Instustrieware Tier

Tanja Busse weiß, wovon sie spricht: Als Kind auf einem Bauernhof groß geworden, der noch keine Intensivtierhaltung betrieb, befasst sie sich nun vor allem mit den Themen Ernährung, Ökonomie, Ökologie, Nachhaltigkeit und Umwelt. Nun hat sie ein Buch vorgelegt, das jeder, der der Meinung ist, unsere Landwirtschaft solle bleiben wie sie ist, lesen sollte. Denn sie hat lange und hartnäckig unbequeme Fragen gestellt, auf die sie häufig keine zufriedenstellenden Antworten bekam.

Für Tanja Busse stellt sich die Frage nicht, ob man Tiere nutzen darf – zumindest nicht in ihrem Buch Die Wegwerfkuh. Tierschutzrechtlern, Veganern und Vegetariern auf dem Weg zum Veganismus gehen ihre Reformvorschläge – wie mir persönlich übrigens auch – sicherlich nicht weit genug. Dennoch ist das Buch ein wichtiges, bringt es doch so einiges gut recherchiert ans Licht, was eingefleischten Verfechtern der Tiernutzung zumindest den Wind aus den Segeln nehmen wird, was die Berechtigung der sogenannten Agrolandwirtschaft angeht.

Tanja Busse sucht Wege für die Landwirtschaft. Das ist weder verwerflich, noch sollte man es ihr vorwerfen. Es wird wohl immer Menschen geben, die in Kühen, Schweinen oder Hühnern vor allem Nutztiere sehen und auch Fleisch essen. Die Frage, ob man das darf, stellen sie sich wahrscheinlich gar nicht. Denn nicht nur die Art der Aufzucht und Haltung sind entscheidend – und da steht es im Bereich der Milchwirtschaft, wie Tanja Busse durchaus unterstreicht, nicht zum besten. Der alles bestimmende Begriff – paralell zur Arbeitswelt – ist Effizienz. Doch was hier als Effizienz bezeichnet wird, entlarvt Busse als unökonomisch, nicht zielführend, weil auf stetiges Wachstum ausgerichtet und den beteiligten Menschen und Tieren nicht eben gesundheitlich zuträglich.

Hohe Kälbersterblichkeit, ausgemergelte Kühe, krank machendes nicht artgerechtes Futter, nicht artgerechte Haltung, weite Transportwege, Trennung von Muttertieren von ihren Kälbern, Spitzenmilchleistungen und trotzdem kurze Lebenszyklen. Jemand, der sich schon eine Weile mit dem Thema Intensivtierhaltung befasst hat, zuckt hier sicherlich mit den Schultern, denn ihm ist das alles bekannt.

Als Einstiegsbuch in das Thema allerdings ist Die Wegwerfkuh sicherlich gut geeignet, verzichtet sie doch weitgehend auf allzu abschreckendes Material. Und trotz der sachlichen Sprache blitzt immer wieder die Leidenschaft auf, mit der sich Tanja Busse dem Thema verschrieben hat.

Vielleicht geht die Diskussion, die die Autorin sehr professionell auf ihrer Homepage weiterlaufen lässt, ja auch demnächst in eine neue Runde und es wird klar, dass wir die Milch der Kühe nicht wirklich brauchen und sie ihnen und ihren Kälbern doch lieber lassen sollten.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 30. März 2015
  • Verlag : Karl Blessing
  • ISBN: 978-3-89667-538-5
  • Klappenbroschur, 288 Seiten

 

 

 

16 Gedanken zu “Instustrieware Tier

  1. Ist ja toll, dass mal jemand das Verb „instrumentalisieren“ wirklich im Sinne von „verdinglichen“ und nicht nur allgemein von „benutzen“ verwendet. – Stimmt. Ich hatte auch erwartet, dass es mehr Menschen den Appetit verderben würde, wenn Filme über Massentierhaltung und die Praktiken auf Schlachthöfen im Fernsehen gezeigt werden. Schon erschütternd, wie weit wir es in der Meisterschaft des Verdrängens gebracht haben.

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  2. Tiere gehören ja auch in die Nahrungskette. Der Mensch freilich auch – nur hat er gelernt, die Gefahren zu meiden bzw. ihnen etwas entgegenzusetzen. So unfair es ist: Ich würde mich auch ungern fressen lassen – oder ich müsste lange überlegen, von wem am wenigsten ungern. 😀

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  3. Da hast Du Recht – in allem 😉 Man muss die Menschen wohl abholen, wo sie sind – und für das erste Abholen, um sich überhaupt mit dem Thema zu befassen, scheint die Wegwerfkuh sehr geeignet zu sein. Vor allem auch, weil Tanja Busse keine absolute Gegnerin der „Tiernutzung“ ist …

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  4. Glücklicherweise bewegen Bücher (und Filme) einiges zum Guten und vertreiben nicht nur die Zeit. Das veränderte Ernährungsbewusstsein ist ganz zweifellos in erster Linie Verdienst vieler Autoren und nicht nur den Sternköchen zu danken, wie diese gerne glauben machen – zumal da noch immer einiges aufgetischt wird, das ich als geradezu als pervers bezeichnen möchte.

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  5. Ja, Tiere nutzen, für mich fallen da auch Haustiere drunter, da wir psychischen Nutzen daraus ziehen, darf keine Einbahnstraße sein. Sie müssen auch von uns profitieren können.

