Zwei-Mann-Armee

VorbereitungBrad Skinner war als Soldat im Irak. Dreimal. Viel Leid und Gewalt hat er erlebt, er hat getötet und gesehen, wie Kameraden getötet wurden. Nun ist er zurück in New York. Er findet ein Zimmer zur Untermiete bei einer Familie, deren Sohn gerade im Gefängnis sitzt. Jimmy wird bald entlassen werden. Und er ist gefährlich und gewalttätig.

Skinner lernt bei seinen Streifzügen durch die Stadt die Uigurin Zou Lei kennen. Sie ist illegal eingewandert, eine starke junge Frau, die in ihrem Leben schon viel Leid, Ausgrenzung und Verfolgung erlebt hat und auf ein besseres Leben in Amerika hofft, zunächst einmal aber aufgegriffen und ins Gefängnis gebracht wird – eine beängstigende Erfahrung, die ihr zeigt, dass sie den Behörden im Zweifelsfall schutzlos ausgeliefert ist. Auf keinen Fall möchte sie so etwas noch einmal erleben.

Skinner und Zou Lei nähern sich einerseits schnell an – zwei Außenseiter am Rande der Gesellschaft, die sich aneinander festhalten in einem trostlosen Leben, von dem sie nicht wissen, was es noch für sie bereit hält und wie sie aus ihrer Situation herauskommen können. Andererseits hat man als Leser lange das Gefühl, gar nicht so genau zu wissen, was sie sonst noch verbindet – ist das Liebe? Romantik sieht anders aus. Nach und nach bekommt man ein genaueres Bild davon, was die beiden füreinander sind. Eine Zwei-Mann-Armee wären sie gerne, zwei gegen alle, die ihnen auf dem Weg zu einem besseren Leben im Weg stehen könnten. Zou Lei ist der zupackende Teil des Paares, während Skinner sein Kriegstrauma allein nicht überwinden kann. Beide verausgaben sich beim Fitnesstraining, aber es braut sich etwas zusammen, Skinner hat sich immer weniger im Griff, auch Zou Lei kommt nicht mehr an ihn heran. Und es wird deutlich, dass Jimmy, der Sohn seiner Vermieterin, ein gewalttätiger Verbrecher ist.

Atticus Lish hat mit seinem Roman „Vorbereitung auf das nächste Leben“ eine trostlose, eine harte Geschichte geschrieben über das Leben in New York jenseits der Mittel- oder Oberschicht. Über das Leben von Verlierern in dieser Gesellschaft, sei es nun der Irak-Heimkehrer, dessen Traumatisierung von den Behörden nicht anerkannt und der folglich auch keine Hilfe erhält oder aber die illegale Einwanderin, die kaum eine Chance hat, aus einem Leben in der Parallelwelt herauszukommen, in der sie sich behaupten muss, hart arbeitet und sich gegen ungerechte Behandlung kaum wehren kann. Immer ist da die Gefahr, dass man sie entdeckt, einsperrt, abschiebt. Lishs Sprache ist direkt und meist schnörkellos – die Zustände, in denen beide leben, beschreibt er, wie sie sind. Sowohl, wenn es ums alltägliche Leben geht, als auch in den Rückblenden, die sich mit Skinners Zeit im Irak beschäftigen: Das sind jene Stellen, die durch ihre Unmittelbarkeit dann umso härter treffen. Lishs Sprache ist da geradeheraus, manchmal kurz und knapp – mehr gibt es nicht zu sagen.

So gab es Stellen, die ich nur schwer ertragen konnte, so voller Gewalt und Skrupellosigkeit. Realistisch sind sie sicherlich. Andere Passagen dagegen wurden lang und nahmen dem Roman dadurch zeitweise seine Eindringlichkeit, manchmal hält sich die Geschichte an Unwichtigem auf, biegt ab, wo man als Leser eine andere Erwartung hatte. Einige sprachliche Ungenauigkeiten gibt es außerdem.

Eine „Vorbereitung auf das nächste Leben“, dankenswerter Weise wurde der Titel aus dem amerikanischen Original wörtlich übersetzt, wie es längst nicht immer der Fall ist, mehr scheint dieses Leben von Zou Lei und Skinner nicht zu sein. Können sie in diesem Leben noch etwas erwarten? Man hofft, wenn man dieses Buch liest. Aber man verliert die Hoffnung, je mehr Seiten an einem vorbeifliegen – tatsächlich liest sich der Roman auch durch die gefällige Sprache sehr zügig. Womöglich liegt es an diesem Tempo, dass besagte kleinere Mängel für mich nicht schwer wogen.

Atticus Lishs Roman ist eine meist gelungene Studie über das Leben derjenigen, die die Gesellschaft nicht auffangen kann oder will, die sie am liebsten gar nicht sehen will. Über die, die versuchen, einen Platz zu finden, wo es wahrscheinlich keinen Platz für sie gibt. Ein Roman über Außenseiter jenseits von Luxus, Geld und Glamour oder auch einfach abseits eines normalen bürgerlichen Lebens. Eine eindringliche Geschichte, deren Lektüre sich lohnt.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 23. Oktober 2015
  • Verlag: Arche Verlag
  • ISBN: 978-3-7160-2745-5
  • Leinen gebunden: 544 Seiten

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