Der Weizen(Einkorn) war’s und nicht die Nachtigallenzungen

Es lohnt sich, den ollen Doktor Faustus gelesen zu haben, denn hier taucht er wieder auf. Die Falle, die der hinlänglich bekannte Mephisto der Menschheit stellt ist ihre Selbstdomestizierung mittels des Getreideanbaus. Welcher letztendlich zu Gier, Überbevölkerung, Kapitalismus, Massentierhaltung  und anderen Unannehmlichkeiten der modernen Welt führt. Anschaulich wird das hier vorgeführt und besonders beeindruckend ist das, wie Harari es nennt „eherne Gesetz der Luxusfalle“: „Die Menschen erfinden Dinge, die sie nicht wirklich brauchen, und diese Luxusdinge werden schon bald unverzichtbar.“ Ist Mensch erst mal dran gewöhnt, kann er nicht mehr ohne und buckelt sich dafür ab. (Smarthomes und diese Lauschspeaker diverser bekannter Großkonzerne scheinen mir hier auch ein sehr gutes Beispiel zu sein.)

Es macht immens Laune, wie Sapiens 2 die weitere Menschenentwicklung schildert. Dr. Fiction ist wieder dabei und widmet sich dem Thema Mythen, um Franz Kafka den Weg zur Erläuterung hinsichtlich der Nützlichkeit der Bürokratie zu bahnen. Die Entwicklungsschritte der Menschheit samt ihren brutalen Auswirkungen, wenn sie, wie beim Kastensystem, der Hierarchie und der Sklaverei mal wieder tief in die Kiste mit den falschen Erzählungen zum Machterhalt einiger weniger gegriffen hat, sind hier sehr anschaulich beschrieben und auch wenn man darum weiß, es ist dennoch spannend, wie das Comic sie erzählt. Detective Lopez taucht auf, Paul McCartney findet sich auf einer Seite versteckt, der Zeichenstil erscheint mir versierter und detail- und abwechslungsreicher. Der Spaßfaktor ist größer als in Band eins, obwohl ich Hararis Bücher bereits kenne und in „Die Falle“ nichts Neues gefunden habe. Die Konzentration auf die Themen und ihre ausführliche Betrachtung sind dennoch fesselnd.

Und lustig. Beim angesagten Look für Alphamännchen     musste ich an die derzeitige Bartmode denken, die mich irgendwie an alte, längst vergangene, modemäßig fiese Zeiten erinnert und sehr viele Gesichtsbehaarungsträger sowohl modisch wie auch im Wortsinn alt aussehen lässt. (Ok, die inhabergeführten Barbershops brauchen natürlich eine Existenzberechtigung. Handyläden, Tattoo- und Nagelstudios können sich ja nicht unendlich weiterverbreiten.)

Was ich dem Comickünstlertrio um Harari aber schwer verübele ist, sich an John Lennon vergriffen zu haben und seinen herausragendsten Song zu kritisieren. Und nicht nur das; Lennon himself (klasse gezeichnet 🙂 ) sitzt am Strand  mit (stellvertretend für den Neoliberalismus) Maggie Thatcher, während Doctor Fiction warnt, was jene Geschichten, an die viele Menschen glauben, alles ausrichten können. (Impfgegner und ihre erstaunlich vielseitigen und doch argumentativ so armseligen Abstruserzählungen können hier als trauriges Beispiel dienen.)

Besonders gefreut hat mich die Betrachtung der friedlichen feministischen Revolution, die sich erfolgreich auf unserem Planeten ausbreitet. Da denkt frau immer was noch alles fehlt, wo dran es hapert,  aber diese Anerkennung, was in relativ kurzer Zeit geschaffen wurde habe ich mir so noch nie zu eigen gemacht. Ein sehr gutes Gefühl, so wie es auch Sapiens Die Falle hinterlässt, mit erwartungsvoller Vorfreude auf den nächsten Band.

Nie hätte ich gedacht, wie großartig sich „Die kurze Geschichte der Menschheit“ in Comicversion transformieren lässt und noch weniger, dass es ein derartiger Zugewinn sein könnte. Great. Wenn es nicht schade drum wäre, hielte ich es für die passende Pflichtlektüre für den Gemeinschaftskundeunterricht, aber wir alle wissen ja, welch traurige Ergebnisse bei Pflichtlektüre entstehen …

                                                                                      

Ein ideales Geschenk für Erwachsene, Jugendliche, comicaffine User, Nerds, Jedermann und Jederfrau und, wie in meinem Fall, für sich selbst. Kurzweilige, intelligente zum Denken anregende Unterhaltung mit deepstem Tiefgang 😉

Sapiens die Falle von Yuval Noah Harari, Daniel Casanave und David Vandermeulen ist im Oktober 2021 al Hardcover bei Ch. Beck erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

 

3 Gedanken zu “Der Weizen(Einkorn) war’s und nicht die Nachtigallenzungen

  1. Die Comics sind toll. Es schadet auch nicht Harari aufzufrischen, mich beflügelt das immer und es macht viel Spaß die Details zu entdecken. Kafka als Bürokratierklärer ist aber auch genial 😉

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