Suche nach jüdischen Wurzeln in Wien

Ich mag jüdische Familiengeschichten aus aller Welt, insbesondere aus Wien sehr gerne und habe diesbezüglich schon viele gelesen, man kann sogar sagen, dass ich mittlerweile sehr tief in die Materie eingestiegen bin. Dieses Werk beschäftigt sich mit dem Urgroßonkel Isidor der ungenannten Ich-Erzählerin, die auf der Spurensuche nach ihren Wurzeln in Wien auf viele offizielle Dokumente ihres Verwandten im Staatsarchiv gestoßen ist, auf Briefe der Großeltern in Tel Aviv und nun versucht, Isidors Leben in Rückblenden zu rekonstruieren. Die größte Stärke der Geschichte ist die historische Komponente und der Umstand, dass eine berühmte, nicht ganz unbekannte Persönlichkeit, als sie noch eine kleine unbedeutende Sängerin war, in der Story mitspielt. Leider hat diese Stärke in dem Fall meiner Meinung auch eine klitzekleine Kehrseite, die mich bedauerlicherweise ein bisschen wehmütig zurücklässt.

Vor allem die bildungsbürgerlichen assimilierten Juden Wiens hatten vor dem Aufstieg der Nazis meist ein sehr interessantes Leben. Viele emigrierten bettelarm aus Galizien (heutige Ukraine) in die Hauptstadt der K&K Monarchie und hatten unter dem Schutz von Kaiser Franz Josef eine beispiellose Erfolgsstory vorzuweisen, studierten und entfalteten ihre Talente, arbeiteten fleißig, lebten ein fröhliches Leben voller Kunst und trugen maßgeblich zur Entwicklung Wiens als führende Kulturmetropole Europas zu dieser Zeit bei.

Ein derartiger Charakter ist auch der Urgroßonkel der Ich-Erzählerin Dr. Isidor Geller: in Lokutni, in einem kleinen Dorf in der Ukraine geboren, aus der Enge und Armut vor seinem strenggläubigen chassidischen Rabbi-Vater nach Lemberg zu einer ordentlichen weltlichen Ausbildung geflüchtet und in Wien als Kommerzialrat, Berater des österreichischen Staates, Finanzjongleur, Multimillionär, Opernfreund und Kunstsammler Karriere gemacht. Kurios ist auch das typische galizisch-jüdische Familienmuster, das schon in Joseph Roths Hiob angesprochen wird, in dem der strenggläubige orthodoxe bettelarme Familienpatriarch auf der derzeitigen Situation beharrt und meist verhaftet in den Traditionen und alten Strukturen zurückbleibt. Seine pragmatische Ehefrau und Mutter will, dass es die Kinder besser haben, pocht nicht auf den Glauben, sondern auf Bildung und Aufklärung, wandert aus, assimiliert und integriert sich zusammen mit den Kindern in europäische Gesellschaften. In der Fremde, oft in Wien oder Berlin steigen dann meist eines oder mehrere Kinder in der Gesellschaft zum Bildungsbürgertum oder sogar weiter auf. Wahrscheinlich hat sogar Joseph Roth einen solchen Lebenslauf gehabt, wenngleich er immer die Herkunft väterlicherseits verschleiert hat, die Biografie des Verlegers Joseph Melzer weist auf jeden Fall ein ähnliches Muster auf.

Isidors Familie ergeht es genauso, die Assimilation wird schon dadurch manifestiert, dass er und seine Geschwister nach dem Auszug aus dem Schtetl nach Lemberg zuerst einmal neue Namen annehmen, er hieß eigentlich ursprünglich Israel. Die Mutter reist als Stütze mit allen Geschwistern auf den einzelnen Stationen des Erfolges mit. Der Vater bleibt verbittert im ukrainischen Dorf zurück. Die Geschwister unterstützen sich gegenseitig beim Aufstieg, bei Rückschlägen und Problemen in der Fremde, die sehr schnell zur echten Heimat avanciert, da sich diese Familien so intensiv integrieren. Rund um den Urgroßonkel Geller wird die gesamte Familie und ihr Schicksal aufgestellt.

Nach zwei gescheiterten Ehen lernt Isidor in Wien die kleine ungarische Sängerin und Schauspielerin Ilona Hajmássy kennen, nimmt sich diese zur Geliebten, bezahlt ihre Gesangsausbildung und eine Suite im Hotel Kummer, und fördert aktiv die Karriere der wunderschönen Frau. Als später recht bekannte Staatsopernsängerin und Filmschauspielerin wird sie eines Tages mit 36 anderen Nachwuchsschauspielerinnen vom US-Filmstudio Metro Goldwyn Meyer in Europa rekrutiert, über den Atlantik mit dem Schiff nach Kalifornien verfrachtet und zum Hollywood-Filmstar ausgebildet. Durch eiserne Disziplin schaffen es zwei der 36 Anwärterinnen bis an die Spitze der Hollywood-Riege: Hedy Lamar, vormals Hedwig Maria Kiesler aus Wien und Illona Massy. Ilona versucht Isidor vor den Nazis zu retten und ihn nach Amerika einzuladen, aber dieser ist so überzeugt davon, dass ihm durch seinen Status nichts passieren kann, dass er alle Warnungen von Freunden und Familie in den Wind schlägt. Als einer der ersten wird er beim Anschluss schnell Opfer der Nazis, die es schon lange auf sein Vermögen abgesehen und sein Hauspersonal vorab schon korrumpiert haben. Ein großer Rest der Familie kann sich quasi in letzter Sekunde nach Israel retten und auswandern.

