Familiengeheimnisse

Als die 13 Jahre alte Barbara van Laar ihrer Mutter gegenüber den Wunsch äußert, am Sommercamp für Kinder und Jugendliche teilnehmen zu dürfen, das alljährlich auf dem Familiengelände ausgerichtet wird, ist Alice van Laar zunächst überrascht. Da sich der Umgang mit Barbara jedoch in letzter Zeit immer schwieriger gestaltet hatte, ist sie nach kurzem Nachdenken aber auch dankbar. Alice hatte zwar ihren Mann Peter gebeten, alles zu arrangieren, doch Peter fühlt sich hier nicht verantwortlich. So übernimmt es Alice, mit der Leiterin des Camps, TJ Hewitt zu sprechen. TJ ist von Barbaras Wunsch nicht begeistert. Wurde doch bisher das Sommercamp immer streng von den Aktivitäten der Familie van Laar getrennt. Doch wie das so ist: Wer zahlt schafft an und Barbaras Wunsch geht in Erfüllung.

Liz Moores Thriller mit dem Titel „Der Gott des Waldes“ ist, wie schonLong bright river mehr als reine Spannungsliteratur. Ohne Gesellschaftskritik geht bei Moore nichts und das ist gut so. War „Long bright river“ eine Abrechnung mit der verfehlten amerikanischen Politik, stark abhängig machende Schmerzmittel zuzulassen, die in eine hausgemachte Opioidkrise mündete, mit der die USA noch lange beschäftigt sein werden, so wirft sie in ihrem aktuellen Roman wiederum ihren scharfen analytischen Blick auf die von Klassismus, Rassismus und antifeministischem Gedankengut geprägte amerikanische Gesellschaft der 1950er bis 1970er Jahre. Seither hat sich leider wenig verändert, wird man bei der durchaus spannenden Lektüre feststellen.

Die van Laars sind reich. Alice van Laar hat ihren Mann Peter im zarten Alter von 18 Jahren kennen gelernt und ist nun schon 23 Jahre mit ihm verheiratet. Sie hat gelernt, sich anzupassen, zu erfühlen, wie seine Stimmungen sind und entsprechend zu handeln. Vierzehn Jahre ist es her, dass Barbaras Bruder Bear in den Wäldern verschwunden ist. Keine Spur von ihm war mehr zu finden. Alice hat diesen Verlust niemals verwunden und der Rest der van Laars geht schweigend über diesen harten Schicksalsweg hinweg. Die Familienstruktur der van Laars ist geprägt von einem patriarchalischem Bild und Barbara entspricht diesem immer weniger. Sie kleidet sich für eine van Laar unangemessen, färbt sich ihre Haare schwarz und schminkt sich auffällig. Keine Frage, dass Alice, die ihre eigene Gefühlswelt kaum im Griff hat, weil sie sich immer und überall zurücknehmen muss, mit der sich immer stärker zeigenden Präsenz ihrer Tochter unwohl fühlt und diese nicht händeln kann. Nicht zu vergessen: wir schreiben das Jahr 1975! Als Barbara dann kurz vor dem Ende des Sommercamps ebenfalls spurlos verschwindet, wird auch der Fall des Verschwindens von Bear wieder neu aufgerollt.

Wie das so ist, wenn man in einer Gegend wie den Adirondacks unterwegs ist, so stößt man in Moores Roman bald auf unterschiedliche Fährten, die jeweils zu verfolgen spannend ist. Spannend, weil sie an diesen unterschiedlichen Fährten ihre Gesellschaftskritik anbringt. Da geht es um das Spannungsfeld der reichen van Laars und anderer Familien, die ihre Kinder im Sommercamp unterbringen und den Betreuer*innen im Sommercamp, die häufig aus alteingesessenen, aber materiell nicht so begüterten Familien stammen. Solidarität kann man von den Reichen kaum erwarten, die es nicht für nötig hielten, sich bei den Ortsansässigen für deren Unterstützung bei der tagelang durchgeführten Suche nach Bear zu bedanken. Tatsächlich greift man dankend eine absurde Spur auf, die zu einer weiteren Familientragödie führt. Klassismus at its best, was Moore hier aufzeigt.

Die misogynen Tendenzen, die bis heute nachhaltig in der amerikanischen Gesellschaft (natürlich nicht nur dort, aber insbesondere derzeit dort) zu sehen sind, knüpft Moore an eine Reihe verschiedener Frauenfiguren. Alice als Vertreterin der duldenden abhängigen Ehefrauen, die sich allem beugen, stehen eine junge Polizistin, die schlussendlich wichtige Informationen zu Tage fördert, die Leiterin des Sommercamps und sogar Barbara mit ihrer aufbegehrenden Teenagerattitüde entgegen. Wer sich nicht in die traditionelle Welt reicher Männer einfügen will, muss als Frau doppelt so viel tun, um den eigenen Weg gehen zu können.

Liest man „Der Gott des Waldes“ als reinen Spannungsroman, entgeht einem extrem viel. Vielleicht braucht es auch ein bisschen an Lebenserfahrung, um das, was hier zwischen den Zeilen steht, auch zu erkennen. Ein literarischer Pageturner der Extraklasse, der auch als Hörbuch absolut empfehlenswert ist. Luise Helm liest Moores vielschichtigen Roman pointiert und spannungsgeladen mit Bravour und ohne die Zwischentöne zu vermeiden, die manchmal eine unangenehme Stimmung direkt spürbar machen. Sie vermag es meisterhaft, die Atmosphäre des Textes in ihre Lesung zu übertragen. Was es mit dem für mich erst gewöhnungsbedürftig empfundenen Cover auf sich hat, wird aufmerksamen Leser*innen und Hörer*innen sicher nicht entgehen. Ob selbst gelesen oder vorgelesen (ich durfte beides genießen)  – dieser Wälzer ist jetzt schon eines meines Romanhighlights 2025.

Der Gott des Waldes von Liz Moore ist als Hardcover im Februar 2025 bei C.H. Beck in der Übersetzung von Cornelius Hartz erschienen. Das Hörbuch liegt von Louise Helm gelesen bei Der Audio Verlag exklusiv als Download vor. Zu mehr Information jeweils auf den Verlagsseiten. Für das Buch auch über Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover.

5 Gedanken zu “Familiengeheimnisse

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  2. Ach, das ist, glaube ich, auch eines solcher Bücher, bei denen ich die Vorfreude noch etwas auskosten und die Lektüre hinauszögern möchte. Viele Grüße nach Berlin

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