Die belagerte Stadt

KalligraphIm Jahr 722 wird das persische Isfahan, das unter der Herrschaft der Safawiden steht, von afghanischen Stammeskriegen belagert, die die Stadt irgendwann einnehmen werden, so viel scheint den Bewohnern sicher. Allahyar ist gerade erwachsen geworden, er ist der Enkel des berühmten Kalligraphen von Isfahan, der Schriften des Sufis Rumis besitzt und auch selbst zu Papier bringt. In den Augen der strengen Herrscher ist er ein Ketzer, der ihrer Meinung nach gegen die islamische Lehre und die Gebote verstößt.

Als Allahyars Großeltern zu Beginn der Belagerung kurz nacheinander sterben, sieht er sich auf sich allein gestellt. Sein Vater ist tot, seine Mutter hat er nie kennen gelernt. Er muss nun sehen, wie er in der zunehmend schwieriger werdenden Situation zurechtkommt. Vor allem das Essen wird immer knapper und die Menschen hungern und sterben. Sein Großvater hat ihm außer einigen Kalligraphien einen Teppich hinterlassen, auf dem „die Fränkin“ abgebildet ist, eine Europäerin, so schön wie ungläubig in den Augen der strengen Führer. Allahyar erfährt, dass es sich dabei um seine Mutter handelt. Er möchte wissen, wer sie ist, aber zunächst gibt es einige Menschen, um die er sich kümmern muss: Die Christin Manusch, ganz offensichtlich in ihn verliebt, auf der anderen Seite Jasmin, die Allahyar liebt. Als es immer schwieriger wird, etwas zu essen bekommen, beginnt er, die Kalligraphien seines Großvaters zu fälschen, um sie gegen Essbares bei denen eintauschen zu können, die noch etwas besitzen, was sie hergeben können.

„Der Kalligraph von Isfahan“ von Amir Hassan Cheheltan ist ohne Zweifel ein Roman, bei dem der deutsche Leser einiges lernen kann, befasst er sich doch mit einem sehr speziellen Kapitel iranischer Geschichte. Im lesenswerten Nachwort erfahren wir mehr darüber und außerdem über die Gegensätze der schiitischen und der sunnitischen Lehre im Islam, sowie über den Sufismus.

Die Geschichte selbst konzentriert sich auf ihren Helden Allahyar und sein Leben zur Zeit der Belagerung der Stadt. Cheheltan erzählt in leichter, aber bildreicher Sprache davon, wie die Lage immer ernster wird, wie der Hunger alles beherrscht und die Menschen auch vor Gewalt und Brutalität nicht mehr zurückschrecken, um etwas essen zu können. Dazu kommt die ständige Angst davor, dass die Afghanen in die Stadt eindringen – es ist nur eine Frage der Zeit, wann das geschehen wird. Allahyar aber bleibt ruhig und versucht alles, um seine geliebte Jasmin zu beschützen und Nahrung für sie aufzutreiben. Er würde alles für sie tun, wie deutlich wird. Als Leser taucht man schnell ein in diese Welt, auch wenn der Roman einige kleinere Längen aufweist, in denen sich Geschehnisse recht ähnlich wiederholen und die Geschichte nicht vorangeht. Auch empfand ich als nicht ganz gelungen, dass bestimmte Handlungsfäden, zunächst offenbar sehr wichtig, dann fallengelassen wurden, wo bei mir als Leser die Erwartung geweckt wurde, dass es hier noch eine Art Auflösung geben wird. Auch die Rahmenhandlung, die Allahyars Geschichte vorangeht, ist im Grunde gar nicht zwingend und hätte ebenso gut weggelassen werden können.

„Der Kalligraph von Isfahan“ ist dennoch ein empfehlenswerter Roman, der in eine andere Zeit und auch in eine andere Welt entführt, eine Welt, die der Autor gekonnt in Worte zu malen weiß. Eine Geschichte, wie man sie nicht oft liest. Trotz kleiner Schwächen lesenswert!

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 16. Oktober 2015
  • Verlag : Beck Verlag
  • ISBN: 978-3-406-68345-9
  • Gebunden: 347 Seiten

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