Werner Fläming besah sich sein Werk eingehend. Er tauchte ein und war wieder der kleine Junge mit den großen Augen; etwas das sich 53 Jahre später nurmehr in eben diesen Momenten zeigte, sobald er sich in einem seiner zahlreichen Werke verlor.
Und er war’s zufrieden, meinte er doch, dass die Kleinen ganz sicher auf ihre Kosten kommen würden, die immerhin ein ganzes Bonbon betrugen.
Halloween konnte kommen. Werner Fläming war bereit.
Genau vor ihm und von der Wohnungstür gut einsehbar erstreckte sich eine gruselige Miniaturlandschaft, die es in sich hatte.
Sie war aus zahllosen Legosteinen errichtet und zog den Blick magisch an.
Eine imposante Geistervilla nebst einem schäbigen Friedhof aus einer Produktionsserie, die bereits 2 Jahrzehnte zurücklag. Dahinter erhoben sich dunkle Bäume; Saum eines namenlosen Waldes, der Hexen und Schlimmeres beherbergen mochte.
All das stand etwas abseits vom Beginn einer Gebäudezeile, deren einzelne Bauwerke in verschiedenen Stilrichtungen der vorletzten Jahrhundertwende und davor errichtet waren.
Darüber hinaus war diese Zeile auf die angenehmste Art erleuchtet. Geradezu einladend.
Im Gegensatz dazu standen die ungesund wirkenden Grün-, Rot- und Blautöne des Gruselareals, das von einer Landstraße begrenzt wurde.
Zusätzlich zu den Lichtstimmungen entstieg auch noch eine ganze Zombiehorde zusammen mit umher wandelnden Skeletten den Gräbern des verlassenen Friedhofs und hielt direkt auf die belebte Häuserzeile zu.
Doch die Polizei war unterrichtet und vor Ort.
Zwei Streifenwagen standen mit unablässig blinkenden Blaulichtern quer auf der Zugangsstraße zur Häuserzeile. Dazu zwei Mannschaftswagen, denen schwer bewaffnete Polizeikräfte entstiegen.
Allerlei reguläre Streifenpolizisten und Anwohner waren bereits auf den Beinen und suchten stellenweise ihr Heil in der Flucht.
Selbst die Feuerwehr war zugegen.
Allein Opa Bölcke war nur wegen Mimi vor die Tür getreten. Der aufgeweckte Terrier mußte doch sein Geschäft verrichten und Opa Bölcke wunderte sich nur über diesen lärmenden Menschenauflauf. Von Halloween hatte er noch nie gehört.
Werner Fläming schüttelte noch ein wenig mißbilligend den Kopf, während er gleichzeitig verträumt grinste, als es auch schon an der Wohnungstür wild drauflos klingelte.
Der Startschuss war gefallen.
Noch ein letzter, kritischer Blick, dann wandte er sich der Tür zu und betätigte die Gegensprechanlage. Auf seine Frage hin, wer denn dort sei, kreischten gefühlt 15 Kinder, dass sie Süßes wollten, sonst gäbe es Saures.
Werner Fläming drückte schmunzelnd den Haustüröffner und öffnete seine Wohnungstür sperrangelweit, um die beste Sicht auf sein aktuelles Werk zu gewährleisten.
Dann erst ging er ein paar Schritte zurück in die Wohnung und schnappte sich einen knallgelben Stoffbeutel, den er lässig in der linken hielt; einfach nur abwartend.
Der kindliche Tumult schwoll an. Immerhin konnten die Kleinen sich ein wenig dabei ausarbeiten, dass sie zwei Stockwerke hoch jagen mußten, um Werner Flämings Wohnung zu erreichen.
Wie von einem Schockzauber gebannt blieben sie auf der Schwelle stehen, während nacheinander die Augen hervortraten und die Münder wiederum aufklappten.
Werner Fläming grinste breit.
„Eintritt kostet genau ein Bonbon pro Kind. Jeweils aus dem eigenen Vorrat. Erwachsene dürfen selbstverständlich unentgeltlich eintreten.“, stellte Werner Fläming wie auch die letzten drei Jahre klar und griff mit der rechten den zweiten Träger des Beutels und spannte ihn auf.
Die Größeren wußten Bescheid. Die Kleineren machten es ihnen nach, wobei dem einen oder der anderen erklärt wurde, was es nun zu tun galt.
Die erwachsenen Begleitpersonen, Herr Diminodomoloklycz und Frau da Silva, winkten ihm erleichtert zu und traten mit ein.
Werner Fläming und sein Schaffen waren im Viertel durchaus bekannt und so verwundert es wohl kaum festzustellen, dass sich dreieinhalb Stunden später sein knallgelber Stoffbeutel gewaltig gefüllt hatte. Ein buntes Meer aus Miniaturzuckerbomben ließ den Beutel merklich schwellen. Werner Fläming wog ihn mit den Arm und meinte um die zwei Kilo stemmen zu müssen. Vielleicht auch mehr.
Schnurstracks wandte er sich beschwingt der Küche zu und trat dort angekommen an seinen Mülleimer heran; betätigte per Fuß die Klappenöffnung und kippte seine gesamten Einnahmen strahlend in die Öffnung desselben hinein.
Er schüttelte den Beutel noch eingehend aus, ließ die Mülleimerklappe zufallen und griff sich ein alkoholfreies Bier aus dem Kühlschrank.
Aber mehr weiß ich auch nicht
Geruede

