Abrechnung mit der High Society

978-3-257-06938-9Auf der süditalienischen Insel Tari liegt die Villa Metaphora, ein Luxusressort, das der Architekt Gianluca Perusato aufgebaut und gerade erst eröffnet hat. Geschaffen für eine anspruchsvolle Klientel, Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kultur, aus Film und Fernsehen – und vor allem für Leute mit Geld, sehr viel Geld. Es fehlt noch an vielem, doch Perusato hat schon deutlich mehr Geld in den Aufbau des Ressorts gesteckt, als ihm zur Verfügung stand und so hat er keine andere Wahl, als die ersten Reservierungen anzunehmen, schließlich handelt es sich hier nicht um irgendwen. Und so kommen sie an. Die junge weltberühmte Schauspielerin Lynn Lou Shaw mit ihrem überheblichen Mann Brian Neckhart, der eine Agentur betreibt, die verspricht, für viel Geld alle überhaupt nur denkbaren Probleme seiner Kunden zu lösen. Filmstar Shaw, im Prinzip nichts weiter als ein verwöhntes Gör, soll sich ein paar Tage von einem Zusammenbruch erholen, den sie am letzten Filmset hatte. Eingeladen hat sie außerdem ihre erfreulich normale Freundin Lara. Der deutsche Banker Werner Reitt muss ein paar Tage untertauchen, da er einen Skandal ausgelöst hat, seine Frau Brigitte begleitet ihn. Eine französische Journalistin, Madame Poulanc, ist inkognito auf Tari und hat die Fehler und Sünden der anderen genau im Blick. Ein älteres italienisches Ehepaar will sich ein paar Tage erholen, oder steckt mehr dahinter? Daneben wird das Hotel noch von der jungen Tareserin Lucia bevölkert, rechte Hand und Geliebte Perusatos, außerdem von Lucias Cousin, dem Bootsmann Carmine, der großer Verehrer von Filmstar Shaw ist, vom sensiblen Starkoch Ramiro und dem Schreiner und Einzelgänger Paolo Zacomel.

Andrea De Carlos neuer Roman „Villa Metaphora“ erzählt von den ersten sieben Tagen im Luxushotel nach seiner Eröffnung. Hightech trifft hier auf unberührte Natur – ein Versprechen, dass die anspruchsvolle Klientel anlocken soll. Jedoch hat man seine (zum Teil nicht unerheblichen) Probleme mit auf die Insel genommen und so kommt es natürlich zu Konflikten. Niemand kann oder will hier einfach nur ausspannen, es ist gar nicht möglich, sich nicht um Macht, Geld und seinen gesellschaftlichen Stand zu kümmern.

De Carlo, der mit Romanen wie CreamtrainZwei von Zwei und Wir drei in den 80er und 90er Jahren zum Kultautor in Italien wurde, legt mit „Villa Metaphora“ einen Roman mit über 1000 Seiten Umfang vor – unmöglich, hier auch nur annähernd wiederzugeben, welche Konflikte ausgestanden werden, wie die Figuren miteinander interagieren. Man sollte sich einfach einlassen, wenn man Lust auf diesen Brocken von einem Buch hat und genießen, wie De Carlo es schafft, diese Menschen zunächst einfach nur darzustellen, später bloßzustellen und vorzuführen und dabei höchst amüsant Kritik zu üben an der High Society, die vom Leben der „normalen“ Menschen so weit entfernt zu sein scheint, wie nur möglich.

Andrea De Carlos Roman ist vor allem eins: Unterhaltsam. Dies zum Einen, weil er es bravourös schafft, seine Figuren genau zu charakterisieren, in ihre Köpfe zu schlüpfen, ihre Gedanken zu denken, in all ihrer Abstrusität und Abgehobenheit, über die man als Leser nur immer wieder staunend den Kopf schütteln kann. Zum anderen ist der Roman (in der hervorragenden Übersetzung von Maja Pflug) sprachlich ein Genuss. De Carlos Sätze sind oft lang und verschachtelt, kommen aber immer auf den Punkt, niemals verzettelt er sich, er liest sich leicht, locker und trotzdem nicht ohne Anspruch. Auch durch diese Sprache, durch die treffende Wortwahl, führt er seine Protagonisten vor. Jeder von ihnen hat einen eigenen Ton: Die Kapitel sind jeweils aus der Sicht einer Person geschildert und als Leser erkennt man schließlich schon nach wenigen Sätzen, wem das entsprechende Kapitel gewidmet ist, wenn etwa Lynn Lou Shaw keine zwei Sätze ohne Schimpfwörter „denkt“.

1000 Seiten für einen – und das ist auf keinen Fall abwertend gemeint – Unterhaltungsroman? Funktioniert das? Tatsächlich empfand ich erst weit über der Hälfte des Romans überhaupt Längen, als sich einige Gedanken, auch Situationen etwa zwischen Architekt Perusato und Lucia ein paar Mal zu oft ähnlich wiederholten. Auch nimmt die Geschichte im letzten Drittel einen Verlauf, der mir zuweilen zu chaotisch war, wobei De Carlo hier natürlich etwas zeigen und ad absurdum führen will, was ihm auch gelingt. Villa Metaphora: Dieser Name kann nur Programm sein, das Ressort und somit auch der Roman als Metapher verstanden werden. So treibt es De Carlo denn auch mehr und mehr auf die Spitze, übertreibt mehr und mehr, sie enden im Chaos, seine Protagonisten, ihr Geld, ihre gesellschaftliche Stellung, all das wird zu einer leeren Hülle, bedeutet nichts mehr.

Letztendlich habe ich mich selten so gut unterhalten gefühlt wie bei der Lektüre von „Villa Metaphora“, habe mich an der Kritik an den Reichen und Schönen erfreut, an den Seitenhieben auf die italienische Politik (immer wieder ist von Ex-Präsident Buscaretti die Rede) und an dem Witz und Sarkasmus, mit dem mir das alles präsentiert wurde. Sicher hätte der Roman einige Seiten weniger vertragen, gut und gerne hätte man um 300 Seiten kürzen können. Andrea De Carlos neuestes Buch ist eine glänzende Satire und eine Abrechnung mit der High Society und macht viel Spaß.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 26. August 2015
  • Verlag : Diogenes Verlag
  • ISBN: 978-3-257-06938-9
  • Leinen, gebunden 1088 Seiten

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