Heavy Metal Drummer

Nun, eine Heavy Metal Band ist Wilco nicht und die Musik von Jeff Tweedy geht beileibe nicht in die harte Richtung. Das oben angesprochene Lied ist eines meiner Lieblingslieder der Gruppe, das die Bandbreite, die Tiefe und die Leichtigkeit der Musik von Wilco sehr gut zeigt.

Eines meiner Lieblingszitate ist: „Wer hören will, muss lesen“ und wer sich viel mit Musik beschäftigt, weiß das geschriebene Wort zu schätzen. Hintergründe, Zusammenhänge der Musik sind erst zu erfassen, wenn darüber gelesen wird, wie Musik entsteht, wie Musiker darüber denken, wie sie aufgewachsen sind, welches ihre ersten Erfahrungen mit der Musik in ihrem Leben sind, welche Einflüsse sie haben.

So ist auch das hier vorliegende Buch wichtig, um zu verstehen, wie Wilco so wurden, wie sie jetzt sind. Und es ist eine der berührendsten, ehrlichsten und bescheidensten Autobiografien geworden, die ich je gelesen habe. Und sie hat mir die Musik von Jeff Tweedy viel näher gebracht, als es das Hören geschafft hat.

 

„Was wir auf der Bühne machen, bedeutet uns allen eine Menge, aber wenn da nur die Band ist, allein in einem Raum, ohne Publikum, nur wir sechs, und wir gemeinsam einen Song wiederentdecken aus keinem anderem Grund, als zu gucken, ob wir es können – dann sind wir am dankbarsten dafür, das wir machen dürfen, was wir mache. Diese Momente rufen uns auf die reinste Weise in Erinnerung, was uns damals bewogen hat, Musik machen zu wollen. Musik ist Magie.“

Jeff Tweedy wächst in Belleville im Bundesstaat Illinois im mittleren Westen auf. Er erlebt eine geruhsame Kindheit, sein Vater ist Bahnarbeiter, die Mutter Hausfrau, beide ziehen ihr Kind zwanglos auf. Mit Musik kommt er durch seinen älteren Bruder in Kontakt, zur Gitarre greift er, als ihn ein schwerer Unfall an das Bett kettet. Dann nimmt er auch wieder das weggelegte Instrument in die Hand und lernt es leidlich zu spielen.

„Natürlich hatte ich überhaupt nichts erfunden, ich hatte es lediglich für mich selbst entdeckt, was jedoch eine unglaublich ermutigende Art des Lernens ist. Jahre später haben meine Frau und ich ein kleines Vermögen ausgegeben, um unsere Kinder auf eine Montessori-Schule zu schicken, wo man ihnen beibrachte, wie man lernt und nicht was. Ich war ein wenig neidisch, tröstete mich aber mit dem Gedanken, dass ich nie in die Arme asozialen Verhaltens und erlösender Rockmusik getrieben worden wäre, wenn man mich damals zu dieser Art des Lernens ermutigt hätte. Anstatt mir das Gitarrenspiel beizubringen, hätte ich vielleicht eine Fremdsprache gelernt oder wäre Wissenschaftler geworden oder Arzt und dadurch heute in der Lage, den Menschen wirklich zu helfen. Im Ernst, ich habe Schuldgefühle deswegen, als wäre es mein Fehler gewesen. Wahrscheinlich habe ich mich aber zumindest irgendwie selbst gerettet, und das ist ja schon mal was.“

Diese Zeilen berühren und zeigen, wie tiefgründig und selbstreflektierend dieser Mann ist, dankbar für den Weg, den das Leben ihm gegeben hat und nicht verbittert ob der verpassten Chancen. Ein Mensch, der sich selbst akzeptiert, wie er ist und das, trotz all der Schwierigkeiten und Rückschläge, die das Leben ihm boten.

