Den Namen der Protagonistin musste ich nachschauen für diese Besprechung. Kurz nach Beendigung der Lektüre schon wieder vergessen. Das spricht nicht für Sadie Smith wie sie sich nennt. Sadie ist, nachdem sie aus einer staatlichen Institution wegen Fehlverhaltens entfernt wurde, nun im Privatauftrag unterwegs. Wer sie engagiert hat wird nicht offengelegt, doch sicherlich ein großer Konzern, der mit Umweltschutz und Menschenrechten Probleme hat. So verwundert es nicht, dass sich Sadie als übles Miststück ohne jegliche moralische Bedenken enpuppt. Eine gutaussehende Frau, mit großen „verbesserten“ Brüsten, die sie gerne erwähnt und einsetzt. Sie ist Typ klassische amerikanische Beauty in ihren frühen Dreissigern, deren Auftrag es ist sich, in der französischen Provinz in eine umweltaktivistische Kommune, deren Ziel es ist eine bessere Welt für alle zu schaffen, einzuschleichen und deren Mitglieder zu strafbaren Aktionen zu verführen. Kill & Destroy, so der Plan.
Dieser Teil des Buches hat mich nach einiger Zeit meist nur genervt. Unsympathin, die alle anderen clever und pointiert beurteilt und relativ professionell ihre Ziele vorantreibt. Dazu die KommunardInnen und ihr Beziehungsgeflecht, wenig verwunderlich patriarchal chauvinistisch geprägt. Kleine Machtkämpfe, Heuchelei, allzu menschlich eben. Sadies Blick auf ihre zu infiltrierenden Zielpersonen ist ohne jegliche Wärme, Mitgefühl oder Freundlichkeit. Das liest sich manchmal witzig, stumpft aber mit zunehmneder Seitenzahl immer mehr ab.
Ganz anders die Geschichte von Bruno und seinen Theorien und Forschungen zu den Neandertalern. Spannend, interessant und leider zu wenig Raum einnehmend sind diese. Auch Sadie scheint von dem verschollenen Gründer der Kommune angetan. Sie liest sich durch sein Ouevre. Während Sadies Erzählung mehr und mehr zu einem öden misantrophischen Monolog verkümmert faszinieren die Betrachtungen des Troglodyts Bruno, mögen sie auch noch so wirr daherkommen. Man kann sich seiner Liebe zu den Neandertalern und den Vorstellungen welche Zumutungen der Erde und ihren Bewohnern erpart geblieben wäre, hätten sie sich durchgesetzt, nicht entziehen. Die Cagots die er als Nachfahren der Neandertaler betrachtet (was sie vermutlich nicht sind) und ihre Geschichte davon habe ich das erste Mal gehört und das scheint ein gerne verschwiegenes dunkles Kapitel in der französischen Geschichte zu sein dessen sich die Autorin hier bedient.
Sprachlich ist es ein Vergnügen Rachel Kushners See der Schöpfung zu lesen. Sie beherrscht ihr Handwerk. Ihre Sätze prägnant, auf den Punkt, die Weltverbessererbeschreibungen sind amüsant, doch ihr Menschenbild ist düster. So tritt der Ermüdungseffekt schnell ein. Negativität als Hauptplot trägt keinen Roman. Dass die Menschheit an sich immer wieder scheitert, so traurig und ärgerlich es auch ist, sollte dem Individuum dennoch nicht die Freude an der Schönheit und den Ausblick auf dieselbe vergällen. Kushner hat das bei mir recht schnell erreicht. So war es zäh bis zum Ende zu gelangen.
See der Schöpfung von Rachel Kushner ist im April 2025 als Hardcover bei Rowohlt erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.
