Das Comedian-Leben

MissBlackpoolEngland Anfang der 60er Jahre. In Blackpool, einer nordenglischen Kleinstadt an der irischen See, wird Barbara ‚Miss Blackpool‘. Die dadurch aufgezeigte Zukunft und der kalte Wind lassen sie frösteln und die Krone an die Zweitplatzierte weiterreichen. Noch am selben Tag verlässt sie Blackpool, um in London Komikerin zu werden. Wie Lucille Ball, deren halbstündige Comedy-Show ‚I love Lucy‘ sie liebt und verehrt. Doch wer will in England Anfang der 60er Jahre einem Nobody eine Chance geben? Und noch dazu einer Frau? Das London der 60er Jahre mit den Beatles, Hair, den Rolling Stones ist im Aufbruch, die alte Gesellschaft im Umbruch. Glück hat Barbara, dass sie bei einem ihrer ersten Vorsprechen Bill und Tony trifft, die ihr komödiantisches Talent erkennen und ihr eine Serie auf den Leib schreiben. Und das gerade bei der BBC, die die Folgen in die halbstündigen Aufnahmen des ‚Comedy Playhouse‘ einbauen.

„Einige der säuerlich blickenden Männer, die in den schmuddeligeren Fluren der BBC herumhuschten, hielten Comedy für den Feind. Sie wollten tatsächlich, dass niemand jemals lachte.“

Barbara, mit allen guten Vorzügen einer Frau ausgestattet, wird erst zu Sophie und dann wieder zu Barbara in der Serie ‚Barbara (and Jim)‚. In dem kleinen Team der Serie findet sie eine neue Familie.  Bill kämpft mit seinen homosexuellen Neigungen, die in England noch unter Strafrecht stehen. Tony weiß nicht, wo er steht, erste homosexuelle Kontakte hatte er gerade mit Bill während seiner Militärzeit, jetzt sitzen sie bei BBC und schreiben Drehbücher. Clive weiß, wie gut er aussieht und ist immer auf der Suche nach etwas Besserem in seinem Leben, eigentlich will er auch nur Hauptrollen annehmen, Probleme hat er nur ‚(and Jim)‘ zu spielen. Dennis will bei seiner ersten Serie als Regisseur und Produzent etwas bewirken. Der erste Kontakt mit Barbara gerät zum Zündfunken einer erfolgreichen Sitcom-Show, die das Leben aller Beteiligten umkrempelt.

„Aber anscheinend konnte man sich alles erlauben, wenn man im Fernsehen war.“

Hornby führt diese Comedy Show und parallel das Leben aller Beteiligten durch alle drei Staffeln und konsequent bis zum Ende. Nicht nur die Lebensfragen der Charaktere beschäftigen ihn, auch: Was kann Fernsehen, was darf Fernsehen. Dabei blickt man schon hellseherisch in die Zukunft:

„‚Ich glaube nicht, dass irgendjemand anderen Leuten beim Scheißen zuschauen will‘, sagte Dennis. ‚Noch nicht‘ sagte Whitfield. ‚Aber der Tag wird kommen, Sie werden sehen'“.

Das Buch liest sich wie ein Comedy Drehbuch, wunderschöne Dialoge, kleine eingebaute Witze und Menschen, die in dem neuen veränderten Umfeld versuchen, Menschen zu bleiben. Manchen gelingt es besser mit dem Erreichten zufrieden zu sein, manche denken, dass hinter der nächsten Ecke noch etwas Besseres lauert. Barabara weiß, wann sie damit aufhören muss, denn das Leben ist eben NICHT wie eine Comedy:

„Man konnte nicht immer weiter darum bitten, die Seiten zu zerknüllen und in den Papierkorb zu werfen, vor allem dann nicht, wenn sie gut und richtig waren.“

So lässt uns Hornby an den ersten (fiktiven) englischen Seifenopern teilhaben und geht über das Ende der Staffeln hinaus, sozusagen ein: ‚was danach geschah‘. Ein sehr nachdenkliches aber witziges, luftiges, nah an den 60er Jahren und der aufblühenden Hippiekultur operierendes Buch, das den Charakteren zeigt, dass in der wahnwitzigen schnellen Jugendkultur ein oder zwei Jahre doch eine ganze Generation sein können.

Ein anderer Hornby, aber doch unverkennbar ein sehr Guter!

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 13. November 2014
  • Verlag : Kiepenheuer&Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04690-8
  • Gebunden: 429 Seiten

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