Jeff Tweedy gründete mit seinem introvertierten Freund Jay Farrar die Country und Americana spielende Band Uncle Tupelo. Nach dem Zerbrechen der Freundschaft zerbrach auch die Band, Jeff gründete Wilco und Jay die Band Son Volt. Anfangs orientierte sich Wilco noch an den Country-Folk Klängen, doch schon das Album Yankee Hotel Foxtrott betrat mehr elektronische Wege und wurde von der damaligen Plattenfirma Warner Music Group abgelehnt. Die Band kaufte das Album der Plattenfirma ab und veröffentlichte es in Eigenregie. Es wurde ein erster großer Erfolg, wie auch das nächste Album A Ghost is Born, welches 2005 den Grammy für das Best Alternative Album erhielt.

Jeff Tweedy war auch Drogenabhängig. Geholfen hat ihm die Liebe zu seiner Frau Susie, deren erste Begegnung er in dem Buch in einem Comic verewigt. Ein Blitz traf beide aus heiterem Himmel (sic!) und seitdem fand er etwas, weitab seiner Musik, das ihn festhielt und stärkte.

„Meine Gefühle für Susie und die Art, wie sie mich geliebt und verändert hat, passen nicht in meine Songs. Das ist zu groß für Songs. Vielleicht kriege ich hin und wieder einen Teil davon zu fassen. Manchmal gelangt es tief in das Stück, wo ich es spüren kann, aber es wird nie in Worte gefasst. Wenn du je in einer Beziehung warst, die du für selbstverständlich gehalten hast, auch wenn sie das Einzige war, das dich auf den Beinen hielt, und wenn du das irgendwie, obwohl du Dich wie ein Idiot benahmst, nicht verloren hast, dann weißt du, wie schwierig es ist, dieses Maß an Dankbarkeit zu vermitteln, geschweige denn in Musik zu verwandeln. Ich wüsste nicht mal, wo ich anfangen soll.“

Jeff Tweedy ist trotz seiner relativen Bekanntheit ein bescheidener Mensch geblieben, der gerne Musik schreibt, um zumindest sich selbst zu retten. Sollten noch andere Menschen seine Musik lieben, freut er sich, aber letztendlich macht er die Musik, die er machen will, nicht die, die von ihm erwartet wird. Und so hat er in seinem Musikerleben so manche Wendung vollzogen. Heute klingen Wilco viel experimenteller als am Anfang, seine Wurzeln des Mittleren Westen kann er aber nicht verleugnen. Nach dem Projekt mit Billy Bragg, alte Woody-Guthrie-Lieder aufzunehmen, trat eine große Musikerin in sein Leben.

„Mavis (Staples) hat hinter Martin Luther King Jr. gesungen, in The Last Waltz mitgespielt und vor vielen Jahren mal mit Bobby Dylan geschmust (ihre Worte). Sie hat sich also mindestens ein Anrecht darauf verdient, in ein Studio zu kommen, Anweisungen zu bellen und allen Anwesenden genau zu sagen, wie man eine verdammte Platte macht. Stattdessen begegnet sie der Sache mit Bescheidenheit, weil sie davon ausgeht, dass sie nicht die einzige talentierte Person im Raum ist und vielleicht noch nicht zu alt, um etwas Neues auszuprobieren. Ich will in einer Welt voller Menschen wie Mavis leben.“

You are not alone hat Jeff Tweedy produziert, dafür zwei Songs geschrieben und hinter der wunderbaren Stimme von Mavis Staples spielt die Band Wilco. So entspannt und leicht habe ich sie noch nie spielen hören. Es ist ein wunderschönes Album geworden und gewann auch noch einen Grammy. Und all seine Lebensgeschichte, bis heute, hat Jeff Tweedy in diese berührende Autobiografie gesteckt, die zeigt, wie es zu der Musik und dem Menschen kam. Eine der schönsten Autobiografien die ich je gelesen habe und die mir die Musik von Jeff Tweedy noch näher gebracht hat. Eine klare Leseempfehlung.

Let’s Go von Jeff Tweedy ist 2019 im Verlag Kiepenheuer und Witsch erschienen. Weitere Informationen über einen Klick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

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