Ein Seelensuchender

Als meine Kinder noch im Kindergarten waren, stellte sich uns die Frage, wohin mit dem Nachwuchs, wenn es in die Schule gehen soll. Da in unserer Nähe eine Waldorfschule war, kamen wir überhaupt erst auf die Idee nach einer Alternative für die staatliche Schule zu suchen. Nach einigen Informationsabenden an den Schulen und Diskussionen mit befreundeten Eltern, entschieden wir uns gegen die Waldorfschule. Zugegebenermaßen hauptsächlich, weil mir die Idee des Einflusses in das tägliche eigene Leben und das Verbot des Fernsehers (auch für die Eltern) nicht gefiel. Andere mögen es für profan halten, aber mir war der Tatort am Sonntag wichtiger, als eine mir etwas esoterisch erscheinende Idee der Kindererziehung. Die Schule hatte für mich auch etwas Sektenhaftes an sich, und gegen Sekten und die damit verbundenen Eingriffe in meine persönliche Freiheit zu leben, hatte ich schon immer eine innere Abneigung.

Ein befreundetes Elternpaar schickte ihre zwei Jungen auf die Waldorfgrundschule und während meine Mädchen lesen und schreiben lernten, lernten die beiden Jungs Buntstifte mit den Zehen zu halten und Zahlen zu malen. Sie konnten in fünf Fremdsprachen die Zahlen von eins bis zwanzig malen; zusammenrechnen konnten sie sie aber nicht. Man mag jetzt davon halten, was man will, ich fand in dem Moment die staatliche Art der Schule griffiger. Erst viel später habe ich mich intensiver mit der Anthroposophie beschäftigt. Hier nun liegt eine Biografie des Begründers Rudolf Steiner vor, die vieles der anthroposophischen Gedankenwelt beleuchtet. Für mich persönlich ist die Entscheidung der Schulwahl meiner Kinder aus heutiger Sicht betrachtet, immer noch die bessere gewesen.

 

Wer war Rudolf Steiner? Was für ein Mensch war er? Wie kam er zu seinen noch heute aktuellen Ideen im Bereich der Architektur, Kunst, soziales Leben und der Landwirtschaft. Marken wie Weleda und das Demeter-Konzept gingen aus dem von ihm gegründeten anthroposophischen Gedanken hervor. Die Waldorfpädagogik mit Schulen und Kindergärten überall auf der Welt, sind auch Kinder seines facettenreichen Ideenreichtums. Über den Mensch Rudolf Steiner ist wenig bekannt, Miriam Gebhardt hat es sich in dem vorliegenden Buch zur Aufgabe gemacht, die dünne Faktenlage zusammenzutragen und anhand von Weggenossen und Frauen (ganz wichtig!) im Leben Rudolf Steiners, ein Gesamtbild zu erstellen.

Steiner (*27.Februar 1861) wuchs als Kind eines Eisenbahners in Österreich auf. Sein Vater zog von Berufs wegen viel um und war selten zu Hause, die Aufmerksamkeit seiner Mutter richtete sich bald auf seinen fünf Jahre jüngeren, gehörlos geborenen Bruder. Steiner sollte in seiner Schulzeit seinen Halt weniger im sozialen Umfeld oder in Freundschaften finden, seine Lebenskoordinaten suchte er in abstrakten Formen im geliebten Mathematikunterricht.

„Dabei hatten Ordnung, Regelhaftigkeit und Klarheit einen großen Stellenwert; Eigenschaften, die man in all seinen späteren Arbeiten als Anthroposoph wiedererkennen kann, ganz besonders in seinen Architekturvisionen.“

Nach Schule und Universität, an der er die fehlenden sozialen Interaktionen der Schulzeit nachholte, führten Steiners weitere Wege nach Weimar, wo er an einer Goethegesamtausgabe arbeitete und Anna Eunike kennenlernte, die 1899 seine erste Frau wurde. Steiners damalige Hinwendung zum Okkultismus, die mit eine der Grundlagen des Anthroposophismus ist, muss im Sinne der damaligen Zeit verstanden werden. In Zeiten aufkommender Technik und nachlassender „Normierungskraft der Kirche über die individuelle Lebensführung“ wurde der Okkultismus zu einer starken gesellschaftlich akzeptierten Strömung. Gestärkt durch diese spirituelle Sicht der Dinge gelang es Steiner ,den anthroposophischen Gedanken auf Grundlage der idealistischen Philosophie aufzubauen. Auch ein „Versuch, das Metaphysische vor der Verbannung ins Spekulative zu schützen. Es ging um den Status des Nichtmateriellen, um Gott und Seele in Zeichen der Eisenbahn.“ 

