So interessant können farblose Menschen sein

Tsukuru Tazaki verbindet in seiner Schul- und zu Beginn seiner Studienzeit ein sehr enges Verhältnis mit seinen fünf besten Freunden. Die zwei Mädchen und drei Jungen bilden als Gruppe das perfekt harmonische Beziehungsgeflecht. Völlig unvermittelt wird Tsukuru aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, niemand spricht mit ihm über die Gründe und keiner will ihn mehr sehen. Dieses traumatische Erlebnis führt zu einem riesengroßen Knacks in seinem Selbstbewusstsein und zum kompletten Vertrauensverlust, von dem er sich jahrelang – nein mehr als ein Jahrzehnt lang nicht mehr erholt.

Erst als sich Herr Tazaki verliebt, und dieses unsägliche Jugenderlebnis droht, seine Beziehung zu sabotieren, macht er sich auf den Rat seiner Freundin auf, um die ungelöste Frage seiner Vergangenheit zu klären. Diese Reise fördert erstaunliche neue Erkenntnisse zu Tage.

Schon mein erster Murakami-Roman hat mich vor Jahren regelrecht verzaubert. Ich liebe seine wundervolle Bildsprache und den Umstand, dass Realwelten, Vorstellungen, Traumwelten und mystische Welten beim Autor immer durchlässig sind, manchmal sogar sehr verwirrend nahezu verwischen.

„Wie dieser Mann in der Bibel, der von einem Wal verschlungen worden war und in dessen Bauch überlebt hatte, war Tsukuru in den Magen des Todes gestürzt und hatte Tag für Tag in dessen dunkler, dumpfer Höhle verbracht. Ohne jedes Zeitgefühl. Er hatte gelebt wie ein Schlafwandler oder wie ein Toter, der noch nicht gemerkt hatte, dass er tot war.“

Dieser Roman ist aber sehr viel realistischer als manch anderer des Autors, stehen doch Beziehungen, Verletzungen, Selbsterfahrung und Freundschaften im Vordergrund. Die Geschichte hat ein langsames, gemächliches Tempo, nimmt sich aber dadurch die Zeit, die Essenz von Freundschaft und Beziehung sehr genau unter die Lupe zu nehmen. Manche mögen das als etwas langweilig und farblos bezeichnen – so wie sich Herr Tazaki ja auch selbst charakterisiert – mir gefällt es sehr gut.

Lediglich mit dem Ende bin ich wie so oft nicht ganz zufrieden. Der Autor ist meiner Meinung nach ein miserabler Finisher und ich stehe einfach nicht auf lose Fäden, zahllose Handlungsstränge, in denen sich der Schriftsteller selbst verirrt hat etc. Dieses Mal hat Murakami eine neue Art gefunden, mich ein bisschen zu quälen: Er verweigert mir schlicht und ergreifend den Abschluss der Geschichte. So ein Schurke! 😉

Fazit: Eine wundervolle Erzählung über Freundschaften und Beziehungen gewürzt mit einer Botschaft – meisterlich erzählt

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 09. Jänner 2014
  • Verlag : Dumont Verlag
  • ISBN: 978-3-8321-9748-3
  • Gebunden: 318 Seiten

 

7 Gedanken zu “So interessant können farblose Menschen sein

  1. Als Hardcore Fan gefällt mir natürlich alles 😉 Mein Lieblingsbuch ist „Kafka am Strand“. Manchmal mag ich es abgefahrener und skuriler, manchmal lieber etwas realitätsnaher. Kommt glaube ich auf meine jeweilige Stimmung an 🙂

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  2. Hehe super Du bist ein Hardcore-Murakami-Fan. Was mir bei den Diskussionen in den Buchnetzwerken aufgefallen ist, ist der Umstand, dass Murakami sogar unter seinen Fans stark polarisiert. Manche lieben seine Verwirrspiele leidenschaftlich (wie beim Mr. Aufziehvogel oder auch stellenweise beim Kafka am Strand) einige andere und ich mögen lieber jene Bücher, in der die Geschichten mit konsistenten Erzählsträngen und etwas bodenständiger beschrieben sind, wie der Herr Tazaki oder die gefährliche Geliebte. Am besten hat mir Hardboiled Wonderland gefallen 🙂
    Wie siehst Du das als Hardcore Fan?
    Liebe Grüße Alexandra

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  3. Mir hat dieser Roman sehr gefallen, kann ihn nur empfehlen. Ich hatte gar nicht so sehr das Gefühl viel Geduld gebraucht zu haben, aber gut, bin ja auch ein Hardcore-Murakami-Fan 😉 Toll, jetzt will ich den auch noch mal lesen…. so bau ich meinen SUB nie ab, wenn ich hier dauernd verführt werde, alles noch mal zu lesen 😉
    Liebe Grüße …

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  4. Danke für Deinen Kommentar – ich war nämlich schon in Sorge, ob ich das Ende überhaupt erwähnen darf – weil ich zuviel spoilere, aber in Anbetracht der Tatsache, dass es das einzige war, was mich massiv gestört hat, musste ich es einfach tun, wenn ichs auch ein bisschen kryptisch verpackt habe, damit ich nicht zuviel verrate 🙂

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  5. Mir hat das Buch sehr gefallen auch wenn ich recht schnell auf den „Kern des Problems“ gekommen bin. Und ja, das Ende fand auch ich enttäuschend.

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  6. „Farblos“ ist eh nur der Herr Tazaki und nicht der Roman. Erstens weil er keine Farbe in seinem Namen hat und weil nur er sich selbst aufgrund seiner Zweifel für langweilig hält – seine ehemaligen Freunde sind sowohl im Namen als auch von ihrem Leben sehr bunt. In einem hast Du aber völlig Recht: Murakami fordert gerade in diesem Roman, weil er realistischer als andere ist, mehr Geduld. Diese opulenten phantasiesprühenden Märchengeschichten, die wir vom Autor sonst so gewohnt sind, in denen Traum und Realität verwischen, gibt es in den anderen Romanen, aber nicht in diesem.

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  7. Kafka am Strand fand ich großartig. Wegen der im Titel angekündigten und von dir bestätigten Farblosigkeit zaudere ich noch. Ich liebe opulente, phantasiesprühende Geschichten deren Themen das Leben sind. Irving, Mitchell und Harkaway haben mich in letzter Zeit verwöhnt und wie ich Murakami kenne fordert er von seinen Leser mehr Geduld. Bunt ist einfach schöner.

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