Spät habe ich Anita Deckers Anfang 2025 erschienenen Roman : „Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben“ gelesen. Das Cover stach mir schon seit Erscheinen ins Auge, dieser Stil catcht mich, aber den Titel fand ich so blöde. Nun stand es in der Stabi rum und durfte probehalber, trotz des verrutschten Art House Titels, mit nach Hause.
Und ich hatte Spaß mit dieser Geschichte. Obwohl sie von Liebe handelt und keinerlei Klischeeberührungsängste beinhaltet.
Anita Decker schrieb vor langer Zeit das Drehbuch zu „Keinohrhasen“. Klischee kann sie und doch gefiel mir die Geschichte der fast fünfzigjährigen Nina, die sich mit ihrer beginnenden Menopause sowie diversen familieninternen und beruflichen Ärgernissen bis hin zu sexueller Belästigung auseinander setzen muss. Immerhin unterstützt durch Arbeitskollegin und Freundin Zeynep. Auf einer Upper-Class Kindergeburtstagsparty, herrlich klischeelastig, aber eben mit hohem Wiedererkennungswert, für die nachgeborenen Zwillinge ihres Exmannes und seiner neuen und natürlich erheblich jüngeren Influencer Ehefrau, der sie Unterstützung angeboten hat, trifft sie David.
Und fummmpp, der Blitz schlägt ein. Spät, aber total verknallt!
Viele Seiten lang denkt Nina darüber nach, dass es sie stört zwanzig Jahre älter zu sein. Ist ja auch ungewöhnlich und für ihre Restfamilie auch ungehörig, so im Patriarchat. Das liest sich witzig und hat mich tatsächlich zum Nachdenken gebracht. Klar, wenn der Lover nur ein bisi älter ist als der eigenen Sohn fühlt es sich bestimmt etwas pädophil an, auch wenn der potentielle Bettgefährte gerade 30 geworden ist. Nina macht sich sehr viele Gedanken, zaudert, zögert, setzt sich nebenbei noch mit der eigenen Familiengeschichte auseinander und mit ihrer jüngeren Schwester. Es ist ein großes Päckchen das sie zu tragen hat und ja, hin und wieder dachte ich mir mit etwas mehr gesundem Hedonismus hätten sich etliche Probleme in Wohlgefallen aufgelöst. Doch mir gefiel der Erzählstil der Autorin die Patriarchatskritik, Frauensolidarität, Sexuelle Belästigung und Familienaufstellung samt Eigentherapie so nonchalant fluffig zwischen 461 Buchseiten presst. Auch die Dialoge sind stimmig und ihre Beobachtungen sind verifizierbar. Ich fand es witzig, rasant und charmant zu lesen, obwohl die Protagonistin etwas dämlich rüber kommt, denn es sind wichtige Themen die behandelt werden und die mag ich mit Humor serviert lieber als im tatsächlichen Art House Film. Ich hab es gerne bunt und ohne Wackelkamera. Bestimmt kommen die „vernünftigen Erwachsenen“ irgendwann verfilmt im deutschen Kino. Dann bitte ohne mich, denn ich fürchte, dass dies in pure, platte Albernheit ausartet, die im Roman von der Autorin immer wieder eingefangen wurde.
Deckers Buch ist ein nachhaltiges Plädoyer für uns Frauen, sich aus den immer engeren Zwängen die das sich wieder ausbreitende Patriarchat uns setzt zu befreien und sie mit Füßen zu treten indem wir auf ihnen herumtanzen. Let’s dance.
Deswegen liebe BücherfreundInnen mag ich es. ;)
Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben von Anita Decker ist im Januar 2025 als Hardcover bei dtv erschienen.
Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.
