Gustav Gans mit Locken – let the sunshine in

Frisch aus der Stadtbibliothek zurück und die Schätze flugs ausgepackt, trafen mich ungläubige Blicke des Göttergatten und Spott und Hohn der pubertierenden Kids. Später folgten irritierte aber nette Nachfragen in meinem Social Reading Forum. Ich bekenne mich schuldig. Ja, ich habe die Autobiographie von Thomas „Wetten Dass“ Gottschalk ausgeliehen. „Herbstblond“.

Der Mann ist ein Sympath. Für mich schon immer gewesen. Womöglich, weil wir uns eine ähnliche Haarpracht: Nichtfrisur, wie er die seine bezeichnet, teilen. Dampfplauderer, Kniebegrapscher, seichter Entertainer- ein Filmkritiker (Reinhard Mohr) bescheinigte ihm gar eine „endemische Strahlemann – Mimik“, mag sein, wurscht. Ich mag ihn. Seine Klamottenwahl, seine positive Art und ich war neugierig.

Wie lebt einer, dessen Leben so nach Sonnyboy ausschaut?

In seiner Kindheit kann man fündig werden. Er sagt von sich selbst, auf eine fast völlig ungetrübte, glückliche Kindheit zurückblicken und greifen zu können. Da sammelte jemand eine gesunde wunderbare Menge Urvertrauen.

So liest sich die weitere Berichterstattung des Gottschalkschen Lebens auch wirklich völlig zynismusfrei. Da wird nicht gejammert, da scheint es, als wird Karriere so nebenbei gemacht. Immer tat sich ein weiteres Türchen auf und das passte dann. Er war in etlichen Belangen der Erste, der es tat, ein Vorreiter im Radio. Frisch, frech und immer seinen Hoffman v. Fallersleben, dabei …die Gedanken sind frei…“

Wirklich nett sind die für die einzelnen Kapitel gewählten Überschriften. Alles Songtitel. Mit den Beatles „From me to you“ geht es los.

So liest sich seine Kindheit anfangs recht nett, auch die Karriereanfänge noch ganz interessant. Er erzählt wie gewohnt. Nett und lustig. Karriere ist ein Grundthema bis über die Hälfte des Buches, für mich weniger spannend, fast schon hätte ich das Buch weggelegt, da fängt der Erzähler plötzlich an daher zu philosophieren.

Nach dem Ende von „Wetten Dass“ übernahm Gottschalk also, Kapitel: Road to nowhere (Talking Heads)das „sogenannte Tal des Todes“ im Vorabendprogramm der ARD. „Titan im Ruhestand“ war nicht sein Streben. Er wollte es weiterhin wissen. So kam es zu „Gottschalk Live“. Er sah sich „als Anwalt der Halbinformierten und der Wissbegierigen. „Ich wollte das Publikum der Shopping Queen auf die Frankfurter Buchmesse mitnehmen und die Bildungsbürger zur Fürstenhochzeit.“

Es funktionierte nicht. Später bei RTLs „Back to School“ ist Carmen Geiss Studiogast.

Für mich unterste Schiene, weniger Unterhaltung als Peinlichkeit, aber Thomas Gottschalk, wir erinnern uns, ist kein Zyniker und hat die große Stärke, den Menschen hinter all dem Chichi Schein zu sehen. Kein böses Wort folgt von ihm, aber er beginnt, sich Gedanken zu machen über die Zukunft des Entertainments und die zu unterhaltende Masse:

„Was bleibt ist die Frage, wo ich hingehöre. Zu Deep Purple. Dann bin ich von gestern. Oder muss ich die Geissens gut finden, um auf dem Laufenden zu sein? Da sehe ich mich nicht. Gibt es eine Position in der Mitte, oder säße ich dort zwischen allen Stühlen? Ist Carmen Geiss in sich richtig, aber an sich falsch? Wenn sie richtig ist, dann liege ich falsch. Es ist ein Unterschied, ob man ein Reality – Format wie das Dschungelcamp inzwischen auch als kultureller Feingeist gut finden kann, oder ob man selbst zu den Protagonisten eines derartigen Affenzirkus gehört.“

Adorno muss herhalten: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“

Bei soviel Zweifel konnte die Lektüre niemals unterbrochen werden und siehe da, es ging interessant weiter.

