Der Ferdinand, der Ferdinand

Bei dem Namen Ferdinand fällt mir spontan der Jungbulle aus Walt Disneys preisgekröntem Kurzfilm ‚Ferdinand the Bull‚ von 1938 ein. Ein die Blumen mögender Stier, wird von einer Biene gestochen und verwandelt sich in einen feurigen Dämon. In die Arena geschleppt, verschmäht er allerdings alle Toreros und deren Versuch sich gegen sie und das rote Tuch zur Wehr zu setzen. Stoisch wie in der Arena, ist auch Ferdinand Krutzler, der Hauptprotagonist des österreichischen-Schmäh-Nachkriegsepos ‚Schwere Knochen‘.

„Mit seinen zwei Metern, seinem steifen Oberkörper, seinem riesigen Kopf und seiner schwarzen Hornbrille sah er aus wie ein zu groß geratenes Insekt. Schönheit war er keine.“

Doch trotz seiner Auffälligkeiten gelingt Ferdinand, was nicht vielen in diesen Jahren gelingt: Er überlebt den Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland, einen KZ Aufenthalt und die wirren Jahre als Gangsterchef der Erdberger Spedition, die das viergeteilte Wien im Untergrund beherrschten.

Ihren Namen bekommen die vier Kleinkriminellen wegen des blitzschnellen Ausräumens von Wohnungen. Die vier sind: Der schon beschriebene Krutzler, Praschak, der bullige Fleischersohn, Wessley der Bleiche genannt und Sikora, der in der französischen Besatzungszone der Herzensbrecher gerufen wird. Nachdem sie allerdings die Wohnung eines Nazi-Bonzen ausgeräumt haben, landen sie im KZ. Dort schlägt sich jeder auf seine Weise durch. Selten habe ich so eine nüchterne, aber doch recht grausame Schilderung der Verhältnisse im KZ gelesen. Der Tod lauert überall und ist alltäglich, doch die vier schaffen es zu überleben und sich nach dem Krieg in Wien zu treffen. Dort nutzen sie ihre alten Kontakte und bauen schnell ein Schmuggler- und Bordellkartell auf. Krutzler bekommt schnell seinen Spitznamen weg.

„Das Schlimmste am Krieg war der Staub, den man jahrelang nicht loswurde. Der Staub war das Ende jeglicher Zivilisation[…] Die Sonnenstrahlen zogen regenbogenartige Streifen durch den aufgewühlten Staub. Er stand da, als wollte er es hinausbrüllen. Seht her wer ich geworden bin! Der Notwehr-Krutzler. Aber er schwieg. So wie er immer schwieg, wenn es ums Geschäft ging.“

Das Geschäft läuft gut mit den entsprechenden Kontakten. Die hat die Erdberger Spedition und weiß sie geschickt auszunutzen. Die Polizei schaut weg und ist gegen Entgelt hilfreich bei dem Wideraufbau Österreichs, der hauptsächlich in den halbseidenen Regionen stattfindet. Überhaupt, Österreich und die Nazi-Vergangenheit. Ein Land das einfach die Naziembleme aus der Fahne heraus trennte „und fertig war Österreich“ 

Jeder der vier eigenwilligen Kumpane der Erdberger Spedition wird eine noch eigenwilligere Frau zur Seite gestellt. Beziehungen, die so skurril wie ihre Personen sind. Die Musch, die Krutzler zum Abschied eine getragene Unterhose mit in das KZ gibt, die Lassnig oder die Ringerin.

„Die Ringerin hatte damit angegeben, mit reiner Muskelkraft so gut wie jeden Gegenstand aus ihrer Vagina kapitulieren zu können. Wie eine Kanone hatte sie Feuerzeuge, Salatgurken oder Bierflaschen durch das Zimmer geschossen. Wie ein Kind hatte der Praschak applaudiert.“

Gegen Ende überholt die Zeit die nicht-mit-der-Zeit-gehenden und das Kollektiv zerfällt mit einer letzten Aktion des Krutzlers, mit der sinnigerweise auch das Buch beginnt.

David Schalko hat eine Gaunergroteske geschaffen, in der er durch seine lakonische kurze Sprache das Brutale des Geschehens irgendwie in seinen schwarzen Humor verpackt. Erinnert hat es mich ein wenig an den Film: „Das Leben ist schön“, das Schreckliche wird in Humor verpackt. Im Buch überwiegt aber nicht die Tragik, sondern die Nüchternheit des Geschehens. Ein sehr, sehr anderes Buch hat Schalko hier vorgelegt. Ein Buch mit einigen Längen, aber einer doch sehr lesenswerten Geschichte. Gewürzt, mit pechschwarzem österreichischen Schmäh.

 

 

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 12. April 2018
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN:  978-3-462-05096-7
  • Gebunden: 576 Seiten

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