Herumstehen und warten und herumstehen

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Da ich nun dem Zenit meiner bisherigen beruflichen Laufbahn entgegensehe, halte ich kurz inne, um einigen Reflexionen Raum zu bieten.

Zweifellos stellt meine jetzige berufliche Aufgabe die Quintessenz meines bisherigen Herumstehens dar. – Und was habe ich in meinem Leben nicht schon ungeduldig herumgestanden? Stunden und Aberstunden!

An Haltestellen. In Kassenschlangen. Auf der Post. In Staus. Vor besetzten Toiletten. Auf Arbeit. Das schier unendliche Heer roter Ampeln nicht zu vergessen. Auf langweiligen Parties und unvergessenen Pausen. Auf Konzerten und vor Eisdielen. Und an Grenzübergängen.

Und das alles, ohne daß es mir jemand angemessen entlohnt hätte.

Doch damit ist nun ein für alle Mal Schluß! Denn nun bin ich endlich im Bereich des professionellen Herumstehens angekommen. Und dies ohne sich jahrelang abrackern zu müssen, wie es sicherlich einem Großteil meiner zahlreichen Abiturjahrgängen erging, die nun gehörig Verantwortung tragen, große Geschäfte tätigen und fiese Waffen gegen das Putin entwickeln müssen.

Da ich die Frage einer passenden Berufswahl über Jahre hinweg nicht befriedigend beantworten konnte, bin ich erleichtert, nun endlich in dieser Hinsicht zum Kern meiner Existenz vorgedrungen zu sein.

Denn mit dem ewigem Herumstehen ist allermeistens eine ganz andere Tätigkeit verbunden, die allerdings auffallend oft mit dem Herumstehen miteinhergeht. Und dies ist die alles zermürbende Warterei auf irgendetwas. – Zum Beispiel auf Verlagsantworten. Oder Weltfrieden. Auf Beides kann man getrost warten.

Vielleicht warte ich aber auch auf ein Raumschiff. Das erscheint mir nicht allzu abwegig; bedenkt man nur, mit welcher Wucht sich das Leben allein auf diesem Planeten an den unmöglichsten Orten entfaltet. Aber auch diese Warterei kann noch dauern.

Womit man quasi auf der sicheren Seite ist. Denn wer wartet, hat wenigstens etwas zu tun. Er muß packen und anschließend nachdenklich durch die eigenen Räume streifen, um Abschied zu nehmen und sich zu vergewissern, daß nichts liegen geblieben ist.

Schließlich auf dem Koffer sitzend, überkommt einen ein kleiner Hunger. Woraufhin man sich wieder erhebt, um sich schmackhafte Pasta zu bereiten.

Während man auf die Nudeln wartet und Salatblätter zupft, überfällt einen die Erkenntnis der eigenen Fehler bei der Priorisierung des Kofferinhalts und man sieht ein, daß man da nochmal ran muß.

Doch die Pasta schmeckt umwerfend und schenkt eine wohlige Zufriedenheit; versetzt den Körper in eine beruhigende Schwere und man verschiebt alles Weitere auf Morgen und schaut Star Wars.

Dem Morgens wohnt oftmals eine erfrischte und hoffnungsvoll leichte Komponente inne, daß die Warterei im Heute ein für alle Mal endet und man befreit vom Klotz derselben in eine lichte Zukunft hineinschreitet. – Natürlich mit aller gebotenen Würde.

Mittags ist diese frische Hoffnung schon halb nagender Resignation gewichen und man macht sich an ein leichtes Risotto, um nicht vollends zu verzweifeln. Aber spätestens nach dem Tiramisu – also nach der Käseplatte! – muß man eine Entscheidung treffen. Beine hoch oder runter. Diese ganze Warterei dämpft doch gehörig.

Abends jedoch, nach einem eintönigen Nachmittag des erneuten Wartens, weiß man es schließlich: Man hat umsonst gewartet. Schon wieder.

Es herrscht noch immer Krieg. Echte Intelligenz nur in Spuren vorhanden. Und kein Raumschiff weit und breit. Unterm Strich: Eine magere Tagesbilanz.

Immerhin war das Essen ausgezeichnet.

Doch muß man sich schon die beschämende Frage gefallen lassen, ob sich das reine, das unentgeldlich geleistete Warten wirklich lohnt?

Denn tatsächlich erfährt die Tätigkeit der Warterei in unserer Gesellschaft keinerlei Wertschätzung. Somit erscheint es auch nicht weiter überraschend, daß der Zweig der professsionellen Warterei vollkommen unterentwickelt ist, wenn überhaupt vorhanden.

Und dabei bietet dieser bisher wenig geliebte Bereich menschlichen Wirkens ein erstaunliches Potential, das es noch zu ergründen gilt.

Wir kennen die Oberflächen schier unendlich weit entfernter Objekte besser als das Wesen der Warterei. Sie blieb uns bisher als gehemnisvolle Welt verschlossen.

Doch nun im beginnenden Zeitalter der Quanten basierten Technologien – worauf sich das Warten wirklich gelohnt hat – können wir zuversichtlich sein, auch dem Wesen der Warterei seinen Kern zu entreißen und in unserem Bewußtsein miteinfließen zu lassen.

Und all die ewige Warterei wird sich in lichten Dunst auflösen und endlich werden wir begreifen und die Warterei ein für alle Mal überwinden, um dadurch eine Freiheit zu erringen, die wir uns heute noch nicht einmal vorzustellen getrauen: Eine Welt ohne Warten.

 

Geruede, den Tränen nahe

(verfasst  Juni 2022)

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