Eine moderne Odyssee

Odysseus wurde nach den trojanischen Kriegen zwanzig Jahre auf Irrfahrten durch das Mittelmeer getrieben, bevor er die heimische Küste wieder sah. Auf diesem Weg hat er so manches Erlebnis gehabt, dem nicht Sagen-Kundigen ist zu mindestens die Begegnung mit den Sirenen im Kopf, als Odysseus an den Schiffsmast gebunden wurde, seine Schiffsgefährten Wachs in den Ohren hatten.

1965 verwandelte der Watts Aufstand in Los Angeles Teile der Stadt in eine bürgerkriegsähnliche Umgebung. A.G.Lombardo schickt in seinem Buch Graffiti Palast, den Urbanologen Monk (wie er sich selbst bezeichnet) auf den Weg durch die brennende Stadt heim nach Süden, wo dessen schwangeres Mädchen wartet. Das, von Freiern umringt, wie in der Sage Penelope, sich der Avancen der Betrunkenen erwehrt.

Sein Weg durch die verschiedenen Viertel der Stadt, die jeweils von verschiedenen Banden beherrscht wird, erinnert mich stark an den Kultfilm ‚The Warriors‚. Auch hier kämpft sich eine Gang durch New York bis Coney Island und wird unberechtigterweise von anderen Banden gejagt.

Monks wichtigstes Utensil ist ein zerfleddertes Notizbuch, in dem er Graffitis und Zeichen der Stadt abgemalt hat. Wichtig sind auch die Bandenzeichen, Fingerbewegungen, anhand derer sich die Bandenmitglieder erkennen. Ansonsten wäre er ein Feind und könnte die Viertel nicht durchqueren. Seine Erlebnisse führen ihn in die Unterwelt, in magische, drogenverräucherte Zimmer, zu verrückten Bandenbossen die ihr eigenes Königreich aufziehen. Ja, auch Banden, die sich nur in Autos fortbewegen, gibt es. Dazwischen tobt ein Krieg zwischen der Polizei, der hinzugezogenen Nationalgarde und den Aufrührern.

Geschäfte werden geplündert, es gibt Tote, da wahllos geschossen wird. Monk ist mittendrin.

„Stumm stapften sie ein paar Minuten vor sich hin, und Monk versucht zu denken. Was passiert hier nur mit ihm? Was sollte dieser Irrsinn mit Elijah Muhammad? Dann die riskante Begegnung mit den Sombras … die sich immerhin durch eine Fahrt ein Stück weiter südwärts bezahlt gemacht hat. und jetzt, wieder eine Mitfahrgelegenheit, dieser Bär von einem Mann, der der Pest des Nachthimmels die Stirn bietet, während die Stadt in Flammen steht. Karmann sagt immer, er sei ein Glückspilz. Möglich, aber manchmal glaubt er, es ist mehr als Glück – schwer zu erklären, eher ein Gefühl, irgendwas ganz außen am Rand, grade so, dass er es nicht erreichen kann: eine Art Gnade oder Licht, die ihn meistens irgendwie auf Spur hält.“

Er will nach Süden, doch sobald er ein paar Straßen in die Richtung seiner Heimat kommt, verschlägt es ihn wieder weg. Sein Kurs ist ein Zickzack, nach einiger Zeit lässt er sich treiben, verliert sein Notizbuch, besorgt es sich unter Lebensgefahr wieder. Lombardos Stil ist blumenreich, sehr lyrisch und mit mystischen Wörtern gespickt. Der Leser fühlt sich, als würde er fließen durch eine Stadt der Wunder, eine Stadt, in der Monk die Schattenseiten, die Unterwelt kennenlernt, eine Stadt von Sagenfiguren bewohnt.

„Das vergoldete Liebestor verschwindet hinter ihm wie das Portal zu einem Drogenrausch, der den Pilger auf der Heimreise verlockt. Der Beton unter Monks Schuhen ist nichts als Patina: Darunter liegen Schichten aus Asphalt und Teer und Sand, aus Lehm und Stein. Dort liegt die erste Gasse des alten Chinatown begraben, die Straße, die vor langer Zeit Calle de Los Negros hieß, die Straße derer von dunkler Farbe. Dieser Weg führt wieder in die Stadt, die brennende, in der die Nachkommen der Dunklen sich erheben gegen den geschmolzenen Amboss des Sommers.“

Das Buch ist auch eine Art Liebeserklärung an Los Angeles, ja an jede Großstadt. Die Stadt hat ihre eigenen Rituale, Zeichen, die erkannt und entziffert werden wollen. Monks Notizbuch ist ein Führer durch diesen Dschungel, der sich auftut. Nicht immer ist der geradeste Weg der kürzeste.

„In diesem Notizbuch, bei seinen Streifzügen, bei jedem Symbol, das er abzeichnete, und jeder Notiz, die er machte, hatte er stets das Gefühl, die Stadt sei lebendig und die getaggten Mauern, die Wandbilder, die vollgesprühten Gassen seien ihre Art der Kommunikation. Wie sonst sollten all der Stein, der Mörtel und der Stahl all die Maler, Künstler und Straßengelehrten anziehen? Es muss da eine unsichtbare Kraft geben, eine gegenseitige Anziehung zwischen Leblosem und Belebtem.“

Die Stadt spricht selbst in Graffiti Palast. Sie spricht mit mir als Leser, ich lasse mich immer mehr in diese unbekannte Zauberwelt entführen, die neben der realen existiert. Lombardo hat in seinem Debüt eine faszinierende Mischung zwischen Lyrik und der knallharten Beschreibung der fast schon an Bürgerkrieg grenzenden Szenen entworfen. Auch der Konflikt zwischen Schwarz und Weiß in den 60er-Jahren wird thematisiert, doch sind es die lyrischen Passagen, die dieses Buch so besonders machen. Eine Art Buch, die ich so noch nicht zu lesen bekam und die sich der interessierte Leser nicht entgehen lassen sollte!

Graffiti Palast von A.G.Lombardo ist 2019 im Verlag Antje Kunstmann als gebundene Ausgabe erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

Ein Gedanke zu “Eine moderne Odyssee

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