Auf Steiners Weg begleiteten ihn viele Frauen, die empfänglicher für seine spirituellen Ideen waren. Diese Frauen die auch über den Status seiner persönlichen Assistentinnen durchaus zweimal zu seiner Ehefrau wurden, kamen aber wohl nie in den Genuss der fleischlichen Liebe, die Steiner Zeit seines Lebens ablehnte. Steiner genügte die Seelenverwandtschaft, leibliche Kinder hatte er deswegen auch nie.

Steiner entwickelte gerade in seinen Reden eine ungeahnte Stahlkraft, die seine Zuhörer in den Bann zog. Seine Inhalte waren dabei nicht so wichtig, vielmehr verhielt „er sich sehr situativ und schöpfte zu bestimmten Momenten an bestimmten Orten seine Verhaltensoptionen aus.“  Er kam dabei „einem in bestimmten Kreisen der Gesellschaft verbreiteten Bedürfnis nach, den hergebrachten linearen bürgerlichen Lebensentwurf zu überwinden.“

Trotz der großen Überzeugungskraft Steiners bei seinen Reden, sahen doch prominente Kritiker, wie der Zeitzeuge Kurt Tucholsky bei einer Rede vom 3.Juli 1924, Steiners Inhaltlosigkeit. „Wenns mulmig wurde, rettete sich Steiner in diese unendlichen Kopula, über die schon Schopenhauer so wettern konnte: das Fühlen, das Denken, das Wollen – das ‚Seelisch-Geistige‘, das Sein. Je größer der Begriff, desto kleiner bekanntlich sein Inhalt – und er hantierte mit Riesenbegriffen.“ so kritisch Tucholsky. Doch dies hinderte nicht den Siegeszug der Anthroposophie in den nächsten Jahren.

Gestärkt auch durch den Zulauf der adligen finanzstarken Fürsprecher baute Steiner in Dornach das Goetheanum auf, ein anthroposophisches Kongresszentrum, das nach einem Brand 1922 doppelt so groß wieder aufgebaut wurde. Dort starb Steiner auch am 30. März 1925 und ist ebenda begraben. Seine gegründete Waldorfpädagogik und die Namen Demeter und Weleda haben den zweiten Weltkrieg überdauert.

Miriam Gebhardt führt die verschiedenen Lebensstadionen Steiners geschickt mit den wichtigen historischen Daten zusammen, was ich mir von einer Biographie erhoffe und erwarte. Dabei geht sie auch auf die Vorwürfe ein, die öfter an die Waldorfpädagogik angetragen werden. Der Antisemitismus, den man Steiner vielerorts vorwirft, ist größtenteils auch aus dem Kontext der Zeit geboren. Der erstarkende Nationalismus in Deutschland, den Steiner intuitiv in seine Lehren einbaute, ist nicht Teil eines von ihm wirklich praktizierten Hasses gegen andere Völker, wie des jüdischen. Man mag Steiner trotzdem die sicherlich etwas naive Gedankenlosigkeit bei der Aufnahme des Rassenbildes in seinen Lehren vorwerfen. Die Waldorfpädagogik punktet nicht durch Differenzierung und Pluralismus, gibt den Schülern aber einen starken sozialen Rückhalt. Ehemalige Waldorfschüler finden sich auch deswegen hauptsächlich im sozialen Bereich und als Künstler wieder.

Miriam Gebhardt hat hier eine starke, objektive Autobiographie geschrieben, die mir sehr viel Hintergrundwissen der damaligen Zeit vermittelt und die Anthroposophiebewegung stark beleuchtet. Diese ist durch Steiners Tod und seine Kinderlosigkeit auf dem Stand von 1925 geblieben, sie ist sehr stark an seine Person und seine ausdrucksstarke Persönlichkeit gebunden. Alleine die Fülle der Daten und Erlebnisse in Steiners Leben macht es wert, dieses Buch zu lesen, das im Ton angenehm wissenschaftlich, aber doch im Stil flüssig geschrieben ist.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 25.März 2013
  • Verlag: Pantheon
  • ISBN: 978-3-570-55180-6
  • Paperback: 368 Seiten

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