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  6. Mir geht es ebenso wie Dir – bei mir ist es auch der Käse, den ich einfach sehr mag … und klar, zurück in die Steinzeit, nee, nicht wirklich – obwohl ja angeblich die Paleo-Ernährung so gut für uns ist. Ich denke schon, dass es so ist, dass sich der Mensch angepasst hat und quasi eine Verträglichkeit der Milch entwickelt hat – eben nicht andersrum, eine Unverträglichkeit – aber durch die nicht artgerechte Fütterung der Tiere mit Soja und und und … kommt es zwangläufig dann auch beim Menschen zu erhöhten Unverträglichkeiten. Das System der immer weiter gehenden Effizienz ist einfach ein Trugschluss. Arbeitsteilung ist sicherlich positiv zu sehen, aber eben auch negativ, da es dadurch auch zu großem Wissens- und Fähigkeitsverlust führt. Man kann nur mit Fontane sagen: Ein weites Feld, … Luise 😉 Aber ich denke, das Buch könnte es schaffen, Menschen, die dieses Thema immer gänzlich abtun, den Horizont zu erweitern … ein Anfang immerhin.

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  7. Der Umstand, dass es ganze Völker mit einer genetisch bedingten Laktose-Unverträglichkeit gibt, belegt wohl, dass Du recht hast: Milch ist für die Kälber. Aus wahrscheinlich schwer nachvollziehbaren Gründen, haben sich dann bei Teilen der Weltbevölkerung Verdauungsenzyme (???) entwickelt, die den Verzehr von Milch ermöglichten. Das wird Gründe gehabt haben. Ich esse z.B. kaum Fleisch, trinke auch keine Milch, würde aber auf Käse sehr ungern verzichten. – Ein Wirtschaftssystem, bei dem jeder sich selbst versorgt, wäre angesichts der Weltbevölkerungszahl nicht mehr praktikabel. Wir können nicht anders, als in einer arbeitsteiligen Gesellschaft leben. Doch wenn man es genau nimmt, begann mit der Arbeitsteilung die Ausbeutung der Natur und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Zurück in die Steinzeit möchten wir trotzdem nicht.

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  8. Ich denke, dass das Problem bei der Milch schon in der Milch liegt – sie ist für die Kälber gedacht, nicht für uns. Und über Fleisch essen oder nicht – da könnten wir uns jetzt streiten. Wenn sich jeder selbst versorgen würde, wie das in grauen Vorzeiten einmal war, dann würde ich dem Fleischkonsum zustimmen … aber so, wie das heute läuft, nicht unbedingt. Das Problem ist nicht, dass wir insgesamt zu viele sind, sondern dass wir teilweise Lebensmittel anbauen, wo es keinen Sinn macht, diese anzubauen. Wir überdüngen die Bäden und lassen sie nicht mehr ruhen – wir produzieren für die TONNE! Und alles muss immer billig produziert werden – da gebe ich Dir recht. Ein weies Feld. Ein Buch, das mich sehr beeindruckt hat, ist Food Crash – sehr lesenswert.

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  9. Sie versucht tatsächlich, zu sagen: ja, wir können Milch „produzieren“ und es den Kühen gut dabei gehen lassen. Das fängt schon mit der Zucht an, die heutzutage komplett schief geht. Aber das System ist ein falsches und man muss daran schrauben. Ich habe von einem Bauern gelesen, dessen Kühe wegen des Futters Stoffwechselkrankheiten entwickelten und sich selbst mehr oder weniger aufzehrten … der hat nicht lange gewartet und stellt jetzt auf Bio um … naja, auch da wird auf Menge produziert. Wir produzieren für die Tonne … alles sehr komplex.

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  10. Um das zu stoppen, müsste man die Raffgier ausrotten wie eine Seuche (die sie tatsächlich ist). Da sind die vielen, die alles so billig wie möglich haben wollen, und die auch nicht gerade wenigen, die den Hals nie voll genug bekommen, und dazwischen wird das große Geschäft gemacht.

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  11. Im Spiegel letzter Woche ist ein Adressat genannt. Der Chef des Landwirtschaftsdingens\ Bauernverbandes.Aalglatter Funktionär, der sich windet, dreht und ausweicht und damit völlig klarstellt, dass es niemals im Interesse der Profiteure liegen kann die Situation der Tierhaltung und die Nahrungsmittel zu verbessern. Solange Profit drin ist lassen „sie“ die Konsumenten Sch… fressen.

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  12. Dem Untertitel zu entnehmen: Es gibt wieder einmal keine Adresse, an welche die Klage zugestellt werden könnte. Denn wer ist denn „die Landwirtschaft“? Wikipedia sagt: „Als Landwirtschaft wird der Wirtschaftsbereich der Urproduktion bezeichnet. Das Ziel der Urproduktion ist die zielgerichtete Herstellung pflanzlicher oder tierischer Erzeugnisse auf einer zu diesem Zweck bewirtschafteten Fläche. In der Wissenschaft sowie der fachlichen Praxis ist synonym der Begriff Agrarwirtschaft gebräuchlich.“

    Das Problem ist nicht, dass wir Fleisch essen, und dass wir Milch trinken. Das Problem ist, dass wir zu viele sind.

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