Gegen den inzwischen zu einem Rassenantisemitismus gewordenen Wahn – man müsse nur ins Deutsche Reich schauen -, gab es Goldfarb zufolge nur eine einzige Lösung: und die hieß Palästina. […]

Isidor schüttelte den Kopf. Von einer Kulturmetropole in die Wüste? Wie konnte man das nur wollen? Den soliden Beruf eines Buchhalters gegen Spaten und Hacke zu tauschen, um den steinharten Boden zu beackern und in Zelten unter den widrigsten Wetterbedingungen in Arbeitskleidung sein Dasein zu fristen? Das war kein Leben!

Die ganze Geschichte ist es wert, erzählt zu werden, eine interessante Biografie vom Aufstieg und Fall des Dr. Isidor Geller und seiner gesamten Familie. Jetzt muss ich aber noch meinen kleinen Wehmutstropfen ansprechen. Das Buch ist bedauerlicherweise viel zu sachlich im Reportage Stil formuliert. Ich vermisse hier schmerzlich die typische jüdische Fabulierkunst, die ich immer so liebe, den Humor, die blumige Sprache, oft auch versetzt mit jiddischen Formulierungen, die Gschichtln, die Anekdoten, die Übertreibungen und vieles andere mehr, was für mich den typisch jiddischen Stil ausmacht, den ich gar so schätze. Da habe ich in den letzten Jahren einige Romane und Biografien gelesen, die viel mehr die vielgeliebte Erzählform, die für mich einfach unbedingt dazugehört, transportieren: zum Beispiel Viktor von Judith Fanto, alle Werke von Jessica Durlacher, wie zum Beispiel Der Sohn oder Die Stimme, die Biografie von Joseph Melzer und viele andere mehr.

Fazit: Eine ausgezeichnete Story fast ohne Fehl und Tadel, die mir aber von der Tonalität her zu sachlich, zu reportagenhaft und zu wenig jüdisch war. Stilistisch fast so kurz und knapp wie ein Ferdinand von Schirach im Krimigenre. Interessant, spannend, lesenswert, aber mein Herz wurde leider nicht berührt.

Isidor von Shelly Kupferberg ist im Verlag Diogenes als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

4 Gedanken zu “Suche nach jüdischen Wurzeln in Wien

  1. @Bri ja um die Entstehungsgeschichte wusste ich, aber als jüdisches Buch in solch einer Länge war es mir dann dennoch um eine Nuance zu sachlich und trocken. Nichtsdestotrotz ein gutes Buch.

    Ich wollte auch nicht immer als Wortwiederholung Buch und Geschichte schreiben und hab deshalb hin und wieder den Begriff Roman gewählt, da es in vielen Dinge ja durchaus fiktionale Elemente in den Dialogen hat, die die Autorin erfunden hat, weil sie einige Sachen aus den Dokumenten nicht wissen konnte, denn eine klassische Reportage ist es ja auch nicht, oder wie würdest Du dieses Werk in einem Wort benennen? Ich hab jetzt den Begriff Roman den ich manchmal eingestreut habe, um Wortwiederholungen zu vermeiden mit Werk und Story umschifft. 🙂

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  2. Shelly Kupferberg hat diese Form des Erzählens wohl extra gewählt, sie ist der Geschichte ja nachgegangen, ohne allzuviele Anekdoten zu kennen. Es sollte eigentlich ein Radiofeature daraus werden, aber es wurde immer mehr Material. So wurde es ein Buch. Im Übrigen ist das Buch kein Roman im üblichen Sinn, das betonen Autorin und Verlag auch. Ich freu mich auf die Lektüre. LG, Bri

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  3. @Leselebenszeichen Ulrike
    Vielen Herzlichen Dank für Deinen Tip, das ist genau meine Baustelle, ich werde mich umschauen. 🙂

    Übernächste Woche kommt übrigens von mir auch eine Rezi zu einer jiddischen Kurzgeschichtensammlung aus Bessarabien (Rep. Moldau)

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  4. Da habe ich noch einen passenden Lektürehinweis für Dich.
    Der israelische Romancier Meir Shalev schöpft für den Roman „Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger“ bewegliche Wahrheiten aus dem biographischen Brunnen seiner Vorfahren und Verwandten.
    Die Hauptperson ist seine Großmutter Tonia, die Hauptsache ist ein Staubsauger, und die Haupthandlung dreht sich ums Putzen.
    Nachfolgend der Link zu meiner Rezension:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/07/31/meine-russische-grosmutter-und-ihr-amerikanischer-staubsauger/
    Nachtaktive Grüße
    Ulrike von Leselebenszeichen

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