Das Ende der Monogamie?

wiewirliebenBeim ersten Blick auf dieses Buch, kommt es einem doch sehr provokativ vor. Drei Gesichter von der Seite, in einer intimen Situation, einem dreifachen Kuss (Trisou) prangen auf dem Cover, die Farben in kontrastreichem Blau und Rot gehalten. Darunter der Text: Wie wir lieben und noch plakativer: Vom Ende der Monogamie. (Dabei erinnert mich dieses Cover an eines der interessantesten Platten der 90er Jahre: Blood Sugar Sex Magik von den Red Hot Chili Peppers)

Was will uns der Autor hier vermitteln? Uns erzählen wie wir lieben (sollen) und uns zu freier Liebe bekehren? Ist dies gar ein Sektenbuch?

Mitnichten, aber von freier Liebe handelt dieses Buch auch. Friedemann Karig hat ein sehr kluges und waches Buch über die Liebe in der heutigen Zeit geschrieben, und warum wir so lieben wie wir es heute tun. Und über den verantwortungsvollen Umgang mit dem wichtigsten Gefühl, das wir Menschen zu empfinden fähig sind. Ein Gefühl das ganze Reiche (Troja) zum Einsturz bringen kann und das gleichzeitig große Leiden, aber auch große Freuden erzeugen kann.

Liebe

Was bedeutet Liebe?

„Die Menschen, die in diesem Buch von ihrer Liebe erzählen, haben genau das getan. Sie haben ein neues Wort für ihre Liebe gesucht, einen neuen Code, eine neue Chiffre, eine neue Erzählung. Sie haben sich geöffnet. Sie haben sich ihren Ängsten gestellt. Um sich selbst und ihre Träume zu finden. Ihre Erzählungen sind wichtig, weil dieses Buch keine Werbung sein will für ein wie auch immer geartetes Konzept ‚offener‘, freier Liebe. Kein Handbuch, das erklären will, wie etwas funktioniert oder nicht. Lieber erzählt dieses Buch von der Liebe. Denn nirgends und niemals versteht der Mensch so gut wie durch, in, mit Geschichten. Alles was wir wissen, lernen und lehren wir durch Besispiele, Strorys, Vorbilder. Wir sind nichts anderes als Geschichten erzählende Affen. Erzählende, liebende, leidende Affen. Deshalb ist dieses Buch zuallererst eine Sammlung von Liebesgeschichten.“

Es sind wahre Erzählungen. Erzählungen wie sich Personen verlieben, wie sie sich kennenlernen, welches Leid und welche Lust sie erfahren und welche Probleme zu bewerkstelligen sind. Liebe ist das stärkste Gefühl, das der Mensch kennt, es verbindet, es sprengt alte Fesseln, es macht regelrecht blind. Blind vor der restlichen Welt. Und was dann passiert, ist auch ein zentrales Thema in dem Buch. Es geht um Sex. Der zwangsläufig nach der Liebe und der Lust kommt. Die Hingebung zu dem geliebten Menschen ist wie ein starker Magnet.

„Was ist noch Sex, was ist schon mehr? Wie soll man es nennen? Ist das nicht völlig egal, wenn nur der andere zählt? Wenn man kaum zum Essen kommt, weil der Mund nur noch küssen will?“

Doch halt! Was ist daran Besonderes? Über Liebe und Sex in einem Sachbuch zu schreiben? Doch alle diese Geschichten haben eines gemeinsam, es sind immer mehr als zwei Personen in die Geschichten verstrickt. Und es geht nicht um Fremdgehen, sicher geht der Einzelne fremd, wenn er ein sexuelles Verhältnis mit einem anderen Menschen anfängt, doch die Menschen die ihre Geschichten in dem Buch erzählen, lieben ihren Partner noch. Sie gehen aus verschiedenen Gründen fremd, suchen das Abenteuer oder fühlen sich in ihrer Beziehung nicht wohl.

„Fremdgehen ist nichts Besonderes. Irgendwann, kann man meinen, irgendwann betrügen sich doch alle. Weil die Beziehung zu eng ist. Oder nicht eng genug. Irgendein Grund findet sich immer. Weil es 1000 Gründe gibt, fremdzugehen. Und nur einen, treu zu bleiben.“

Hier schlägt Friedemann Karig einen Bogen in die Vergangenheit. Warum wurde die Monogamie als Lebensform für die Menschheit gewählt, da doch der Mensch als einziges Lebewesen Sex, nicht nur als Arterhaltung und Fortpflanzung betrachtet, sondern auch einfach Spaß (sogar großen Spaß) daran hat. Tiere sind zu 95% nicht monogam, eine Beziehung dient hier ausschließlich der Arterhaltung, dann kann auch ein neuer Partner kommen, wenn die Kleinen aus dem Nest sind. Ihr Leben lang bleiben Tiere nicht zusammen, aber warum der Mensch? Zumal eine Untersuchung von Paaren die lange verheiratet sind zeigt, dass mehr als ein Drittel sich als ‚Stabil unglücklich‘ oder ‚unsicher und resigniert‘ bezeichnet. Laut Gottfried Benn ist: „Die Ehe eine Institution zur Lähmung des Geschlechtstriebes.“ Seltene Ausnahmen gibt es hier natürlich auch. Die Ehe als Konzept für Wirtschaftsunternehmen wäre vollkommen untauglich. Warum also monogam sein?