Im Kapitel Money (Pink Floyd)falls es Menschen gibt denen dieser eklatant großartige Teil der Musikgeschichte nicht mehr, oder noch nicht geläufig ist, beschäftigt er sich mit Schein und Sein der Reichen, nicht ganz so Reichen und Berühmten.

Geprägt von Hans Küng, katholisch aber, im gegesatz zu ihm unpolitisch kirchenkritisch findet er, auch durch den in der Kindheit gelegten Glaubensgrundstock den Halt und die Sicherheit, optimistisch durchs Leben zu gehen. Unangenehmes ausblenden zu können ist auch eine Lebenskunst.: „Dass ich dunklen Gedanken konsequent aus dem Weg gehe, ist kein Geheimnis.“

Da ich keine sonderlich aufmerksame „Yellow Press“ Leserin war und bin, habe ich nie mitbekommen, dass Thomas Gottschalk Mitte der Achtziger Jahre für  Mc Depp  Werbung lief. Als Reaktion schrieben ihm enttäuschte Schulklassen traurige Briefe, und als er anlässlich einer verlorenen Wette am Rosenmontagskarnevalsumzug ohne Fluchtmöglichkeit durch die Stadt gekarrt wurde, bewarfen ihn entrüstete Fast Food Gegner und Umweltschutzgruppen mit Cheeseburgern.

Präventiv wollte er Anteile vom später verdienten Haribo Werbungssalär an den Deutschen Kinderschutzbund spenden, als die sich zierten, es nicht wollten, wurde die Kohle kurzerhand in den ersten einer Reihe amerikanischer Wohnsitze, ein Haus in Malibu, investiert. Eine gute Investition, denn in den USA, relativ unbekannt zu leben, war sicherlich sowohl Erleichterung, als auch Bereicherung für ihn und seine Familie, wie im Kapitel Kalifornia Dreamin‘ nachzulesen ist. Interessant fand ich seine Beschreibung des Lebens und der Gesellschaft in den USA und herzlich Lachen beim Hauskauf war auch drin. Filmanekdoten und -dötchen runden das Bild einer genussvollen „Rampensau“ mit Moral, die an den heutigen Medieninhalten gesunde Zweifel hat, sauber ab.

Alles in allem ergibt sich, wie erwartet, dass Bild eines in sich ruhenden, unprätentiösen, humorvollen Hedonisten und Familienmenschen, der deutlich mehr erzählen kann als Otto Normalverbraucher und den Spagat zwischen Berühmtheit, „Schein und Sein“, für sich erfolgreich gemeistert hat und von intuitiver Intelligenz gespeist seinen Weg ging.  „Glaube ohne ein gewisses Maß an Naivität halte ich als Lebenskonzept für untauglich.“

Lohnt es sich, diese amüsante, teils, soweit es Thomas Gottschalk Charakter, dessen Anteile er hier öffentlich macht, erlaubt, nachdenkliche Biographie zu lesen?

Für mich ja, denn seine Sicht auf die Welt ist von Dankbarkeit, Hoffnung,  Humor und Good Vibrations geprägt, und damit hat er es geschafft, das Rentenalter zu erreichen und sich die jugendliche Lebensfreude, ohne Grübeleien und Selbstmitleid, zu erhalten. Das zu lesen ist, trotz einiger Längen, erfrischend. Hardcore Fans mag der autobiographische Seelenstrip nicht weit genug gehen. Mir gefiel es, womit ich wohl nun endgültig und rechtmäßig in die Einschätzung meiner pubertierenden Söhne einzureihen bin als optimistisch, naive Flower Power Spießerin. Immerhin in guter Gesellschaft. Wobei Herr Gottschalk, wie bekannt ja eher dem Dinosaurier Rock als der psychedelischen Oldie Mucke zugetan ist.

 Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 27. April 2015
  • Verlag: Heyne
  • ISBN: 978-3-453-20084-5
  • Gebunden, 368 Seiten

 

 

 

 

 

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