LG

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  12. Ich mochte Kurzgeschichten früher nie, mittlerweile habe ich einige Hochkaräter lesen dürfen und auch, wenn es schwerfällt greife och bei solchen Lobesrezensionen deiner- oder anderseits gerne zu und meist passt es. Es ist nur die Gier, wenn es großartig ist ist länger andauernd einfach besser

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  13. Also ich mag nicht nur, sondern brauche ab und an auch die Form der Erzählung (man kann ja nicht alle Tage dicke Wälzer walzen). Und es ist eben dieses, dass sie so verdichtet sind, oft eben auch ein überraschendes Ende haben und zudem sprachlich meist sehr intensiv sind. Frau Bloom war mir bislang auch kein Begriff, das liest sich aber sehr gut, was Du schreibst – und das Cover hätte mich auch angesprungen 🙂

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  14. Liebe Marina, klar, jetzt wo Du es sagst, fällt es mir auch wie Schuppen von den Augen … Hmm, jetzt müsste ich nur noch meine Lesefreunde fragen, die keine Erzählungen oder Kurzgeschichten mögen, ob sie Lyrik mögen 😉 – da könnte man glatt eine wissenschaftliche Arbeit draus machen. Aber Du hast komplett Recht. Danke! LG , Bri

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  15. Oh wie schön … wir sammeln uns hier und machen einen Club auf … Marina Büttner macht sicher auch mit. LG aus dem hochsommerlichen Berlin, Bri

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  16. Liebe Brigitte,

    ich glaube, es liegt daran, dass Kurzgeschichten oft ein rätselhaftes oder offenes Ende haben. Das mögen die meisten Menschen nicht. Noch stärker wird es dann mit Lyrik, die ja oft von vornherein eher Fragen stellt als Antworten gibt. Zudem lässt sich in einen Roman leichter flüchten.
    Viele Grüße,
    Marina

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