Beispiel für eine politische Romantik

Bei dem 1818 erschienen Roman „Jean Sbogar“ von Charles Nodier handelt es sich wahrhaft um ein tollkühnes Werk im kompaktem Format.


Zur Zeit der napoleonischen Kriege in Norditalien angesiedelt enthüllt das Buch im späteren Verlauf ein beachtliches Maß an aufrührerischen und umstürzlerischen Ideen und Gedanken.
Und dies in einer Zeit nach der Restauration, also dem Wiedererstarken der alten aristokratischen Herrschaften in Europa.
Daher erscheint es auch nicht sehr überraschend, dass es zu Anfang anonym erschien.
Der angestrebte Geniestreich, den Charles Nodier hier vollführte, ging indes nicht auf.
Die Ansiedelung der Handlung zu Beginn des 19. Jahrhunderts, einer mitunter unschuldigeren Zeit, was den Umgang mit Gedanken und Ideen betraf, genügte keineswegs, um etwaigen Repressalien zu entgehen. Das Buch wirbelte doch erheblichen Staub auf und landete schließlich auf dem Index.
Mehr noch sah sich Nodier dem Vorwurf des Plagiats ausgesetzt.
In seinem 1832 für die dritte Auflage verfassten Vorwort setzt sich der Autor noch einmal eingehend mit dem damaligen Vorwurf auseinander und entkräftet diesen.
Meine heutige Art des Lesens passt allerdings nicht sonderlich zu der Art des Schreibens von vor mehr als 200 Jahren, so dass es von meiner Seite aus notwendig erschien, mich gewissermaßen herunter zu takten und für die wortreichen und ausführlichen Beschreibungen gerade zu Anfang dieses ansehnlichen Buches zu öffnen. Die hier aufgebrachte Geduld erschloss mir die Möglichkeit zum unverfänglichen Genuss der sprachlichen Ausschweifungen, die durchaus beachtlich zu nennen sind.
Und ermöglichte mir so ein Eintauchen in eine Zeit, als eine Reise von Triest nach Venedig noch ganze zwei Tag dauerte; etwas das heute in gut 90min bewerkstelligt werden kann.
Ebenso räumte man allen anderen Bereichen des Lebens mehr Zeit ein. Man entschleunigt automatisch, sofern man sich auf das Buch einlassen kann.
Eine exzellente Übersetzungsarbeit und editorische Bearbeitung machen die im FLUR Verlag erschienene Ausgabe zu etwas ganz Besonderem.
Stellte Charles Nodier doch jedem Kapitel ein scheinbares Zitat aus Werken von Shakespeare, Milton bis hin zu Schiller voran, die Überprüfungen allerdings nur in wenigen Ausnahmen standhalten.
Es handelt sich oftmals um freie Interpretationen, denen auch etwas hinzugefügt oder die schlichtweg anders gewichtet wurden. Dann wieder hält er sich an den zitierten Originaltext.
Es ist faszinierend, der Frage nachzuspüren, was er damit bezweckte.
Waren dies Beispiele für ein rebellisches Wesen, dem es nach subversiven Aufbrechen des literarisch Etablierten dürstete? Stellvertretend für alle Obrigkeiten?
Oder war man zu dieser Zeit im Allgemeinen eher frei im Umgang mit Zitaten? War es nur menschlich, mit Textauszügen zu spielen und sie weiterzudenken?
Es mag sein, dass sich die Antworten aus dem umfangreichen Vorwort von Charles Nodier herauslesen lassen.
Die Geschichte selbst ist tief romantisch eingefärbt; echte, tief empfundene Liebe soll als Kompass dienen, das Glück zu finden.
Ein mutiges und unübliches Vorgehen zur Zeit der napoleonischen Kriege, um die schutzbefohlene Schwester dem einzig richtigen Partner anzuvertrauen.
Es ist nicht die Liebe, die diesen Ansatz scheitern läßt. Es sind die vermaledeiten Umstände und unabänderliche Entscheidungen der Vergangenheit, die schließlich alles in Tragik tauchen.
Es dauert eine geraume Zeit, bis die Geschichte an Fahrt aufnimmt; nicht zuletzt wegen der zu vermählenden jüngeren Schwester, die äußerst zart besaitet ist und mehrere Male im Lauf der Geschichte in Ohnmacht fällt.
Zum Ende hin steigert sich der Spannungsbogen gehörig ohne dabei Risse zu erleiden.
Und entlässt den Leser tief bewegt und berührt.
Die im FLUR Verlag erschienene aktuelle Ausgabe ist eine vollständige, was nicht zu allen Zeiten gegeben war.
Mehr noch spürt man die buchmacherische Leidenschaft, diese Geschichte von Charles Nodier angemessen herausgeben zu wollen eben auch in jenen kleinen Tusche Zeichnungen, die jedes Kapitel nebst den oftmals angeblichen Werkzitaten vom vorherigen abheben.
Ich bin für die Zusendung und die Lektüre des „Jean Sbogar“ von Charles Nodier sehr dankbar und werde das Programm des FLUR Verlags weiterhin aufmerksam verfolgen.
Vielen Dank für die exzellente Arbeit an so vielen Stellen – ein ausgezeichnetes Geschenk.

Jean Sbogar von Charles Nodier ist aus dem Französischen von August von Hogguer und Johannes Mumbauer, überarbeitet und teilweise neu übersetzt von Alexandra Beilharz ist am 28 November 2024 gebunden im Flur Verlag Heidelberg erschienen. Für mehr Information zum Buch über Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite

Ein Gedanke zu “Beispiel für eine politische Romantik

  1. Pingback: Jean Sbogar

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..