„Our little cruelties“ so lautet der Originaltitel des Kriminalromans „Kleine Grausamkeiten“ der irischen Schriftsellerin Liz Nugent. Und es sind nicht nur kleine Grausamkeiten es sind tatsächliche ihre sehr speziellen Grausamkeiten untereinander. Die der Familie Drumm. Drei Söhne: William, Brian und Luke, kurz nacheinander geboren, ein ältlicher gutmütiger Vater und eine um viele Jahre jüngere flirtfreudige Mutter die ihre Show- und Gesangskarriere trotz Familie weiterhin verfolgt. Das war auch in den späten 70er Jahren nicht selbstverständlich. Der Vater bringt sich ein in Haushalt und Kindererziehung doch ausschlaggebend ist was die Mutter möchte. Diese Mutter die selbst weder eine schöne noch eine gesunde Kindheit hatte. Der Vater versucht sich gut um die Kinder zu kümmern, ist aber zu schwach für ein liebevolles, emotional geborgenes oder zumindest gerechtes Aufwachsen der Söhne zu sorgen.
Jeder der drei Brüder erlebt sein Aufwachsen in der Familie anders und die Autorin lässt die LeserInnen mittels Zeitsprüngen durch die Jahre direkt an ihren Erlebnissen teilhaben. Von der Kindheit bis zu ihren späten Vierzigern. Ihre Beziehungen, Karrieren oder ihre Erfolge oder Misserfolge jeweils aus einer anderen Sicht. Erinnerungen jeweils durch die verschiedenen Jahre oder Jahrzehnte die aus vielen kleinen Puzzleteilen ein ganzes Charakterbild formen, das in den Erinnerungen der anderen Brüder jedoch gänzlich andere Gestalt annimmt. Und auch vor dem LeserInnenauge setzten sich die Eigenheiten und Leben der Geschwister noch einmal neu zusammen. Das liest sich, extrem spannend und ist seltsamerweise nie redundant. Die Spannung ist durchgängig hoch, denn wie wir durch den Prolog wissen: Ein Bruder starb eines grausamen Todes. Welcher das offenbart sich erst am Ende, ebenso wie und warum das alles geschah. Dabei ist der Kriminalfall gar nicht das fesselndste Element dieses raffiniert angelegten Romans.
Es ist die Familiendynamik, es sind die verschiedensten Sichtweisen der einzelnen Brüder es ist die Entwicklung der Kinder die zu diesem tragischen Ende führte und als LeserIn hat man den Logenplatz, beobachtet aus der Drohnenperspektive, kreist über dieser emotional verkrüppelten Familie und schaut ihnen zu, wie sie alle versuchen heil zu bleiben. Sich Gerechtigkeit zu verschaffen das individuelle Glück zu finden, was schier unmöglich erscheint angesichts der Knüppel die sie sich mitleidslos immer wieder gegenseitig zwischen die Beine werfen.
Als LeserIn fiebert und leidet man mit, möchte dazwischengehen und Schutz bieten und muss doch hilflos auf den Showdown zusteuern, ohne Gegenwehr.
Das ist so detailliert, auf den Punkt und fast schon infam erzählt, dass man, also ich zumindest, den Roman nicht aus der Hand legen kann. Ich musste eine Nachtschicht einlegen um zu Ende zu lesen. Und danach war an Schlaf auch erst einmal nicht zu denken. Einen derart packenden Krimi, ich würde es ja Thriller nennen, habe ich schon lange nicht mehr vor Augen gehabt. Absolute Empfehlung und auch, wenn ihr man sich eigentlich nicht zur Kategorie Krimitante oder Krimionkel zählt.
Falls euch, wie mir, Liz Nugents Vorgängerroman, „Seltsame Sally Diamond“ so gar nicht zugesagt haben gebt ihr mit „Kleine Grausamkeiten“ eine wohlverdiente Chance.Hier halten sich Krimi und Who Dunnit und (Familien) Romanso exakt in der Balance, dass alle auf ihre Kosten kommen, sowohl die FreundInnen der gepflegten Handlung abseits des Kriminalfalls als auch jene denen es mehr Vergnügen bereitet zu erraten, wer es denn nun getan hat. Ein fiebriges Highlight früh im Jahr.
Kleine Grausamkeiten von Liz Nugent ist als Softcover zuletzt im September 2025 bei Steidl Pocket erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.
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