Leben in der Welt

Ein Mann, nicht mehr jung, Alter nicht ganz klar, lebt alleine und zurückgezogen in einem architektonisch herausragenden Haus in Brooklyn. Zurückgezogen, ohne wirklichen Kontakt zu anderen Menschen, außer jenen, die ihn mit den von ihm im Internet bestellten Waren versorgen. Und dieser einen Freundin aus früheren Tagen. Seine Studentin Charlene, mit der er sich angefreundet hatte, als sie (nicht mehr) in seinen Kursen war. Sie hatten etwas gemeinsam, das erkannte er trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft sofort. Als Charlene sich nach langer Zeit wieder einmal meldet und ihn um Hilfe bittet ist er zwar erfreut, doch würde ein Besuch alles, was er ihr während ihrer über Jahre hinweg dauernden Brieffreundschaft geschrieben hatte, als Lügen auffliegen lassen. Zwiegespalten macht sich Arthur daran, das Haus, sein Leben und die Beziehungen zu anderen zu hinterfragen und wird aktiv – oder zumindest so etwas ähnliches …

Liz Moores Spezialität scheint es zu sein, Situationen, Beziehungen, Ereignisse zwar einerseits ganz klar und deutlich erscheinen zu lassen, andererseits legt sie deren Vielschichtigkeit langsam und behutsam frei, wie eine Archäologin, die tief in den Sedimenten ein Objekt gefunden hat, das sie mit einem Teelöffel und einem Pinselchen freilegt, damit auch andere Menschen sich an dem Objekt erfreuen können. Und so war es auch dieses Mal wieder – die Lektüre von Moores zwar 2012 bereits erschienenem, jetzt erstmals von Cornelius Hartz ins Deutsche übertragenem Roman hat mich mehr als erfreut.

Allerdings muss ich auch sagen: wer ihre beiden bisher bei C.H. Beck erschienenen Romane kennt und ebenfalls einen Krimi erwartet, wird enttäuscht werden. Während Long Bright River und Der Gott des Waldes auch einen hohen Anteil an Spannung enthalten, entwickelt sich Der andere Arthur eher gemächlich, manchmal sogar etwas wiederholend, was aber eine einfach als Stilmittel der Verstärkung dient. Ein Pageturner im üblichen Sinn ist der Roman nicht, dennoch hat mich Moore mit ihrer Figurenzeichnung extrem gepackt.

Neben Charlene und Arthur gibt es noch eine dritte Hauptfigur, nämlich Charlenes Sohn Kel. Eigentlich heißt Kel ebenfalls Arthur, das entdeckt der junge Mann allerdings erst eher spät im Lauf der Geschichte. Und es ist auch Kel, für den Charlene Arthur um Unterstützung bittet. Denn Arthur ist all das, was Charlene nicht ist – so denkt sie zumindest: gebildet, intelligent, im Leben stehend. Kel soll ein erfolgreiches Leben führen, studieren können, auch wenn er selbst am liebsten nur Football spielen würde. Das Talent für eine Profikarriere hätte er wohl, seine schulischen Leistungen schätzt er selbst gering ein.

Doch wie das so ist mit uns Menschen: Realität und Wahrnehmung klaffen oft auseinander. Ganz besonders in jungen Jahren, in denen man seine Rollen, die man gegenüber verschiedenen Menschen bzw. in unterschiedlichen Situationen einnimmt, kaum in Einklang miteinander bringen kann. Ein Glück, wenn man da Menschen hat, denen man sich anvertrauen, ihnen gegenüber öffnen kann. Oft tut man das gerade bei Familienmitgliedern nicht, weil man sie nicht enttäuschen möchte. Und so werden vor allem Arthur und Kel während der Lektüre als Charaktere immer deutlicher.

Weshalb Arthur nicht mehr vor die Tür geht hat viele Gründe. Die Einsamkeit, die er schon immer verspürt hat, ist sein Alibi dafür, nicht mit anderen Menschen in Kontakt treten zu müssen. Schon immer kam er sich zu viel vor – zu groß, zu schwer und irgendwann gab es diesen Punkt, an dem eine Umkehr, ein anderes Verhalten nicht mehr möglich schien. Finanziell ist Arthur versorgt. Da nun aber ein Besuch ins Haus steht, muss er jemanden fremden einbeziehen, um sich nicht auch noch des Hauses wegen schämen zu müssen. Der eigene Körperumfang ist schon beschämend genug und schränkt zusätzlich ein. Arthur freut sich so sehr über den wiederaufgenommenen Kontakt zu Charlene, dass er sich nun sogar einer fremden Putzhilfe öffnet und gleichzeitig weiß er, dass er einige Dinge Charlene gegenüber klarstellen muss.

Auch Charlene war nicht ehrlich in ihren Briefen. Sie steht auf vielen Ebenen vor einem Abgrund, vor dem auch ihr Sohn sie nicht bewahren kann. Zu wenig ist ihm über sie wirklich bekannt. Zu jung ist er, als dass er tatsächlich etwas ausrichten könnte, zumal er ja auch nicht der Erwachsene ist. Und außerdem ist Charlene der Ansicht, dass Eltern ihre Kinder häufig unterschätzen, dass die Kinder schon klarkommen. Und dennoch möchte sie, dass auch ihr Sohn jemanden hat, der ihm hilft.

Während Arthur und Kel abwechselnd zu Wort kommen und Moore die unterschiedlichen Leben aus vielen Winkeln beleuchtet, dabei Leerstellen lässt, die später gefüllt werden und Charlenes Verhalten nicht nur für ihren Sohn erklären, haben sich für mich die Gedanken des jungen und des älteren Mannes quasi übereinandergelegt. Obwohl sie einiges trennt, nicht nur ihr Alter, fühlen und denken sie doch ähnlich.

Hört man Der andere Arthur in der Version vom Hörverlag, bleiben diese beiden Figuren eigenständiger, werden sie doch von zwei Sprechern verkörpert: Uve Teschner und Timmo Niesner geben den beiden unverwechselbare Stimmen und zeigen doch auf, was die beiden gemeinsam haben: sie sind einsam. Doch entgegen anderer Romane, die dieses nicht neue Thema verhandeln, setzt Moore nicht auf das Treffen dieser zwei Menschen als Lösung für Ihre Einsamkeit, sondern eher als Katalysator, selbst aktiv zu werden und sich somit für das Leben in der Welt zu wappnen.

Auch wenn Der andere Arthur ganz anders angelegt ist, als die beiden Romane, die ich von Moore bisher gelesen bzw. gehört habe, ist auch dieser wieder ein Highlight für mich. Denn wenn Struktur und Sprache sich abheben von all den vielen Erscheinungen, die ein Buchjahr so mit sich bringt, dann kann ein sicherlich schon vielfaches Thema auch noch einmal bei mir landen. Absolute Lese- bzw. Hörempfehlung unter der Prämisse, dass man so offen an die Lektüre geht, wie Liz Moore das Ende dieses irgendwie fesselnden Romans gestaltet hat.

Mit großem Dank an beide Verlage für das jeweilige Exemplar!

Der andere Arthur von Liz Moore, übersetzt von Cornelius Hartz, ist im Januar 2026 bei C.H. Beck im Hardcover und bei Der Audio Verlag als Hörbuch, gelesen von Uve Teschner und Timmo Niesner erschienen. Für mehr Information zum Buch über Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf den Verlagsseiten.

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