Tigerman

Mancreu ist eine fiktive Insel im Südatlantik, die öfters ihre Besatzungsmächte gewechselt hat. Skrupellose Chemiekonzerne haben die Insel ausgebeutet und ihre Spuren hinterlassen. Bei dem Aufbau einer Chemieproduktionsanlage wurde eine unterirdische Höhle voller Trinkwasser entdeckt. Nachdem das Trinkwasser verbraucht wurde, hat man einfach alle Chemieabfälle hineingepumpt, bis durch ein Loch in der Erde Magma in die Höhle kam. Durch Hitze und andere unbekannte chemische Reaktionen wurde ein proteisches Gemisch geschaffen welches durch teils giftigen Wolkenausstoß, die Insel nun bedroht. Die Menschen sind nach und nach ausgezogen, nur noch wenige verbleiben auf diesem explosiven vulkanischen Gebräu.

Lester Ferris ist der letzte Ehrenkonsul der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien. Eigentlich ist er ein Soldat, dem man auf diese Insel geschickt hat. Nur beobachten, nicht einmischen heißt seine Devise

„Die Fähigkeiten des Sergeant waren in dieser Hinsicht beschränkt, aber er verfügte über eine andere Art von Blick, den er anderen Problemen zu verdanken hatte und der ihn umso schonungsloser verfolgte: Ein Sinn für die Erzählung, der zum Teil aus Empathie bestand und zum Teil aus strategischer Erwägung, der ihm verriet, wenn etwas im Anzug war oder längst überfällig. Seine Jungs sagten, er könne aus zehn Meilen Entfernung hören, wie die feindlichen Soldaten miteinander flüsterten, dass er die Granaten riechen konnte, bevor sie abgefeuert wurden. Sie nannten ihn Hexenmeister, aber für ihn fühlte es sich nicht an wie Magie, eher wie ein Flirt mit der Umgebung.“

Auf der Insel haben sich noch andere Großmächte breitgemacht, besonders interessant ist die schwarze Flotte, die vor der Insel vor Anker liegt. Eine Konglomerat von Schiffen aus verschiedenen Interessen, Konzernen, Piraten, Freibeutern, die auf den größten Fang ihres Lebens warten. Jeder wartet hier auf das Ende der Insel, da sie letztendlich in die Luft gesprengt werden soll, wenn der Zustand zu instabil werden sollte.

Eines Tages wird Lesters Freund Shola erschossen, von 5 Verrückten mit Maschinenpistolen. Lester und sein jugendlicher Freund machen sich zusammen auf den Weg die Hintermänner dieses Attentates zu finden. Auch ansonsten spielt das Leben auf der Insel verrückt. Motorradbanden hängen tote Hunde an den Straßenrand. Die Insel ist verseucht, unterwandert von Wahnsinn. Zu seinem jugendlichen Freund hegt Lester väterliche Gefühle, er will ihn beschützen und so lässt er sich von ihm und seinen Superheldenphantasien mitreißen. Lester wird zu Tigerman.

„Diese Geschichten erzählten davon, dass man niemals sicher war, vor allem nicht an abgeschiedenen Orten. In diesen Geschichten, sagte der Junge, musste man allein dastehen, wenn man der Held sein wollte, doch war man allein, erhöhte sich auch die Wahrscheinlichkeit, von einem Monster verschlungen zu werden.“

Nick Harkaway erzählt in seinem neuesten Roman Tigerman eine empathische Abenteuergeschichte aus der Sicht von Lester. Wie auch im goldenen Schwarm werden viele Themen angesprochen, Umweltverschmutzung, Sinnlosigkeit des Krieges, Konzerngehabe, aber Harkaway beschränkt sich inmitten dieser Aspekte auf die Vater-Sohn Beziehung der beiden Hauptcharaktere. In bildhafter Sprache bringt er die Insel und die Verrücktheit der teils skurrilen Einwohner näher. Wenn er fabuliert wird er fast so gut wie im goldenen Schwarm:

„Britische Soldaten zum Beispiel gaben ihren Kommandanten ganze Lageberichte durch die Art und Weise, wie sie ‚Guten Morgen, Sir‘ sagten, und mussten dann eine halbe Stunde damit verbringen, den restlichen Anwesenden die Details darzulegen, weswegen die Engländer bei Meetings grundsätzlich gelangweilt aussahen. Sie konnten den Verlauf des Gespräches instinktiv voraussehen, wussten, dass jetzt die schlechten Nachrichten kommen würden und jetzt guten und dass am Ende eine bestimmte Frage anfallen würde, über die man nachdenken müsste.“

Doch meist sind diese Elemente nur spärlich im Buch verstreut. Was ihm auch nicht ganz gelingt ist sein Versuch die technisierte Welt mit der des Mythos, des Unwahrscheinlichen, Unsichtbaren zu verbinden. Am Ende kommt es doch noch zu einer Art Überraschung und einer Art Showdown, die aber verkürzt und zu verhuscht herüber kommt. Insgesamt ein nicht so starker Roman wie der goldene Schwarm, aber Nick Harkaway kann schreiben und man sollte ihn auf jeden Fall im Auge behalten.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 17. August 2015
  • Verlag : Knaus
  • ISBN: 978-3-8135-0670-9
  • Gebunden: 448 Seiten

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