Der Lebenswald

Förster„Wir sind Blagen, dachte Förster, Blagen kurz vor der Rente.“

Was macht man denn so, eine Woche vor seinem fünfzigsten Geburtstag?! Das vorherige Leben kommt einem wie das reinste Schlaraffenland vor und man hat das Gefühl, irgendwas Verrücktes, irgendwas ganz anderes machen zu wollen. Sein Leben umzukrempeln. Förster, ein zur Zeit etwas einfallsloser Autor, ist in so einer Stimmung. Einerseits ist er ein auf dem Boden gebliebener Neunundvierzigjähriger (mit einem Bein im Fünfzigsten Lebensjahr), andererseits spinnen gerade seine Freunde sich munter in ihre Midlife Crisis hinein. Doch was war denn früher so viel besser?

„Es ist doch so, dachte Förster: Das Einzige, was früher wirklich besser war, das sind die eigenen Augen und Gelenke.“

Der Fränge hat ein In-Cafe und viele Schüler und Jugendliche zu Besuch. Mit der Peggy, die bei ihm arbeitet, Anfang zwanzig, hat er eine Affäre, doch warum macht er das? Er hat doch die Uli, die Bildhauerin ist und wohl definierte Arme durch die Hauerei besitzt. Das, was er neu durch die Affäre bekommt, ist längst nicht das, was erwartet wird.

„Es ist ein alter Hut, dass die Vorstellung, die man vorher vom Akt hat, immer besser ist als der Akt selbst. Kannst Du auf ein Kalenderblatt drucken, so alt ist das. Und in der Kunst ist es genauso: Du hast eine tolle Idee und musst hinterher damit leben, was du draus gemacht hast. Das passt nie richtig zusammen.“

Und der Brocki ist Lehrer und schlägt sich verbal mit dem Fränge, eine Liebe aus der Schulzeit. Alle drei mäandern durch einen heißen Sommer und warten auf … bessere Zeiten? Förster hat seine Schreibhemmungen, zur Lesung nach Berlin kommen keine Zuhörer, so muss er unverrichteter Dinge wieder abreisen. Sein neues Buch besteht seit Wochen nur aus ein paar Sätzen, denn:

„Stille bekam man hier nicht, niemals, nirgends, irgendwer oder irgendwas meldete sich immer, ein Kind, ein Auto, ein Radio, und wenn nicht, war da immer noch das Rauschen der Autobahnen und Hauptverkehrsstraßen, das führte alles früher oder später in den Wahnsinn, da musste man sich nichts vormachen“

So kommt es allen ganz recht, dass der Fränge sich einen gebrauchten Bulli kauft und die betagte Nachbarin Frau Strobel zu einer Reunion ihrer Tanzkapelle Schmidt an die Ostsee eingeladen wird. Der Weg ist das Ziel und auf ihrer Reise kommen alte Jugendlieben und – Sünden wieder hoch.

Frank Goosens neuer Roman ist einerseits eine Ode an die Midlife Crisis und ihre Folgen, andererseits fehlt es dem Roman trotz witziger Einschübe doch ein wenig an Zusammenhalt. Die einzelnen, meist sechs Seiten langen Kapitel, wirken etwas lose ohne Bindung. Die Geschichte läuft weiter, doch sie entwickelt sich ruckelnd ohne erzählerischen Fluss. Dabei bleibt er trotz plakativer Ideen (z.B. ein Hamster namens Edward Cullen) doch zu oft an der Oberfläche. Manche Gespräche, Charaktere hätte der Goosen besser ausgebaut und vertieft. So ist es insgesamt ein nettes, aber ein Buch ohne rechten Tiefgang. Der Roman und die angesprochenen Themen – Krise der Lebensmitte, verquickt mit Reunion einer Tanzkapelle, Bulli fährt an die Ostsee – schreien allerdings danach verfilmt zu werden und sind einfach zu gut um sie nicht auf die Leinwand zu bringen.

 

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 18. Februar 2016
  • Verlag : Kiwi
  • ISBN: 978-3-462-04892-6
  • Gebunden: 336 Seiten

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