Nach Friedemann Karg begann die Unfreiheit der Sexualität mit der Unfreiheit der Bewegung der Menschen. Nachdem die Menschen in kleinen Familiengruppen auf dem Land saßen und nicht mehr in Horden herumzogen, musste sichergestellt werden, dass diese Gemeinschaften zusammenbleiben. Also wurden Regeln für das Zusammenleben aufgestellt, die auch die Vererbung mit vorsah. Wichtig war, dass alle Kinder die erbten, auch die echten Nachkommen waren. Wer verschenkt schon etwas an einen Fremden?

„Freie Liebe bestellt keinen Acker, baut kein Haus.“ Mann und Frau waren, wegen der ökonomischen Notwendigkeit für alle Zeiten aneinander gebunden. Diese jahrhundertelangen Regeln werden heute, da die ökonomische Notwendigkeit nicht mehr so stark gegeben ist, hinterfragt. Der auch schon früher vorhandene, aber unterdrückte Trieb, bricht neuerdings immer weiter durch. Der Mensch ist das Tier, was am Sex den meisten Spaß hat. Und das kollidiert (meist) mit der Monogamie. Die Ehe ist anscheinend ein Auslaufmodell, oder nur begrenzt haltbar.

Wichtig ist natürlich auch die Kontrolle von oben. Freie Lebensformen sind schlechter zu kontrollieren als eine von oben (Kirche, Staat) regulierte Sexualmoral namens Ehe. Und so wird die natürliche (freie) Sexualität bis heute bekämpft. „Fast immer, fast überall, in fast jeder Gesellschaft.“ Wer erinnert sich nicht an den §175 StGB, der bis 1994 galt, der Paragraph der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. In vielen Ländern wird Homosexualität immer noch mit dem Tode bestraft. Auch ist die gleichgeschlechtliche Ehe erst seit kurzem erlaubt und steht immer noch in vielen westlichen Ländern unter großer Diskussion. Warum sollten Schwule oder Lesben nicht heiraten können? Nur weil sie keine Kinder bekommen können? Weil es Gott verbietet? Wieviele Frauen hatte der jüdische König David? Ist nicht auch hier der Wunsch nach Kontrolle größer, als die Interpretation einer alten Schrift die teilweise durch Mundpropaganda weitergereicht wurde und über 2000 Jahre alt ist?

Warum dann auch den Sex verbieten den Personen untereinander haben, die nicht verheiratet sind. Sex mit mehreren Personen? Warum soll der Mensch lebenslang einer Person treu sein?

„Freier selbstbestimmter, glücklicher Sex ist keine Erniedrigung, sondern eine Erhöhung des Selbst. Die Zeit, die wir mit Sex verbringen, ist deshalb so kostbar, weil dabei etwas sehr, sehr Seltenes passiert. Wir werden eins. Wir übertreten diesen unendlich tiefen Graben zwischen uns. Wir treffen uns in der Mitte. Das Wunder dabei ist: Jeder für sich wird dabei mehr er selbst oder sie selbst. Man transzendiert diese Welt, hinüber in eine andere. Man ist für einige Augenblicke eindimensional, man ist nur noch Lust. Keine Metaebene. Kein Glaube. Keine Angst. Man ist weder Beruf noch Biographie, noch Stärken, noch Schwächen. Noch einmal Dieter Duhm: ‚ Sex, sinnliche Liebe, Lust, Wollust ist ein umfassender organischer Vorgang, der weit über den Begriff einer physiologischen Triebbefriedigung hinausgeht. Man hat wunderbar gefickt, und man strahlt wie eine Pfingstrose, weil man gerade eine Welt im Arm hatte und an der Quelle war.'“

Und das soll man nur mit einer Person haben? Wenn ich Sex habe, aber trotzdem meinen Partner immer noch liebe? Ihn nicht verlasse? Dann würde ich ihm, oder dem Anderen, nichts wegnehmen. Dann wäre doch allen geholfen. Diese Form der Liebe hat auch einen Namen, sie nennt sich Polyamor. Für polyamore Personen wurden seitens der Soziologie neue Begriffe gefunden. Compersion bezichnet die Mitfreude, eine Manifestation der Liebe, bei der sich der Liebende wünscht, dass der Geliebte Glück und Erweiterung durch etwas Schönes in seinem Leben findet. Und dies nicht nur mit der eigenen Person, nein auch mit Anderen. Dieser Begriff stellt den Gegensatz zur Eifersucht dar. Eine Art der Liebe, die mit viel Arbeit verbunden ist. „Man formt seine Beziehung in jeder Sekunde.“

Doch Probleme bei dieser Art der Liebe tauchen immer wieder auf. Wie gehe ich mit den aufkommenden Gefühlen der Eifersucht um?
Verliebt der andere sich nicht, weil er dem Anderen so nahe kommt?

„Vielleicht ist die offene Beziehung der Kommunismus der Liebe. Eine große Idee. Eine Utopie. Die nicht funktioniert. Weil der Mensch nicht gut ist. Weil er besitzen will, nicht teilen. Weil er, besonders in der Liebe, ein Kapitalist ist. Weil der eine immer mehr will, der andere ihn aber nicht hergibt.“

Um noch einmal auf den Anfang zurück zu kommen: Das ist kein Fanal für die freie Liebe. Es heißt nicht, dass wir alle die freie Liebe praktizieren sollen. Denn auch die Monogamie hat positive Eigenschaften, sie ist der Kleber der Gesellschaft:

„Es ist unsere Natur, uns fest zu binden, Sicherheit zu suchen, füreinander da zu sein. Das ist einer der schönsten Dinge am Mensch sein. Treue ist also wichtig. Sie eröffnet uns den Weg zu einer Tiefe an Beziehung, die wir sonst wohl nicht erreichen.“

Friedemann Karig beschreitet in seinem Buch einen schmalen Grat, einerseits beschreibt er ganz richtig die Missstände in den Beziehungen der menschlichen Zivilisation, andererseits sieht er auch die Notwendigkeit der Ehe und der festen Beziehung. Wichtig ist für ihn die vorurteilsfreie Diskussion von Sex und Monogamie, der Spaß am Sex ist das was uns über das Tier erhebt. Und das darf nicht institutionalisiert werden.

„Sex ist wichtig. Einer freien Gesellschaft sollte daran gelegen sein, dass ihr ’sexuelles Nervensystem‘ nicht im Dunkeln liegt, nicht abgeklemmt ist an so vielen Enden. ‚Solange die sexuellen Kräfte abgedrängt bleiben in die privaten Phantasiebereiche, solange besteht die Gefahr von Dammeinbrüchen‘, schreibt Dieter Duhm.“

Die sexuelle Revolution hat uns freier gemacht. Sie hat uns aber auch vor viele Aufgaben gestellt. Neue Gefühle, neue Ängste und neue Situationen müssen dabei immer wieder gelöst und durchstanden werden. Neue Verbindungen erfordern mehr Überlegungen, Auseinandersetzungen, Diskussionen. Es ist keine leichte Aufgabe für die ‚freien Radikalen‘. Veränderungen an gesellschaftlichen Normen schaffen auch Widerstände. Die Welt ist freier aber auch komplizierter geworden, spannend bleibt es zum Glück immer! Freien Sex gibt es, über die gesamte Menschheitsgeschichte betrachtet, aber erst seit kurzer Zeit. Auf den Tag betrachtet, erst seit den letzten fünf Minuten. Und nach diesem langen dunklen Tag müssen wir mit diesem Geschenk und diesem Fluch erst einmal umzugehen lernen.

Das Buch ist keine Aufforderung zu freier Liebe, es ist eine Aufforderung über alternative Lebensweisen nachzudenken und sich bewusst zu werden, was ich will und wie ich glücklich werde. Ohne anderen weh zu tun. Ich habe das Buch als Anregung gelesen, über alte Zöpfe nachzudenken (nicht abzuschneiden) und bewusster an Sex und Liebe heranzugehen. Man muss sich nicht alles auf die Fahnen schreiben oder sich gar persönlich angegriffen fühlen von dem, was Friedemann Karig schreibt. Nachdenkenswert ist es auf jeden Fall. Der Autor erzählt hier vielerorts nichts Neues, pickt aber die Beziehungsprobleme unserer Zeit auf und verknüpft diese geschickt mit dem aktuellen Zeitgeist, wie zum Beispiel Internet und allgemeiner Verfügbarkeit von Sex und Liebe. Was das Buch so besonders macht, sind die Geschichten, die erzählt werden.

Ein Buch, das noch viele Diskussionen nach sich ziehen wird.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 17. Februar 2017
  • Verlag : Blumenbar
  • ISBN:  978-3-351-05038-2
  • Gebunden: 304 Seiten

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